Verlagsgruppe Droemer Knaur



Interview mit Andreas Franz

08.02.2010

Der Autor über seinen Kiel-Krimi „Eisige Nähe“

„Inzwischen spricht man von einer Bohlenisierung im deutschen Fernsehen. Na, dann gute Nacht!“

Andreas Franz’ neuer Krimi heißt „Eisige Nähe“ und beginnt im Schmuddelfernsehmilieu: Der Kieler Musikproduzent und TV-Promi Peter Bruhns wird zusammen mit seiner jungen Geliebten tot in seinem Haus am Schönberger Strand aufgefunden. Eine Beziehungstat? Mord mit anschließendem Selbstmord? Oder der Racheakt eines Feindes, von denen Bruhns zahlreiche hatte? Der Tatort wurde grotesk in Szene gesetzt – und bei ihren Untersuchungen findet die Spurensicherung ein Gift, das den Kieler Kommissaren Sören Henning und Lisa Santos Rätsel aufgibt …

Andreas Franz, Ihr Kiel-Krimi „Eisige Nähe“ spielt unter anderem in der oberflächlichen Fernsehwelt. Sie beschreiben die Szene skeptisch – und voller Seitenhiebe auf Castingshows à la DSDS. Was ist so schlimm an der privaten Massenunterhaltung, produziert von Typen wie Dieter Bohlen & Co?

Wir werden mit Massenunterhaltung überschwemmt, sie wird großflächig beworben, im Fernsehen, aber auch in den Printmedien. Ganz gleich, ob die Kritiken gut oder schlecht sind, sie dienen allemal den Einschaltquoten. Um auf den genannten Herrn einzugehen: Die Vorbildfunktion, die ein Mittfünfziger gegenüber der jüngeren Generation haben sollte, wird auf oft groteske Weise ad absurdum geführt. Die Kinder und Jugendlichen nehmen sich ihn – aber auch andere, die sich auf seiner Spur bewegen – als Vorbild. Die Umgangssprache wird derber und fäkaler, die Sitten rauer. Wer profitiert am meisten von solchen Sendungen? Die Macher, die Sender, die Juroren. Wer oder was bleibt auf der Strecke? Die Moral, die Ethik, der Anstand. Und natürlich der Mensch, der sich diesen Mist in einem fort reinzieht und nach immer neuem giert. Inzwischen spricht man von einer Bohlenisierung im deutschen Fernsehen. Na, dann gute Nacht!

Was wird Jugendlichen Ihrer Meinung nach durch Shows wie DSDS vermittelt?
Das Gegenteil von dem, was ihnen eigentlich vermittelt werden sollte. Ich spreche jetzt einmal ganz bewusst von Höflichkeit, Anstand, gutem Benehmen. Mehr denn je geht es darum, wer mit dem Mund oder der Faust stärker ist. Die Ellbogengesellschaft dominiert.

Sind diese TV-Formate mittlerweile moral- und wertefreie Zonen?
Ja, diese, aber auch andere TV-Formate sind längst moral- und wertefreie Zonen. Schalten Sie RTL oder SAT.1 morgens ein, und Sie werden bis zum Abend mit Müll zugeschüttet. Sich daraus zu befreien ist gar nicht so einfach, weil die Sender genau wissen, wie sie ihre Zuschauer abhängig machen können. Am Ende werden wir süchtig nach diesem Müll, was die eigentliche Absicht ist. Wir sollen abgestumpft und damit bereit werden, auch die größte Sch*** zu fressen.

Denken Sie, es werden wieder bessere Zeiten kommen?
Wer gerne durch die rosarote Brille schaut, wird mit Sicherheit bessere Zeiten sehen. Ich sehe nur, dass alles noch härter, noch brutaler und damit unmenschlicher wird. Darüber sollten bestimmte Leute, aber auch die Gesellschaft, nachdenken. Sofern sie dazu noch in der Lage sind.

Männer im so genannten besten Alter schneiden eh nicht allzu gut ab in „Eisige Nähe“. Selbstherrliche Mittvierziger und –fünfziger, die kaum volljährige Kindfrauen benutzen und wieder fallen lassen, sobald das Ego aufpoliert ist. Geld und Macht scheint für beide Seiten die einzige Triebfeder zu sein. Woher kommt dieser Trend, und spitzt er sich zu?

Keine Ahnung. Aber eine wesentliche Mitschuld tragen die Medien, in denen viel zu vieles schöngeredet und -geschrieben wird. Und ob er sich zuspitzt? Warten wir einfach ab, ich denke, es wird so sein. Der Jugendwahn wird doch immer schlimmer, aber nicht bei den Jugendlichen. Obwohl, wenn ich sehe, dass auch junge Mädchen, die noch nicht einmal der Pubertät entwachsen sind, sich bei Schönheitschirurgen anmelden ...

Was sagt das eigentlich über das Frauenbild unserer Gesellschaft aus? Kann frau heute einpacken, sobald sie 25 ist?

Es vergeht doch inzwischen kein Tag mehr, an dem nicht über Schönheit berichtet wird. Über Magermodels, Falten, Diäten … Ein Kilo zu viel, und schon fühlt Mann oder Frau sich fett. Ein paar kleine Fältchen um die Nase oder den Mund, und man ist alt. Kleidergröße Zero ist das Maß aller Dinge, um es überspitzt auszudrücken. Und in Würde altern ist schon mal gar nicht drin. Das haben unsere antiquierten Vorfahren gemacht, die keine Ahnung vom Leben hatten – sorry, das war jetzt der Zyniker in mir!

Sind an all dem nur die Männer Schuld?
Nein, beileibe nicht. Es sind ja vor allem die Frauen, die permanent zum „Plastedoc“ rennen, um sich Fett absaugen zu lassen, sich zum zehnten oder zwanzigsten Mal liften lassen oder eine schöne, natürliche Brust mit Silikon verunstalten. Diese Menschen haben, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, ein psychisches Defizit und leiden unter mangelndem Selbstbewusstsein. Das heißt aber nicht, dass ich kosmetische Operationen grundsätzlich ablehne. Es gibt zahlreiche gute Gründe, einen plastischen Chirurgen aufzusuchen – nach einem Unfall, bei dem jemand entstellt wurde, um nur ein Beispiel zu nennen.

Zwangsprostitution, Organmafia, Menschenhandel: Sie sind bekannt dafür, Kriminalfälle aus der realen Welt des Verbrechens in Ihre Bücher zu holen und zu fiktionalisieren. Welchem Thema waren Sie bei „Eisige Nähe“ auf der Spur?

Es geht um mehrere Themen. Zum einen um einen Menschenhändler, der sein Gewerbe auf höchst grausame Weise betreibt. Über ihn habe ich von einer Frau erfahren, die in den 1980er Jahren mit ihm zu tun hatte und nie mehr ein normales Leben wird führen können. Ich werde allerdings hierzu nichts Näheres verraten, dafür bitte ich um Verständnis. Zum anderen behandle ich, wie schon in zwei oder drei Büchern zuvor, das Thema Manipulation auf höchster Ebene: seitens der Politik, der Justiz und der Medien.

Hat das Polizistenpaar Sören Hennig und Lisa Santos eine private Zukunft neben dem harten Leben bei der Mordkommission?

Warum nicht? Nur heiraten werden sie nicht, denn dann könnten sie nicht mehr gemeinsam ermitteln, weil sie in unterschiedlichen Abteilungen arbeiten müssten. Aber es geht ja auch ohne Trauschein, sie verstehen sich doch gut.

Und dann wäre da noch dieser schicke, steinreiche, smarte Auftragskiller, der ein wenig wie ein Herrscher über Leben und Tod durch die Szenerie schreitet, der bei seiner „Arbeit“ über lebenswertes und unlebenswertes Leben zu entscheiden scheint. Was halten Sie von dem?

Hans Schmidt, so heißt er, ist aus einer Kurzgeschichte entstanden, die ich für den Krimi-Podcast geschrieben habe. Oder besser: Ich habe ihn für den Killer Club erfunden und fand ihn so interessant, dass ich ihm einen ganzen Roman geschenkt habe. Aber was ich von ihm halte … Du meine Güte, er ist ein Auftragskiller, das heißt: Er tötet Menschen auf Bestellung, was allein schon verwerflich ist. Ich möchte hier aber nicht zu viel verraten, denn er spielt eine ganz außergewöhnliche Rolle, und ich denke, irgendwann wird jeder Leser eine gewisse Sympathie für Schmidt empfinden. Vielleicht mag es so scheinen, als würde er wie ein Gott handeln und bestimmen, wer den Tod oder das Leben verdient hat. Aber dem ist nicht so. Jeder, der die Geschichte des Hans Schmidt liest, soll sich ein eigenes Urteil bilden. Für mich ist er auf jeden Fall eine der interessantesten Figuren, die ich jemals erfunden habe.

Vielen Dank für das Gespräch, Andreas Franz!

Das Buch

Eisige Nähe

Friedrich Ani – Süden

Eisige Nähe von Andreas Franz: Spannung pur im eBook!
Der Kieler Musikproduzent Peter Bruhns wird zusammen mit seiner jungen Geliebten tot in seinem Penthouse aufgefunden. Eine Beziehungstat?

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