Verlagsgruppe Droemer Knaur



Shaolin. Mit der Kraft des Denkens zu Ruhe, Klarheit und innerer Stärke

Einleitung

Der Ratgeber „Shaolin. Du musst nicht kämpfen, um zu siegen“ von Bernhard Moestl macht sich die 1500 Jahre alten Prinzipien des Shaolin-Klosters zu eigen. Der Mythos der Unbesiegbarkeit, die Kunst des waffenlosen Nahkampfes faszinierten Menschen seit jeher an Shaolin. Doch was verbirgt sich hinter diesem Mythos?


Shaolin. Ein Name scheint hier Programm. Kahlgeschorene, orange gewandete Männer zeigen Körperbeherrschung auf dem Niveau von Spitzenakrobaten. Sie präsentieren die besten Kampftechniken, die die Welt je gesehen hat. Und spätestens seit wir David Carradine als Kloster-Sprössling Kwai Chang Caine gesehen haben, wissen wir, dass eben diese Techniken in einem echten Notfall auch Anwendung finden. Und doch sind jene, die dort leben, keine radikalen Glaubenskämpfer. Es sind friedliebende buddhistische Mönche. Wie das gehen soll?

Gegründet wurde die Institution, die wir heute als Shaolin-Tempel kennen, bereits vor 1500 Jahren. Boddhidharma, selbst Schüler des Buddha, war aufgebrochen, die Erleuchtung zu finden und der Welt den Buddhismus zu bringen. In Luoyang, einer der alten vier Hauptstädte Chinas, findet er schließlich nicht nur ein intaktes buddhistisches Kloster, sondern auch jene Höhle, die er während seiner neun Jahre dauernden Suche nach der eigenen Erleuchtung nicht mehr verlassen wird.

Zen-Buddhismus nennt er seine Erfahrung und die Erkenntnis, dass ein Erwachen auch zu Lebzeiten möglich sei. Wer Zen praktiziere, könne wieder lernen zu essen, wenn er hungrig und zu schlafen, wenn er müde sei. Zen bedeutet nach dem Verständnis von Shaolin, das Leben zu leben. In seiner ganzen Fülle. Doch der Weg dorthin sei steil und steinig. Das alles kontrollierende Denken müsse ausgeschaltet werden, um Leere und Platz für dieses neue Lebensgefühl zu schaffen. Körperliche Ertüchtigung, so der Meister, müsse das stundenlange Sitzen ergänzen. Ganz nebenbei entstünde durch die achtsame Beobachtung der Natur ein nie da gewesener Kampfstil. Kung Fu, so Boddhidharmas Lehre, sei das Unterfangen eines Menschen, sich durch ständiges Bemühen zu vervollkommnen. Eine Idee, die ankommt und das kleine Kloster bald zu großer Berühmtheit bringt.

Und doch bleibt Kung-Fu Nebensache. Wer als Schüler nach Shaolin kommt, strebt nach Höherem. Er sucht nach Unterweisung in Buddhas Lehren, die in diesem Tempel in hunderten Jahren ein geistiges Zentrum gefunden haben. Er will sich von aller weltlichen Gier und dem damit verbundenen Leid lösen lernen. Er möchte aufhören, sich mit anderen zu messen, um seinen eigenen Wert zu erkennen. Und er wird Meisterschaft im Kampf erlangen, um schließlich so gut kämpfen zu können, dass er es nie wieder tun muss.

Wer das Kloster als Meister verlässt, hat gelernt, seinen Körper zu fühlen, zu achten und zu nutzen. Er weiß, dass das Denken dem Körper Energie gibt oder sie ihm aber verwehrt. Er hat erlebt, dass er mit diesem Denken sich selbst und seine Umgebung kontrollieren kann, und dass genau dieses Denken ihn unbesiegbar macht.

Wer heute den berühmten Tempel besucht, ist meist erstaunt, verwundert und enttäuscht zugleich. Wenig ist beim Alten geblieben. Die berühmte Bibliothek ist in den Wirren der Revolution zu Asche geworden, und heutige Novizen kennen die legendären Mönche, die den Tempel noch mit eigenen Händen verteidigt haben, nur aus Erzählungen. Geblieben ist der Geist der Jahrhunderte dennoch. Und mit ihm die Hoffnung, dass die alte Tradition von Shaolin ein weiteres Jahrtausend überleben wird.

Schließlich ist heute die dem Zen innewohnende Ruhe und Zufriedenheit auch im Westen gefragt wie nie zuvor. Mönche reisen als Botschafter um die ganze Welt und geben sowohl ihr Können als auch ihre für westliche Menschen so schwierig nachzuvollziehende Denkart an interessierte Schüler weiter. Shaolin liegt im Trend, in Asien wie im Rest der Welt. Deutlich genug haben Boddhidharmas Mannen gezeigt, dass Denken alle Grenzen verschieben und manche sogar aufheben kann. Wenn auch die goldenen Jahre von Shaolin lange vorbei sind, haben Boddhidharma und jene, die ihm gefolgt sind, der Welt einen Schatz gegeben, der noch lange leuchten wird: das Wissen, dass man erst wirklich siegen kann, wenn man nicht mehr kämpfen muss.
 

↑ nach oben