Verlagsgruppe Droemer Knaur



Wolf Serno: "Die Mission des Wanderchirurgen"

Einleitung

Der Kampf gegen den Schwarzen Tod

Wolf Serno weiß zu erzählen. Das hat er bereits mit seinem großen Erfolg Der Wanderchirung unter Beweis gestellt. Mit Die Mission des Wanderchirurgen hat Wolf Serno die Trilogie um den Wanderchirurgen Vitus vollendet. Als seine geliebte Arlette der Pest zum Opfer fällt, gelobt Vitus, der tapfere Cirurgicus, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um die Tod bringende Seuche zu besiegen. An Bord einer Handelsfregatte segelt er ins ferne Padua, wo neue Erkenntnisse eines Pestarztes gerade Aufsehen erregen. Doch unterwegs wird Vitus ein Aufenthalt an Marokkos Küste zum Verhängnis ...

Serno schreibt »Sittengemälde und Abenteuerromane von bester Qualität«, resümiert die Presse landauf, landab. Und erreicht damit seine Leserinnen und Leser in großer Zahl. Serno lesen, das ist wie Kino im Kopf oder, um die Hamburger Morgenpost zu zitieren: »kinoreif - wunderbar!«

Der deutsche Bestseller-Autor hat lange als Werbetexter gearbeitet und war 20 Jahre lang als Creative Director in großen Agenturen tätig. Ganz bewusst geht er mit Sprache um, spielt mit verschiedenen Stilebenen, Dialekten und Redewendungen. »Jede Romanfigur hat eine bestimmte Art zu sprechen und zu reagieren. Ich feile lange an den Dialogen«. 

Nach dem Kommunikationsstudium wurde Serno als Juniortexter von einer großen Werbeagentur engagiert - seither hat er immer mit Sprache zu tun. Und schon zuvor: Während seiner Bundeswehrzeit schrieb er Liebesbriefe für seine Kameraden - Cyrano Serno: »Wenn Sie als Werbetexter richtig gut sind, dann können Sie verschiedene Sprech- und Spracharten schöpfen, weil die Zielgruppen so verschieden sind«. Serno hat Lehrbücher für Werbetexter geschrieben und war Dozent an der Werbefachschule in Hamburg. 

Nach 30 Jahren in der Werbung entstand bei Wolf Serno der Wunsch, für sich selbst zu schreiben. Das macht er heute, ohne den Druck gelegentlich nörgelnder Kunden, aber dafür mit umso mehr Freude und Lust an der Arbeit. Er ist von zwei großen Feldern fasziniert – einerseits von der alten Medizin, andererseits - als gebürtiger Hamburger - von der See. Was lag näher, als in seinen historischen Romanen diese zwei Themen zu kombinieren. Serno strahlt Gelassenheit aus. Gleichzeitig spricht er so, wie er schreibt: präzise und diszipliniert. »Ich schreibe nicht schnell, aber sehr regelmäßig«. Und dies am liebsten in seinem Gartenhäuschen, das regelmäßige Schnarchen seiner zu Füßen liegenden Hunde im Ohr.
 

Der Tod kam über das Meer


Die Pest in Europa
Die Genueser Handelsgaleere, die im September 1347 in den Hafen von Messina einläuft, hat eine verhängnisvolle Ladung an Bord. In der von Tataren belagerten Stadt Kaffa an der Südküste der Krim hatte sich die Schiffsbesatzung mit der Pest infiziert. Die hochansteckende Seuche verbreitet sich in Windeseile in der sizilianischen Hafenstadt und von dort über die See- und Handelswege in ganz Europa. Handelsschiffe mit toten Besatzungen treiben steuerlos vor Marseille und anderen Hafenstädten. Der schwarze Tod wütet in den großen Metropolen wie Rom, Florenz, Paris und London genauso wie auf dem flachen Land und hinterlässt von Sizilien bis Grönland Berge von Leichen. Ratlos stehen die Ärzte vor der unbekannten Krankheit, die die Infizierten in wenigen Tagen dahinrafft. Mit Masken, die mit stark duftenden Essenzen gefüllt sind, „Pestnasen“ genannt, versuchen sich die „medici“ den „Pesthauch“ vom Leibe zu halten. Mit Grausen und Schrecken wenden sich selbst nächste Angehörige und enge Freunde von den Erkrankten ab, deren Körper mit Geschwüren und schwarzen Flecken übersät sind und Fäulnisgeruch verbreiten. Pesthospize entstehen, doch immer öfter sterben die Infizierten ohne kirchlichen Segen, einsam in verlassenen Häusern. Vor den Toren der Städte füllen sich die Massengräber.

Ratlose Ärzte und die Suche nach den Schuldigen
Über die Ursache der Seuche verbreiten sich schnell die absurdesten Theorien. So vermutet der umbrische Arzt Gentile da Foligno, dass eine ungünstige Konstellation der Planeten Mars, Jupiter und Saturn bereits im März 1345 zu schädlichen Ausdünstungen der Luft, zu „aer corruptus“ geführt habe. Dadurch sei das Gleichgewicht der menschlichen Körpersäfte, bestehend aus Blut, Schleim, gelber und schwarzer Galle, durcheinander geraten, was wiederum innere Fäulnis durch einen Überschuss an Blut erzeugt habe. Wie in Krisenzeiten üblich, beginnt die Suche nach Sündenböcken. Schneller als die Pest selbst, verbreitet sich das Gerücht, Juden hätten Brunnen mit dem Pestbazillus vergiftet und so die Seuche heraufbeschworen. Blutige Judenpogrome sind die Folge. Allein in Deutschland werden 300 Synagogengemeinden vernichtet. So tobt in Köln in der Bartolomäusnacht vom 23. auf den 24. August 1349 der christliche Mob durch das jüdische Viertel und tötet ohne Unterschied Männer, Frauen und Kinder. Eine Woche lang dauert das Morden, Plündern und Brandschatzen. Danach teilen sich Stadtrat und Erzbischof einvernehmlich das jüdische Eigentum. Doch im Dezember des Jahres 1349 brechen für die meisten „judensleger“ die letzten Tage an. Die Pest hat auch Köln erreicht und hält unter den Bewohnern reiche Ernte. 

Die Gesellschaft vor dem Abgrund
Das massenhafte Sterben zersetzt die bisher geltenden Moralvorstellungen und die staatliche Ordnung. Während die einen ihr Heil in bigottem Extremismus suchen, wollen andere in orgiastischen Feiern dem bedrohten Leben noch etwas abgewinnen. Es entsteht die sektiererische Bewegung der Geißler, die in der Pest mit Verweis auf die Offenbarung des Johannes den Auftakt zum Jüngsten Gericht sieht. Sie betrachten die Seuche als Strafe Gottes für die Sündhaftigkeit der Menschen.
 
Mit 33 Tage dauernden Selbstgeißelungen wollen sich die Sektierer auf das kommende Weltgericht vorbereiten. Während sie durch die Lande ziehen, stellen sie die kirchliche und weltliche Ordnung in Frage und wiegeln die Bevölkerung gegen Juden und andere Minderheiten auf. Oft lassen Kirche und Adel sie gewähren, um nicht selbst Zielscheibe des Volkszorns zu werden. Nachdem der Papst im Oktober 1349 das Geißlertum offiziell verdammt, werden die „buessleut“, wie in Köln geschehen, aus der Stadt vertrieben, oder gar erhängt. Fünf Jahre nach dem ersten Erscheinen 1347 waren nach wissenschaftlichen Schätzungen ein Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung, also zwischen 20 und 25 Millionen Menschen, Opfer der Pest geworden.
 
Rattenfloh und Lungenpest
Übertragen wird die Beulenpest von Xenopsylla cheopsis, dem Rattenfloh, der mit seinem Biss den Bazillus von infizierten Nagetieren aufnimmt. Stirbt das Wirtstier, weicht der Floh auch auf Menschen aus, die durch einen Biss mit der Pest infiziert werden. Dunkle Hautverfärbungen um die Bissstelle sind die ersten Symptome der Erkrankung. In den Lymphknoten vermehrt sich der Bazillus und bildet Kolonien, die sich in Form der Pestbeulen zeigen. Platzen diese nach innen auf, kann der Erreger in die Blutbahn gelangen. Nur 20 Prozent der Menschen, die sich mit der Beulenpest infiziert hatten, überlebten die Krankheit. Noch tödlicher war der Krankheitsverlauf der Lungenpest, Pasteurella pestis, die wie eine Erkältung per Tröpfcheninfektion übertragen wird und direkt in die Atemwege und Lungen eindringt. Es folgt ein Bluthusten und nach spätestens drei Tagen der Tod durch Ersticken. Fast 100 Prozent der Infizierten sterben an der Lungenpest.

Die Pest im Italien der Renaissance
Stärker als jedes andere europäische Land leidet Italien unter der Pest. Manche Schätzungen gehen davon aus, dass fast die Hälfte der italienischen Bevölkerung durch die große Pestwelle in der Mitte des 14. Jahrhunderts ums Leben kommt. Lange Küsten mit vielen Seehäfen, enge Handelsbeziehungen zum Orient, hohe Temperaturen im Sommer und ein hochorganisierter Binnenhandel begünstigen die schnelle Verbreitung der Seuche. Auch in den nachfolgenden Jahrhunderten brechen immer wieder verheerende Pestepedemien über Italien herein. Im Jahr 1494 fallen die Franzosen in Italien ein. Umherstreifende Heerscharen sorgen für die Verbreitung von Syphilis und Fleckfieber, aber auch der Malaria und der Pest. 

Um 1524 sterben Tausende von Menschen in Mailand am schwarzen Tod. Um ein Vielfaches höher ist die Zahl der Florentiner, die 1527 von der Pest dahingerafft werden. Im selben Jahr plündern Söldner Karls V. Rom und schleppen dort die Seuche ein. Bis zu tausend Menschen täglich sterben, Augenzeugen zufolge, während der schlimmsten Phase in der Heiligen Stadt. 
 
Auf den Spuren der Pest
Doch das Wüten der Seuchen in Italien weckt auch den Ehrgeiz einzelner Forscher und verschafft den Naturwissenschaften in der Renaissance eine Blütezeit. Herausragende Erkenntnisse gehen auf die Mediziner Geronimo Cardanus und Girolamo Fracastorius, der in Wolf Sernos Roman als Professor Girolamo auftritt, zurück. Während Cardanus auf dem Gebiet des Fleckfiebers wichtige Arbeit leistet, gelingt es Girolamo, richtige Thesen über die Verbreitung von Infektionskrankheiten aufzustellen, die erst durch wissenschaftliche Erkenntnisse im 19. Jahrhundert endgültig bestätigt werden konnten. So hat Girolamo in seinem Werk „De Contagione et contagionis morbis“ festgehalten, dass es bei der Pest drei Möglichkeiten der Übertragung gibt: durch Berührung, durch Zwischenträger, sowie auf eine gewisse Entfernung, also durch Tröpfcheninfektion. In diesem Zusammenhang spricht Girolamo von „seminaria“, winzigen „Krankheitssamen“. So gilt es für den Gelehrten damals schon als erwiesen, dass sich unsichtbare Krankheitserreger in den Betten und der Bekleidung der Pestkranken verbergen. Für das Konzil von Trient wurde Girolamo 1545 vom Papst zum medizinischen Ratgeber ernannt. Als dort ein Jahr später eine Seuche ausbricht, und auch unter den versammelten Würdenträgern der Katholischen Kirche Opfer zu beklagen sind, veranlasst Girolamo eine Verlegung nach Bologna, wo das Konzil bis 1563 tagt. 

Wissenschaftlich bestätigt werden seine medizinischen Thesen erst im 19. Jahrhundert, als der Schweizer Tropenarzt Alexandre Yersin und der japanische Bakteriologe Shibasaburo Kitasato 1894 gleichzeitig den Pestbazillus entdecken. Damals hatte sich die Pest schon lange aus Europa zurückgezogen. Die letzte Epidemie hat 1786 noch einmal Marseille in Schrecken versetzt. Ende des 19. Jahrhunderts kommt es in Bombay zu einer großen Epidemie mit vermutlich sechs Millionen Toten, unter anderem bricht die Seuche auch in Suez (1897) und Südafrika (1899), in San Francisco und Porto (1900) aus. Doch seit 1897 existiert ein wirksamer Impfstoff, mit dem die Ärzte von da an größere Epidemien im Keime ersticken. In manchen Gegenden Afrikas kommt die Pest heute noch lokal begrenzt vor.
 
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