Verlagsgruppe Droemer Knaur



Anna Laminit

09.07.2010

um 1480 - 04.05.1518

Anna Laminit wurde um 1480 geboren und entstammte einer Augsburger Handwerkerfamilie. Ihre Mutter war wohl Barbara Laminit, eine unvermögende Frau, die außer Anna noch eine jüngere Tochter hatte, die um 1512 mit einem Sebastian Weiß verheiratet war. Sie wohnte in einem einstöckigen Haus, gegenüber Heilig-Kreuz, das einer Afra Kohler gehörte.

Über Annas Jugendzeit ist nicht viel bekannt. Als junges Mädchen mit etwa 15 oder 16 Jahren wurde sie „von Kubelns und anderer Bübereien wegen“ an den Pranger gestellt und mit Ruten aus der Stadt getrieben. Zu denjenigen, die ihre Gefälligkeiten als Kupplerin in Anspruch genommen hatten, gehörte auch Ulrich Rehlinger VI., den eine heimliche Leibschaft mit Ursula Gossenbrot verband, was den Heiratsplänen zuwiderlief, die Ursulas vermögender Vater Wilhelm Gossenbrot für seine Tochter hegte.

1497 kehrte Anna nach Augsburg zurück, möglicherweise begnadigt aufgrund von Fürbitten, vielleicht von Ulrich Rehlinger, der in dem Jahr Ursula Gossenbrot geehelicht hatte.

Eine Weile lebte sie als Seelschwester mit drei anderen Frauen im Seelhaus der Afra Hirn in der St. Annastraße, wobei unklar ist, wie es ihr gelang, Aufnahme in einem Haus für arme, ehrbare Frauenspersonen zu finden. Einzige Gegenleistung für freie Kost und Logis waren der Besuch der Gottesdienste, die für die Stifter gehalten wurden, die Pflege ihrer Grablegen und das Verteilen von Almosen in deren Namen.

Um diese Zeit wurde sie, vielleicht beeinflusst durch das Vorbild des Nikolaus von Flüe, zur Hungermärtyrerin. Angeblich nahm sie weder Speise noch Trank zu sich und ernährte sich einzig von der Hostie allsonntäglich in der heiligen Messe. So wurde sie bald als lebende Heilige verehrt. Ihr Ruf verbreitete sich rasch und selbst hochgestellte Persönlichkeiten wie Kaiser Maximilian I. und seine zweite Gattin Bianca Maria Sforza zählten zu ihren Bewunderern. Auch Martin Luther suchte sie im Jahr 1511 auf seiner Rückreise von Rom auf.

Annas Heiligkeit wurde zu einer einträglichen Sache, denn sie ließ sich Segen und Gebete reich belohnen und bald schon hatte sie ein Vermögen angehäuft, das sie durch Mittelsmänner gegen Zins verlieh. Im Jahr 1504 kaufte Barbara das Haus, in dem sie bis dahin zur Miete wohnte, und Anna verließ das Seelhaus, um zu ihrer Mutter zu ziehen.

Der Chronik des Wilhelm Rem zufolge hatte Anna eine Beziehung zum reichen Kaufmann Anton Welser, der ein Sohn entspross. Darüber hinaus wurden ihr sexuelle Beziehungen zum Pfarrer von Heilig-Kreuz und zu ihrem Beichtvater nachgesagt. Allmählich wurden Zweifel an Annas Heiligkeit wach. 1512 lud Herzogin Kunigunde von Bayern Anna zu sich nach München ins Püttrichkloster ein, um deren Heiligkeit auf den Grund zu gehen. Durch Löcher, die sie in ihre Kammertür hatte bohren lassen, ließ sie Anna beobachten und konnte sie so schließlich des Betrugs überführen. Dennoch verzichtete Kunigunde auf eine Bestrafung Annas, wenn diese künftig wieder essen würde. Doch nach Augsburg zurückgekehrt fuhr Anna darin fort, die Hungermärtyrerin zu spielen. Als dies der Herzogin zu Ohren kam, wandte sie sich an ihren kaiserlichen Bruder Maximilian, was schließlich zur Folge hatte, dass Anna 1514 abermals der Stadt verwiesen wurde. Doch man ließ große Gnade walten, denn man ließ ihr das Vermögen und sie fuhr hocherhobenen Hauptes auf einem Wagen des Welsers zur Stadt hinaus.

Anna fand zunächst Aufnahme bei den grauen Schwestern zu Kempten, wo sie weiter ihre Rolle als Hungermärtyrerin spielte. Dort wurde ihr Schwindel jedoch schon bald erkannt. Von Kempten aus ging sie nach Kaufbeuren und lernte dort den verwitweten Armbrustmacher Hans Bachmann kennen. Sie zog mit ihm nach Freiburg im Üchtland, wo Hans bei der Stadt angestellt war und heiratete ihn am 24.11.1514.

Für den Sohn, den Anna von Anton Welser hatte, und der bei ihr lebte, zahlte der Kaufmann jährlich dreißig Gulden Unterhalt. Im Jahr 1518 wollte er seinen Sohn dann in Augsburg zur Schule schicken. Anna sandte anstatt ihres Sohnes den von Hans, und es stellte sich heraus, dass Antons Sohn längst verstorben war. Anna und Hans wurden verhaftet und angeklagt, den Welser um das jährliche Kostgeld betrogen zu haben. Anna wurde zum Tod durch Verbrennen verurteilt. Das Urteil wurde durch Fürbitten abgemildert in Tod durch Ertränken und am 4. Mai 1518 an der gewöhnlichen Richtstätte an der Saane vollstreckt.

Hans wurde gegen Urfehde, das Versprechen, sich wegen seiner Haft an niemandem zu rächen, und die Stadt nicht zu verlassen, freigelassen. Seither verliert sich seine Spur und die seines Sohnes, so dass anzunehmen ist, dass er dennoch die Stadt bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit verlassen hat.

Die Autorin

Ursula Niehaus

Portrait von  Ursula Niehaus

Ursula Niehaus wurde 1965 geboren. Schon früh begeisterte sich die gebürtige Kölnerin fürs Schreiben und für historische Stoffe.

zur Autorin

Das Buch

Das Heiligenspiel

Friedrich Ani – Süden

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Augsburg im ausgehenden Mittelalter: Die junge Anna entspricht nicht gerade dem Schönheitsideal ihrer Zeit, aber mit Klugheit und Witz ...

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