Verlagsgruppe Droemer Knaur



"In unserer Kultur bestimmt das Auftreten und Aussehen einer Frau, welche Möglichkeiten sie hat."

Jennifer Haigh, die Autorin von "Auftauchen", berichtet über ihre Arbeit an dem Roman und ihre besondere Vorliebe für Scott!

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Was hat Sie auf die Idee gebracht, Auftauchen zu schreiben? War es ein Charakter, eine Szene oder irgendetwas ganz anderes?
Das ist schwierig zu sagen. Ich habe Jahre an diesem Buch geschrieben und weiß nicht mehr genau, was letztlich den Ausschlag gegeben hat. Es kann dieses Haus am Cape Cod gewesen sein …
Auftauchen ist das erste Buch von Ihren drei Romanen, das hauptsächlich in Massachusetts spielt. Wie kam es, dass Sie sich für Ihre Heimat als Setting für den Roman entschieden haben?
Wie alles, was ich schreibe, ist auch Auftauchen untrennbar mit seinem Setting verbunden. Paulette kommt aus einer Familie, wie man sie nur in Massachusetts antreffen wird – besessen von ihren Ahnen, stolz auf ihre lange Erbfolge, geneigt, die Familiengeschichte immer und immer wieder zu erzählen. Leute wie die Drews würde man zum Beispiel niemals in Nevada antreffen. Frank hingegen wurde nicht in so eine Familie hineingeboren – er wurde sozusagen in eine hineingepflanzt, was an und für sich schon interessant ist. Er gehört aber der einflussreichen, wissenschaftlichen Elite um Harvard und das Massachusetts Institute of Technology an. Und natürlich beeinflusst der Ort, an dem sie leben, auch ihre Kinder und die Erfahrungen, die diese machen; die Kinder werden beeinflusst von der Schule, auf die sie gehen oder der Freunden, mit denen sie Zeit verbringen. Wie jeder andere Mensch sind auch die McKotches das Produkt ihrer Lebensumstände. Zufällig ist da nichts.
Das Turner Syndrom ist, wie Sie in Ihrem Roman beschreiben, eine seltene genetische Erkrankung. Wie sind Sie auf die Krankheit gestoßen, und warum haben sie beschlossen, Gwen an dieser Krankheit leiden zu lassen?
Ich kenne Mädchen und Frauen, die an dem Turner Syndrom leiden. Ich habe mit Ärzten gesprochen und wissenschaftliche Literatur gelesen. Laut dem National Institute of Health bedeutet “selten”, dass in den USA weniger als 200.000 Menschen an dieser Krankheit erkranken. Es gibt ungefähr 108.000 Mädchen und Frauen mit dem Turner Syndrom. Als Autorin finde ich es faszinierend, mich mit dieser Sache auseinanderzusetzen. An einer Stelle sinniert Paulette darüber, dass eine Frau ihr Körper sei – und ich bin davon überzeugt, dass es so ist. In unserer Kultur bestimmt das Auftreten und Aussehen einer Frau, wie sie wahrgenommen und behandelt wird, welche Möglichkeiten sie hat, ob sie Karriere macht, wie ihre Beziehungen aussehen und wie sie sich selbst betrachtet. Der Körper, das Aussehen, ist zwar nicht der einzige Faktor, der bestimmt in welche Richtung ihr Leben gehen wird, aber er hat einen unverhältnismäßig hohen Einfluss. Und trotzdem finde ich, dass niemand verdient schön oder schlicht, klein oder groß oder was auch immer zu sein. Es ist eine ‚genetische Lotterie’, wir bekommen, was wir bekommen. Diese Willkür und Ungerechtigkeit, die dahintersteckt, lässt mich nicht los. Und darum schreibe ich darüber.
Was finden Sie besonders spannend daran, über mehrere Generationen von Familien – wie in Auftauchen und Ihrem vorherigen Roman Baker Towers – zu schreiben?
Ich werde sehr oft gefragt, warum ich immer Familiengeschichten schreibe. Wenn man es genau betrachtet, ist doch jede Geschichte eine Familiengeschichte: Wir kommen schließlich alle irgendwoher. Es ist einfach unmöglich, facettenreiche und authentische Charaktere zu zeichnen, ohne sich über ihre Kindheit, ihre frühen Erfahrungen, über das Umfeld, aus dem sie kommen, und die Erbmasse, die sie in sich tragen, Gedanken zu machen. In Romanen geht es doch immer um Kausalität, darum, wie eine Sache zur nächsten führt. Die Entscheidungen von Figuren haben Konsequenzen, die wiederum die nächste und sogar die übernächste Generation beeinflussen. Und das über viele Jahre durchzuspielen macht mir Spaß.
Sie schreiben aus unterschiedlichen Perspektiven, wertet das die Geschichte auf? Und gibt es einen Charakter, dessen Perspektive Sie besonders gern eingenommen haben?
Wie in meinen früheren Büchern kennt auch in Auftauchen keiner der Charaktere die ganze Geschichte. Das Faszinierende liegt in den unterschiedlichen Sichtweisen der einzelnen Figuren auf das gleiche Geschehen. Warum ließen Frank und Paulette sich zum Beispiel scheiden? Jeder der McKotches würde diese Frage anders beantworten. Und jede Antwort teilt uns etwas über den Antwortenden mit. Ich habe es genossen, in jeden einzelnen Charakter zu schlüpfen, aber ich habe eine besondere Vorliebe für Scott, der mich an die Jungs, mit denen ich zu College-Zeiten ausgegangen bin, erinnert. Er bringt mich zum Lachen.

Quelle: www.jenniferhaigh.com

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