Verlagsgruppe Droemer Knaur



Chirurgen, Wundärzte und Feldscher

24.02.2010

Heidi Rehn über die frühere Medizin und den schmalen Grad zwischen Handwerkskunst und Geheimwissen.

Eigentlich hätte mein Roman "Die Feldscherin" heißen müssen, schließlich geht es darin um eine Wundärztin, die im Tross des kaiserlichen Heeres zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges (1616-1648) gewirkt hat. Und solche Chirurgen oder Ärzte im Dienst der Armee heißen nun einmal historisch korrekt Feldscher(er). Aber wer hätte mit diesem Zungenbrecher viel anfangen können? Vermutlich hätte man Fälscherin verstanden und wäre damit auf eine im besten Wortsinn falsche Fährte geraten. Warum aber ausgerechnet eine Frau in diesem Beruf? Alles, was mit Krieg und Militär zu tun hat, scheint doch eine männlich besetzte Domäne zu sein, erst recht zu jener Zeit. Gleichzeitig steht die Vorliebe, in historischen Romanen Frauen in den verschiedensten Berufen darzustellen, von vornherein unter Generalverdacht, willkürlich Geschichtsklitterung zu betreiben.

Das Ende eines Mythos

Darauf könnte ich jetzt einfach frech entgegnen: Meine „Heldin“ Magdalena ist natürlich eine ganz besondere Frau. Warum sonst steht sie im Mittelpunkt eines Romans? Außerdem dürfte die Vorstellung, Frauen übten in Mittelalter und früher Neuzeit keine (Handwerks-) Berufe aus, längst widerlegt sein. Frauen arbeiteten ganz selbstverständlich im Kaufmannskontor oder Handwerksbetrieb ihrer Ehemänner und Familien mit, erbten als Witwe oder mangels Söhnen das Geschäft bzw. den Betrieb des Mannes oder Vaters. Gerade in Heilberufen sind Frauen oft anzutreffen, außer als Hebammen oder Wehmütter auch in Badestuben sowie bei Ärzten. An der Schule von Salerno durften sie sogar Medizin studieren. Trotula, die Begründerin der Frauenheilkunde, ist eines der spektakulärsten Beispiele aus dem 11. Jahrhundert. Aus dem späten Mittelalter und der frühen Neuzeit sind in Deutschland gleich mehrere Dutzend Ärztinnen belegt, die zwar nicht Medizin studiert hatten, aber die Erlaubnis zur praktischen Ausübung des Berufes besaßen, weil sie aus Medizinerfamilien stammten. Agatha Streicher (1520-1581) aus Ulm beispielsweise wurde sogar ans Krankenbett Kaiser Maximilians II. gerufen. Wenn es also seit dem Mittelalter immer wieder Ärztinnen gab, warum sollte nicht auch im kaiserlichen Tross zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges eine Frau als Wundärztin zu finden gewesen sein?

Das Leben im Heerestross in Kriegszeiten

Die gesamte Bagage, also der Anhang des kaiserlichen Heeres, wird für die letzten Jahre des Großen Krieges, in denen meine „Wundärztin“ spielt, auf rund 100.000 Menschen geschätzt. Das sind in etwa die Ausmaße einer mittleren (nach damaligen Dimensionen: sehr großen) Stadt. Viele handwerkliche Berufe waren dort vertreten, immerhin mussten die Menschen wie auch die Soldaten tagtäglich mit allem Lebensnotwendigen versorgt werden. Die Männer wurden jedoch vor allem als Soldaten gebraucht, die Trossfrauen konnten sich kaum den Luxus erlauben, tatenlos auf ihre Rückkehr zu warten. Selbstverständlich übten sie Berufe aus wie beispielsweise Händler, Bäcker, Fleischer oder eben Wundarzt. Für viele von ihnen verband sich damit die Chance, ein unabhängiges Leben zu führen – jenseits des Daseins als Trosshure. Dank des ordentlich erlernten Berufes ernährten sie die Familie, fiel der Mann oder Vater doch oft einer der Schlachten zum Opfer oder kehrte als hilfloser Krüppel zurück, unfähig, weiter für den Unterhalt der Seinen zu sorgen. Angesichts der unzähligen Gefechte, aber auch aufgrund der vielen Seuchen (neben Pest und Syphilis vor allem Durchfall, Diphterie („Bräune“) und grippale Infekte) gab es ständig einen großen Bedarf an Wundärzten bzw. Feldschern. Die wenigen noch einsatzfähigen Männer im Tross, die nicht zur Waffe griffen und für solche Aufgaben zur Verfügung standen, hätten den allein gar nicht decken können.

Geheimwissen und Wunderglaube

Im Dreißigjährigen Krieg standen die Feldscher trotz vielfältiger Praxis nahezu hilflos da, wenn es galt, nach großen Schlachten eine schier unglaubliche Menge an Schwerverletzten mit den primitivsten Werkzeugen innerhalb kürzester Zeit zu operieren. Kam es zu den gefürchteten Epidemien wie Pest, Cholera oder Bräune, sahen sie sich nicht weniger ratlos einem wahren Heer von Kranken gegenüber. Neben Amuletten und Gebeten blieb als letztes Mittel oft nur eine „Wunderkur“ oder „Wundersalbe“ . So schwor man etwa auf einen mysteriösen „Wundtrank“ gegen das gefürchtete und oft lebensbedrohliche Wundfieber. Jeder Feldscher, der auf sich hielt, rührte dazu seine eigenen Ingredienzien an. Auch eine Waffensalbe, die man nicht auf den Verletzten auftrug sondern auf die Waffe, mit der er angeschossen wurde, war weit verbreitet. Neben Bärenfett und Eberschmalz soll Moos vom Schädel eines Gehenkten zu den unverzichtbaren Bestandteilen gehören, alles weitere ist, wie so oft, das persönliche Geheimnis des Feldschers.

Ähnliches „Geheimwissen“ und vor allem Rezepturen für eine mehr als fünfzig Jahre wirksame „Wundersalbe“ begründen die besonderen Fähigkeiten des von mir erdachten Wundarztes Meister Johann, bei dem Magdalena, die „Heldin“ meines Romans „Die Wundärztin“, zur Lehre geht. Bei ihm wird sie nicht nur gründlich in das Handwerk der Wundarznei eingeführt, sondern lernt auch, ihr besonderes Gespür kombiniert mit seinem besonderen Geheimwissen zum Wohl der Patienten einzusetzen. Wie ein roter Faden wird sich das durch ihr weiteres Leben ziehen. So viel sei schon jetzt verraten: Außer dem wertvollen Chirurgenbesteck und der fünfzigjährigen „Wundersalbe“ von Meister Johann gehören noch Bernstein als kraftspendender Talisman und als Bestandteil eines wichtigen Arzneimittels sowie das zuerst von der Hebamme Roswitha und später (im Folge-Roman „Hexengold“) von der Köchin Hedwig vervollständigte Wissen um Kräuter, Wetterkunde und alte Volksweisheiten dazu. Auch die Liebe zu Eric, einem tapferen, aber sehr geheimnisvollen jungen Kaufmann, schenkt ihr Kraft und Zuversicht, die Herausforderungen ihres Schicksals in den letzten Jahren des Großen Krieges zu bestehen. Mehr und mehr wandelt sich die eigentliche Feldscherin allmählich zu einer wahren Wund(er)ärztin, deren besondere (Handwerks-)Kunst auch in späteren Generationen fortleben wird. Und wer weiß? Vielleicht findet sich darunter eines fernen Tages auch eine(r), der/die hinter das gut gehütete Geheimnis von Meister Johanns fünfzigjähriger Wundersalbe kommt…

Heidi Rehn, Januar 2010

Die Autorin

Heidi Rehn

Portrait von  Heidi Rehn

Heidi Rehn, Jahrgang 1966, wuchs im Mittelrheintal auf und kam zum Studium der Germanistik und Geschichte nach München. Seit vielen Jahren widmet sie sich hauptberuflich dem Schreiben.

zur Autorin

Das Buch

Die Wundärztin

Friedrich Ani – Süden

Deutschland im Dreißigjährigen Krieg: Die kluge Söldnertochter Magdalena arbeitet als Wundärztin im kaiserlichen Tross. Bald entbrennt sie in großer Liebe zu dem Kaufmannssohn Eric – eine verbotene Liebe. Als Eric plötzlich spurlos verschwindet, muss die inzwischen schwangere Magdalena schweren Herzens allein im Tross weiterziehen. Zwei Jahre später geschieht das Unerwartete: Der tot geglaubte Eric liegt schwer verwundet vor ihr – und wird des Mordes beschuldigt. Magdalena steht vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens…

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