Verlagsgruppe Droemer Knaur



Revolverherz - Unterwegs mit der Autorin auf St. Pauli

Einleitung

Mit Krimi-Autorin Simone Buchholz unterwegs

Wenn man begreifen will, wie ein Organismus tickt, muss man sich die entscheidenden Punkte ansehen: den Kopf, die Seele, die Arme und die Beine. Das ist beim Menschen so, beim Tier, und auch bei einem Stadtteil.

Der Stadtteil, in dem Revolverherz spielt, heißt St. Pauli. Das ist ein kleiner Stadtteil mit wenig Geld und bunten Menschen, in Hamburg an der Elbe. Der Kopf vom Revolverherz-St. Pauli ist die Wohlwillstraße, zumindest fühlt es sich so an, wenn man diese Straße lang läuft, gerade den kurzen Teil zwischen Paulinenplatz und Clemens-Schultz-Straße. Hier wohnen ein paar schlaue Leute, die schon vor ein paar Jahren erkannt haben, wie gut es sich nördlich der Reeperbahn leben und arbeiten lässt. Wie schön einem da alle möglichen Ideen einfallen, wenn der Hafen nah genug ist, um ihn bei gutem Wind hören zu können und noch ein paar Möwen auf den Dächern zu haben, aber weit genug weg, damit die Touristen es nicht mehr bis hierher schaffen.

Da ist zum Beispiel erstmal die Apotheke. Wenn man mal was hat, kann man da fragen, die wissen auf alles eine Antwort. Dann kommt der Kiosk von Achmed, da gibt es frische Zeitungen und warme Brötchen und immer wieder Lottoscheine und im Sommer das Ende der Schlange vor Ollis Eisladen. Olli macht Eiskrem deluxe. Ohne Schnickschnack, aber mit Biomilch und einem derart feinen Geschmack, da wird man ganz wuschig, wenn man dran vorbei gehen will, ohne sich eine Kugel Eis zu kaufen. Die traurige Musik zum Tag ohne Eis liegt nebenan, in Steves Plattenladen. Ein paar Häuser weiter, im Gelötefachmarkt, löten sie aus allem was Schickes zusammen, zum Beispiel Lampen aus alten Frisierhauben. Auf der Holzbank vor dem Gelötemarkt kann man ganze Nächte verbringen und kalauern, wenn es warm genug ist. Für den Morgen danach: den besten Kaffee der südlichen Stadt, frisch aus der Maschine im Kandie Shop, dazu einen von Kandie persönlich gebackenen Karottenkuchen, in der Morgensonne.

Vorm Kandie Shop feiern die Leute auch schon mal eine Blockparty, mit Grillmaster Flesh an den brennenden Mülltonnen und Metal Meyer aus dem Fahrradladen Suicycle an den Ghettoblastern. Die Kunst zu all dem ist in Karlos Galerie zu sehen und zu kaufen. Da ist auch Karlos wunderschöner Hund Fuchs, der macht alle Weiber verrückt, die mit Fell und die ohne, und das war’s dann auch mit der Wohlwillstraße, mit dem Kopf und den guten Ideen für ein gutes Leben.

Die Seele von St. Pauli liegt am Hafen, vielleicht liegt sie sogar tief unten in der Elbe, und von dort verströmt sie ihren Geist, hoch bis zur Reeperbahn und weiter bis zum Pferdemarkt. Man kann sie im ganzen Viertel fühlen, die Seele, aber wenn man sich so richtig voll machen will mit ihr, dann muss man zum Hafen gehen, in der Abenddämmerung. Dann muss man die Nase in den Himmel halten und die Augen in den Wind, dann muss man irgendwo sitzen und zu den rosagrauen Wolken schauen und auf ein Schiff warten, dass einen am Ende natürlich wieder nicht mitnimmt, und nach spätestens einer Stunde platzt einem fast die Brust von diesem sehnsüchtigen Elbgefühl.

Dann nochmal tief einatmen und in eine Kneipe gehen. Die Kneipen auf dem Kiez sind die Arme von St. Pauli. Die Arme und die Hände braucht man, um Gläser zu heben und Bierflaschen. Der beste von allen Armen ist der Sorgenbrecher. Da laufen die Drinks fast von alleine rein. Da ist es immer schön dunkel und warm, da hört man niemals schlechte Musik, da kann man einfach nur sein und muss auch nicht reden. Das ist ein geschützter Raum für bedrohte Arten, und im Fenster hängt ein leuchtend rotes Herz mit einem Gitarrenmann und weist den Weg. Damit alle hinfinden: Hamburger Berg 23.

Die Beine von St. Pauli, man ahnt es fast, laufen durchs Millerntorstadion. Meistens in der zweiten Liga, manchmal auch in der ersten oder dritten. Und einmal die Woche, für 90 Minuten, sind sie das Beste am ganzen Stadtteil. Jung, leidenschaftlich, mit Löwenherzen und verschwitzter Brust. Und alle lieben sie, auch wenn sie verlieren. Denn sie sind wie der Kiez und seine übrigen Organe: ein bisschen schmutzig, aber voller Gefühl und Humor und mit ständig wechselnder Wetterlage.

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