Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Interview mit Ulf Schiewe

Alles, was Sie wissen müssen ...

Bild

Name
Ulf Schiewe
Geburtsdatum und -ort
4.10.1947 in Stadtoldendorf im Weserbergland
Wohnort
München
Verheiratet? Kinder?
Ich bin seit über 35 Jahren verheiratet. Wir haben fünf Kinder, zwei aus der ersten Ehe meiner Frau und drei gemeinsame Kinder, alle inzwischen außer Haus.
Ausbildung
Ich habe das Gymnasium in Deutschland und in der Schweiz besucht und bin dann, nach einem unschlüssigen Jahr, in die IT-Welt eingestiegen, damals noch fast so etwas wie ein Abenteuer.
Vollzeit-Schriftsteller – oder haben Sie eine weitere “Ganztagsbeschäftigung“?
Bis vor Kurzem war ich noch voll im hektischen Berufsleben engagiert. Jetzt befinde mich in einem gleitenden Übergang vom Berater für Software-Marketing zum Vollzeit-Schriftsteller.
Zu welchem Zeitpunkt und unter welchen Umständen haben Sie festgestellt, dass Sie ein Talent zum Schreiben haben?
Es ist mir stets leicht gefallen, meine Gedanken deutlich auszudrücken oder überzeugende Formulierungen zu finden. Im Marketing und Vertrieb ist diese Fähigkeit besonders hilfreich. Mit Romanschreiben habe ich das aber lange Zeit nicht in Verbindung gebracht.
Woher kamen die Inspirationen zu Ihrem aktuellen Roman?
Meine Töchter arbeiten im Filmbereich und gelegentlich haben wir über Themen für Geschichten gesponnen. Dabei kam mir immer spontan Historisches in den Sinn, für das sich meine Töchter allerdings weniger erwärmen konnten. Gute historische Romane habe ich immer gern gelesen und einer, vielleicht heute nicht mehr so bekannt, war mir in Erinnerung geblieben: „Der Kreuzritter“ von Stephen J. Rivelle. Er erzählt die Geschichte des Ersten Kreuzzugs anhand des Schicksals eines provenzalischen Edelmannes. Mein Ziel war allerdings nicht, diesen Kreuzzug nachzuerzählen. Mich hat eher Berührung so unterschiedlicher Welten fasziniert, auf der einen Seite das opulente Byzanz und der damals hochentwickelte islamische Orient, trotz seiner halbnomadischen türkischen Eroberer, und andererseits die eisengekleideten, "westlichen Barbaren", die plötzlich dort auftauchten und das prekäre Gleichgewicht durcheinanderwirbelten. Was waren das für Männer aus einfachen, feudal beherrschten Dörfern Frankreichs, die alles zurückließen und ihr Leben einer wahnwitzigen Idee widmeten? Und welchen Einfluss hatte das Geschehen auf die Zurückgebliebenen, was brachten die Heimkehrer an Eindrücken und neuen Gewohnheiten mit? So entstand die Figur eines Veterans, der nach 14 Jahren Krieg im Heiligen Land desillusioniert und kriegsmüde die Heimreise antritt. Bei der Recherche über den Kreuzzug und seine Anführer kam ich dann auf die mysteriösen Verquickungen zum Hause Toulouse.
Wie sind Sie an die Recherchearbeit herangetreten und wie lange haben sie dafür gebraucht?
Ich musste zunächst lernen, wie man einen Roman schreibt, wie wird eine Geschichte aufgebaut, damit sie sich spannend liest, wie entwickelt man Figuren mit Tiefgang, die den Leser berühren. Das und die ersten Recherchen, um mein Plot zu vervollständigen, hat etwa ein Jahr von insgesamt vier Jahren für den Roman gedauert. Weiteres habe ich noch während des Schreibens recherchiert. Über das Internet konnte ich eine Reihe von ausgezeichneten wissenschaftlichen Werken ausfindig machen, deren Autoren die Epoche unter verschiedenen Aspekten betrachten, historisch, politisch, kulturell, wirtschaftlich und militärisch. Natürlich kann man aus dieser Fülle nur Bruchteile verwenden, aber es hat es mir ermöglicht, nicht nur historische Fakten und Figuren einzuflechten, sondern auch authentische Einzelheiten über Leben und Sitten im feudalen Südfrankreich des frühen 12. Jahrhunderts zu erfahren. Es war mir ein Anliegen, ohne sich in zu vielen Details zu verlieren, eine vergangene Welt in der Vorstellung des Lesers zu neuem Leben zu erwecken.
Ihr Roman spielt in einer Zeit, in der Religion einen viel höheren Stellenwert als heute hat. Wie religiös sind Sie eingestellt und wie leben Sie die Religion?
Die Frage, wie ich mit der Religion umgehen sollte, hat mich sehr beschäftigt. Besonders, da ich selbst nicht religiös bin. Damals aber war das Leben der Menschen in der Tat sehr von Religion durchdrungen, und dies nicht zum Ausdruck zu bringen, wäre ein Fehler gewesen. Also habe ich mich an dieses Thema gemacht, und wie ein guter Schauspieler lernt, einen fremden Charakter darzustellen, so sollte besonders ein Schriftsteller in der Lage sein, sich in die Gedanken und Gefühle anderer hineinzudenken. Im Roman ist die Religion immer präsent aber nicht so dominant, dass es einen modernen Leser, egal wie er eingestellt ist, stören würde. Schließlich handelt es sich ja zunächst einmal um ein spannendes Abenteuer. Ich wollte Religion als etwas ganz Natürliches des täglichen Lebens darstellen. Mein Protagonist ist weder übertrieben fromm, noch würde er jemals an Gott zweifeln. An der Kirche schon eher. Ich habe ihn unter dem Zwiespalt des kirchlichen Auftrags zur Befreiung Jerusalems einerseits und der Liebesbotschaft Jesus andererseits leiden lassen. Er lernt, den Glauben des Feindes zu achten, er sucht zu ergründen, ob dieser Krieg am Ende gerecht war, und nicht zuletzt ringt er mit seinem eigenen Gewissen. Das sind durchaus auch aktuelle Fragen.
Wie sehr können Sie sich mit der Hauptfigur in Ihrem Roman identifizieren? Gibt es Parallelen?
Da müssten Sie meine Frau fragen. Ich behaupte, mein Protagonist hat nichts mit mir zu tun. Ich habe mich sogar sehr bemüht, nichts Autobiographische einzubringen. Meine Frau dagegen meint, mein Held habe Temperament und Reaktionen, die sie auch von mir kennt. Nun gut. Das lässt sich vielleicht nicht ganz vermeiden. War aber unbeabsichtigt.
Was ist ihr absolutes Lieblingsbuch?
Das Lieblingsbuch gibt es so nicht. Ich habe immer querbeet alles Mögliche gelesen, sodass ich eine ganze Reihe von Büchern aus unterschiedliche Genres in guter Erinnerung habe. Ich bin ein Fan von John leCarré, aber auch von Bernard Cornwell, Ken Follet, Robert Harris, Tolkien, Stephan Zweig, John Grisham, Wilbur Smith, Michener, Paul Auster, und vielen anderen. Ein literarischer Allesfresser mit Tendenz zu den Angelsachsen. Die können so gut erzählen.
Bei welchem historischen Ereignis wären Sie gerne Zeuge gewesen?
Besonders wäre ich gern Mäuschen im alten Rom gewesen, wäre über das Forum geschlendert, hätte gern Cicero während einer Sitzung des Senats zugehört, um anschließend einem dieser spektakulären Pferderennen im Circus Maximus beizuwohnen. Obwohl mich besonders das Mittelalter des 11. Und 12. Jahrhunderts fasziniert, bin ich auch ein Fan der römisch antiken Welt, überhaupt einer romanisch geprägten Umwelt. Das hat sicher auch damit zu tun, dass ich 16 Jahre in frankophonen Ländern gelebt habe, und mir Art und Mentalität sehr geläufig sind.
Haben Sie schon das nächste Projekt im Kopf?
Natürlich! Ich habe schon die nächsten vier Projekte im Kopf. Das Buch, an dem ich gerade arbeite, wird ebenfalls im 12. Jahrhundert spielen, in der gleichen Gegend, nur einige Jahre später. Es geht um eine blutjunge Adelige, der es gegen viele Widerstände und nur nach heftigen Kämpfen gelingt, das gräfliche Erbe ihres Vaters antreten. Als Frau! Das war damals ungewöhnlich, wenn auch nach geltendem Recht durchaus möglich. Es handelt sich um eine wahre Begebenheit und eine reale historische Persönlichkeit, die später lange herrschte und viel für die Kultur der Troubadoure getan hat. Natürlich gehört auch eine heftige Liebesgeschichte dazu.
Was konnten Sie in den vielen Jahren Auslandserfahrung, die Sie hinter sich haben, mitnehmen? Gab es ein besonderes Ereignis?
Ab meinem zwanzigsten Lebensjahr hatte ich Gelegenheit, sieben Jahre lang in einem internationalen Konzern zu arbeiten, wo am gleichen Ort, tausende junger Menschen aus aller Welt tätig waren. Das hat mich nachhaltig geprägt. Dieser Kontakt mit fremden Sprachen und Menschen aus verschiedenen Kulturen ist dann Teil meines gesamten Berufslebens geworden. Ich habe immer international gearbeitet und habe neben vielen Reisen auch über 25 Jahre lang in Ländern wie die romanische Schweiz, Frankreich, Belgien, Schweden und Brasilien gelebt. Was lernt man daraus? Das es überall großartige und liebenswerte Menschen gibt, egal, wo man hinkommt.
Sie wollten eigentlich Künstler werden. Was hat Sie zunächst davon abgehalten, bevor Sie vielleicht auf eine andere Weise künstlerisch tätig wurden?
Mein Vater wollte nicht, dass sein Sohn verhungert. Womit er ja nicht ganz unrecht hatte. Daher bin ich ihm nicht böse. Ich habe dann im IT-Bereich allerdings auch viele Gelegenheiten gefunden, wenn nicht künstlerisch, so doch kreativ zu arbeiten. Für das Künstlerische blieb die Freizeit. Ich habe gerne gemalt. Irgendwann begann das Schreiben. Da zwei meiner Kinder auch darauf bestehen, sich künstlerisch zu betätigen, muss irgendetwas in den Genen liegen.
Welchen Tipp können Sie angehenden Autoren geben?
Zunächst einmal viel lesen. Dadurch lernt man gut von schlecht zu unterscheiden. Außerdem ist das Lesen eine immense Quelle an Erkenntnissen und Inspirationen. Natürlich ist Talent gefragt, darüber muss man nichts weiter sagen. Mir persönlich hat es dann aber sehr geholfen, mich mit den Mechanismen des Schreibhandwerks zu beschäftigen, Figurenentwicklung, Plotten, Szenenaufbau, Struktur und Spannungsboden, eben alles, was zur erfolgreichen Dramaturgie gehört. Diese Regeln sind gleich ob im Roman, Film oder Theater. Shakespeare war ein Meister darin. Und dann sollte man kein Nachahmer sein, sich lieber frei machen von Trends oder starren Vorbildern und so schreiben, wie es einem aus der Seele fließt. Es geht um die uralte Faszination des Geschichtenerzählens.

↑ nach oben