Verlagsgruppe Droemer Knaur



Interview mit Douglas Preston zu „Credo“

04.06.2008
Douglas Preston – wie haben Sie für „Credo“ recherchiert? Haben Sie das Europäische Laboratorium für Teilchenphysik (CERN) in Genf besucht, wo gerade die Aktivierung des weltweit größten und energieintensivsten Teilchenbeschleunigers LHC vorbereitet wird? 
 
Ja, ich habe den Large Hadron Collider im CERN genau studiert. Der Teilchenbeschleuniger in Credo, den ich Isabella genannt habe, basiert auf dem LHC. Er ist der größte und teuerste wissenschaftliche Apparat, den die Menschheit je gebaut hat. Er verspricht, unser Verständnis von Materie, Energie und vom Urknall zu revolutionieren.
 
Sähen Sie Wissenschaft und Religion gerne versöhnt? Sehen Sie in beiden überhaupt Gegensätze? 
 
In den letzten Jahrhunderten hat die Wissenschaft fast alle zentralen Annahmen der großen Religionen der Welt widerlegt. Die Erde ist nicht das Zentrum des Universums; Gott wohnt nicht in den Wolken; Gott hat die Welt nicht in sechs Tagen erschaffen. Der Mensch wurde vielmehr von der Evolution erschaffen, nicht durch Gottes Gebot, und das Universum ist 13,7 Milliarden Jahre alt, nicht 5.000. Die Wissenschaft stellt – und beantwortet – heutzutage viele Fragen, die einst in das Aufgabengebiet der Religion fielen. Woher kommen wir? Wer hat das Universum erschaffen? Was ist unser Platz darin? Ich behaupte, dass es keine religiöse Frage gibt, die nicht in eine prüfbare wissenschaftliche Hypothese umformuliert werden kann. 
 
Was hat das für Auswirkungen? 
Wissenschaft und Religion befinden sich in einem tiefen Konflikt. Das können wir rund um die Welt beobachten. Beide sind auf der Suche nach derselben Sache: der Wahrheit der Existenz. Es kann keine Versöhnung zwischen den beiden geben, solange die eine Seite privilegierten, göttlichen Zugang zur absoluten Wahrheit für sich beansprucht. Meiner Meinung nach ist die Wissenschaft der Weg zur Wahrheit. Wir brauchen keine Propheten, jungfräulichen Geburten oder Schrifttafeln von Gott. Die Wissenschaft wird den Schleier vor Gottes Gesicht lüften – des wahren Gottes dieses wunderschönen Universums. Das ist nicht der von Menschen gemachte Gott, der vor 2.000 Jahren von einem Hirtenvolk erfunden wurde. Zumindest ist das meine Hoffnung. 
 
Sind Sie religiös erzogen worden? 
Mein Vater war Atheist, meine Mutter tief gläubige Christin. Seltsamerweise haben sie nie über Religion gestritten; jeder akzeptierte den Glauben des anderen. Als Kind war ich sehr religiös, aber seitdem haben sich meine Ideen weiterentwickelt ... und weiterentwickelt ... 
Ich bin immer noch religiös, nur dass ich heute an die Wissenschaft glaube. Die Suche nach Wahrheit ist unsere höchste Bestimmung als Spezies, und die Wissenschaft ist die beste Methode, die wir gefunden haben, um die Wahrheit zu entschlüsseln. 
 
Machen Sie sich Sorgen über die wieder erstarkende Rolle, die die Religion in der Politik beansprucht? 
 
Sehr große sogar. In Amerika haben wir gesehen, wie fundamentalistische Christen unsere politischen Prozesse verzerrt haben. Sie versuchen, ihre religiösen Bekenntnisse in unsere Schulen einzuschleusen. George Bush glaubt, seine Entscheidungen würden im Gebet direkt von Gott ratifiziert. Diese fundamentalistischen Christen versuchen durchzusetzen, dass die Schöpfungsgeschichte – und das so genannte Intelligent Design – anstelle der Evolution unterrichtet werden. Außerdem bestreiten sie die Urknalltheorie, das geologische Alter der Erde und andere längst anerkannte wissenschaftliche Theorien, die nicht mit der wörtlichen Interpretation der Bibel vereinbar sind. Religiöser Extremismus ist immer ein schädlicher Einfluss, wenn er in politische Angelegenheiten eindringt. Sehen Sie sich die Rolle an, die Islamisten im Nahen Osten und Asien spielen oder ultraorthodoxe Juden in Israel. Religion hat in der Politik nichts zu suchen. 
 
Stephen Hawking hat einmal gesagt, dass seine Frau ihn jeden Morgen daran erinnern muss, dass er nicht Gott ist. Geht Ihnen das auch so? 
 
Meine Frau muss mich jeden Morgen daran erinnern, den Müll raus zu bringen. Glücklicherweise bin ich nicht annähernd so intelligent wie Stephen Hawking, daher laufe ich nicht Gefahr, mich mit Gott zu verwechseln. Als Schriftsteller darf ich jedoch mit meinen Figuren Gott spielen, was vielleicht das Zweitbeste nach Gott-sein ist ...

Vielen Dank für das Gespräch.

Der Autor

Douglas Preston

Portrait von Douglas Preston

Douglas Preston wurde 1956 in Cambridge, Massachusetts, geboren. Er studierte in Kalifornien zunächst Naturwissenschaften und später Englische Literatur.

zum Autor

Das Buch

Credo. Das letzte Geheimnis

Friedrich Ani – Süden

zum Buch
↑ nach oben