Verlagsgruppe Droemer Knaur



P. D. James im Interview

04.05.2009
Wie begannen Sie mit dem Schreiben?
Bereits von früher Kindheit an wusste ich, dass ich Schriftstellerin werden wollte. Doch aus verschiedenen Gründen begann ich meinen ersten Roman Ein Spiel zuviel erst, als ich Mitte dreißig war. Der Roman wurde gleich vom ersten Verlag, dem ich das Manuskript geschickt hatte, angenommen und 1962 veröffentlicht.

Warum entschieden Sie sich, Krimis zu schreiben?
Ich begann Krimis zu schreiben,  
... weil ich sie sehr gerne in meiner Jugend gelesen hatte, vor allem die von Schriftstellerinnen wie Dorothy L. Sayers, Margery Allingham, Ngaio Marsh und Josephine Tey.
... weil ich der Meinung war, dass ich gut darin war, Geschichten aufzuschreiben. Und da Krimis gerade sehr populär waren, dachte ich, dass eine Geschichte von mir am ehesten eine Chance hätte, veröffentlicht zu werden, wenn sie dieses Genre bedient.
... weil es mich fasziniert, Geschichten zu konstruieren, und Krimis müssen besonders gut konstruiert sein.
... weil ich nicht wollte, dass irgendetwas aus meinem bisherigen Leben in meinen ersten Roman einfließt und ich dachte, dass das bei einem Detektivroman am wenigsten passieren wird.
Später stellte ich dann fest, dass es möglich ist, einen klassischen Detektivroman zu schreiben und dennoch als ernst zu nehmende Romanautorin angesehen zu werden. Und ich habe bemerkt, dass ich auch in einem Detektivroman über die Gesellschaft, in der wir leben, schreiben kann.

Was ist der Unterschied zwischen einem Detektivroman und einem Krimi?
 
Detektivromane sind eine Unterart von Krimis. Es gibt ja ganz verschiedene Krimis, von den gemütlichen Kriminalromanen einer Agatha Christie über Anthony Trollope und Graham Green bis zu den großartigen russischen Autoren. Aber ein Unterschied ist wohl, dass der Leser relativ klare Erwartungen an einen Detektivroman hat und dem Autor deshalb nur wenig Spielraum bleibt. Der Leser erwartet, dass im Mittelpunkt ein mysteriöser Todesfall steht. Daneben muss es eine überschaubare Zahl von Verdächtigen geben, die alle ein glaubhaftes Motiv sowie die Mittel und die Möglichkeiten hatten, das Verbrechen zu begehen. Außerdem benötigt man einen Ermittler – egal ob einen Profi, der zum Beispiel bei der Polizei arbeitet, oder einen Laien – der alles für die Aufklärung des Falles tut. Und am Ende des Buches muss es eine Lösung geben, auf die der Leser selbst kommen kann, wenn er logische Schlüsse zieht. Die Hinweise dürfen den Leser übrigens auch gerne mal in die Irre führen. Der Ermittler sollte aber nie mehr wissen als der Leser.
Interessanterweise können diese recht strikten Vorgaben ganz unterschiedlich umgesetzt werden und werden von vielen Autoren eher als befreiend statt hemmend empfunden.

Woher bekommen Sie ihre erste Idee zu einem Buch?
Ich bin ein sehr visueller Mensch und betrachte gerne Orte oder Landschaften als potentiellen Schauplatz. Es kann passieren, dass ich einen einsamen Küstenabschnitt oder ein unheimliches Haus besuche und mir vorstelle, dass dort mein nächster Krimi spielt. Meine Kreativität und meine Vorstellungskraft werden also viel eher durch einen Schauplatz als durch eine bestimmte Mordmethode oder durch eine der Figuren des neuen Buches angestoßen. 
Die Idee zu Der schwarze Turm entstand zum Beispiel bei einem Besuch der Küste von Purbeck in Dorset, die zu Der Beigeschmack des Todes in einer Kirche in Oxford, die in der Nähe des Kanals liegt, und mit Wo Licht und Schatten ist erfüllte ich mir den Wunsch, einen meiner Romane auf einer Insel spielen zu lassen. Nachdem ich den Schauplatz festgelegt habe, mache ich mir Gedanken über die Figuren, und erst im nächsten Schritt über den Mord und die Hinweise auf den Mörder.  

Welche Schriftsteller haben sie beeinflusst?
Vier ganz unterschiedlichen Schriftsteller haben mich stark beeinflusst: Jane Austen, Dorothy L. Sayers, Graham Greene and Evelyn Waugh.
Warum sind Frauen so gute Krimischriftsteller?
Weibliche Autoren sind sicher nicht im gesamten Krimispektrum die Nummer eins, aber bei den klassischen Detektivromanen sind sie unübertroffen. Das mag daran liegen, dass Frauen den Blick für Details haben und sich eher für Emotionen und Motive als für Waffen und rasante Action interessieren. Vielleicht kommen den Frauen auch die Strukturen, die ein klassischer Detektivroman vorgibt, entgegen. Sie helfen, mit den brutalen Geschehnissen umzugehen, mit denen wir in einem „normalen“ Roman nicht so leicht fertig werden würden.
  
Wie arbeiten Sie?
Zuerst habe ich die Idee, die sich, wie ich ja bereits erwähnte, meist aus dem gewählten Schauplatz ergibt. Dann kommt die Phase, in der ich die Handlung und den Fall plane. Diese Phase kann mehrere Monate dauern, manchmal sogar so lange wie das eigentliche Schreiben. Während dieser Zeit habe ich immer ein Notizbuch dabei. 
Wenn die Handlung des Romans steht, beginne ich mit dem Schreiben – allerdings fast nie am Anfang der Geschichte. Ich gehe eher vor wie bei einem Film, denn ich schreibe die Szenen unabhängig voneinander und verbinde sie erst am Schluss. Übrigens schreibe ich mit der Hand und diktiere dann alles meiner Sekretärin, die das ganze Buch tippt.

Wie kamen Sie auf Ihren Helden, Commander Adam Dalgliesh?
Adam Dalgliesh hat kein reales Vorbild, aber er vereint all die Qualitäten, die ich an einem Mann bewundere, nämlich Sensibilität, Mut, Intelligenz und eine gewisse Distanziertheit. Ich habe einen Ermittler geschaffen, der bei Scotland Yard arbeitet, weil ich einen realistischen Krimi schreiben wollte und der Meinung war, dass dafür ein professioneller Ermittler nötig ist. Als ich Anfang der 1950er Jahre zu schreiben begann, wäre es zudem nicht glaubhaft gewesen, wenn eine Frau im Mittelpunkt meiner Geschichte gestanden hätte, aber inzwischen gibt es Detective Inspector Kate Miskin als Dalgliesh’ Helferin. Später schuf ich Cordelia Gray, meine Privatdetektivin, die ich bislang aber nur in zwei Romanen auftreten ließ: in Kein Job für eine Dame und Ende einer Karriere.

Warum sind Detektivromane so beliebt?
Kritiker haben ja zu jeder Zeit das Ende des klassischen Krimis vorhergesagt, aber dieses Genre lässt sich einfach nicht unterkriegen. Detektivromane sind besonders wegen ihrer Handlung beliebt, die ganz klassisch aufgebaut ist: Am Anfang steht ein Verbrechen, dann beginnen die Ermittlungen, die am Ende des Buches in der Lösung des Falls gipfeln. Und die Leser mögen es, dass sie - wie bei einem Puzzle - die einzelnen Hinweise zusammensetzen und so den Fall selbst lösen können. Außerdem sind Detektivromane, wie andere Krimis auch, aufregend und gefährlich.
Aber es gibt auch noch andere Gründe für die Beliebtheit, die eher psychologischer Natur sind. Ein klassischer Detektivroman ist so etwas wie ein modernes „Morality Play“. Denn am Ende steht immer ein kathartischer Effekt, der sowohl beim Autor als auch beim Leser dieses irrationale, beklemmende Schuldgefühl auslöscht, das uns ja oft beschleicht, wenn ein Verbrechen unsere heile Welt durcheinander bringt. Detektivromane sind auch deshalb so beliebt, weil am Schluss immer das Gute über das Böse siegt. Der klassische Detektivroman bestärkt uns in unserem Glauben, dass wir in einer rational erklärbaren und eigentlich guten Welt leben.

Die Autorin

P. D. James

Portrait von  P. D. James

Phyllis Dorothy James, seit 1991 Baroness James of Holland Park, wurde 1920 in Oxford geboren und verstarb im November 2014 ebendort. Da ihr Mann unheilbar krank aus dem Weltkrieg zurückkehrte, musste sie für sich und die beiden Töchter selbst sorgen.

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Das Buch

Friedrich Ani – Süden

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