Verlagsgruppe Droemer Knaur



Carla Federico im Interview zu "Im Land der Feuerblume"

12.05.2010

Ich mute meine Romanfigur ungleich mehr zu als ich selbst ertragen könnte.

Liebe Frau Federico, Sie reisen gerne und Sie reisen viel und wenn es für die Leser gut läuft, ergibt sich aus einer Reise ein neues Buch. Wie war es bei „Im Land der Feuerblume“? War zuerst die Buchidee da oder die Reise?

Die Reise stand ganz klar am Anfang – und sie war ursprünglich als reine Urlaubsreise gedacht und nicht, um Inspiration für einen Roman zu finden. Die Geschichte von den Deutschen, die im 19. Jahrhundert vor allem ins mittelchilenische Seengebiet eingewandert sind, hat mich jedoch sehr fasziniert und blieb sozusagen in meinem Hinterkopf „hängen“. Als ich Jahre später eine Fernsehdokumentation über dieses Thema sah, ist das Interesse daran sofort wieder erwacht, und die vielen Eindrücke meiner Reise haben sich wie auf Knopfdruck zu einem Roman verwoben, von dem ich sofort wusste: Jetzt muss ich ihn schreiben.

Und als Sie selbst in Chile waren – ist das Land auch heute noch stark geprägt von den deutschen Einwanderern?

Die deutschen Einwanderer haben viele Spuren hinterlassen: So sind die Häuser häufig mit dem typisch deutschen Giebeldach gedeckt, findet man auf den Speisekarten die Schwarzwälderkirsch-Torte oder trifft auf junge Menschen, die fließend Deutsch sprechen, weil sie es von ihren Eltern und Großeltern gelernt haben. Überdies hatten viele Nachfahren deutscher Einwanderer wichtige Positionen in der chilenischen Gesellschaft inne und sie vor allem auf den Gebieten Landwirtschaft, Militär und Schulsystem geprägt. Nationalstolz oder die Tendenz, sich in einer Art Enklave von der übrigen Gesellschaft abzugrenzen, findet man heutzutage jedoch nicht mehr. Insbesondere nach 1945 sind die Nachfahren der Auswanderer durch und durch Chilenen geworden.

Können Sie uns etwas über den historischen Hintergrund der Auswandererwellen des Romans erzählen?

Im 19. Jahrhundert verließen etwa 50 Millionen Menschen Europa, um in der „Neuen Welt“ ihr Glück zu suchen; ca. fünf Millionen von ihnen stammten aus dem Gebiet des deutschen Reiches. Eine Minderheit von etwa 20.000 zog es in eines der südlichsten Länder der Welt: Sie reisten zwischen 1846 und 1914 nach Chile. Die chilenische Regierung ließ damals systematisch erfahrene Bauern und Handwerker aus Deutschland anwerben, damit diese das bis dahin weitgehend menschleere südchilenische Seengebiet besiedelten und als Puffer zum „Mapuche-Land“, den Ureinwohnern Chiles, dienten. Den Siedlern oder „Kolonisten“, wie sie sich selbst nannten, wurde umgekehrt eine eine große Chance geboten: in einem Breitgrad, wo das Klima warm war, eigenes Land zu bewirtschaften. Allerdings mussten sie sich dieses Land erst mühsam erarbeiten, fanden sie doch keine funktionierende Infrastruktur, sondern nur die Wildnis vor. Fernab jeglicher Zivilisation und unter großen Anstrengungen rangen die Kolonisten dem Urwalds furchtbaren Boden ab und schufen eine Art „Klein-Deutschland“, in der sie ihre Sprache und Sitten über Generationen am Leben erhielten.

Sie erzählen unglaublich „echt“ vom Leben auf dem Schiff während der Überfahrt, von der Ernährung dort, von den hygienischen Verhältnissen, den medizinischen Möglichkeiten etc. Und ebenso greifbar „nah“ beschreiben Sie die Verhältnisse in Chile, das Wissen der Eingeborenen z.B. über Nahrungsmittel. Wie haben Sie für diesen Roman recherchiert?

Mir ist es wichtig, für die Recherchen nicht nur Sekundärliteratur zu lesen, sondern möglichst viele Originalquellen – in diesem Fall Briefe, Tagebucheinträge oder Lebensschilderungen von Auswanderern. Diese sind ungemein authentisch und verhelfen dazu, konkreten Gesichter und Geschichten hinter den abstrakten Fakten zu sehen. Auf diese Weise konnte ich das „Abenteuer Auswanderung“ nicht nur verstandesmäßig nachvollziehen sondern wirklich auch nachfühlen.

Die Frauenfiguren prägen diesen Roman in besonderer Weise. Sie sind immer wieder nicht eindeutig als gute oder schlechte Figuren einzuordnen, sondern viele sind in sich zerrissene Figuren oder verhalten sich widersprüchlich. An welcher der Figuren hängt Ihr Herz besonders und mit welcher haben Sie am meisten gekämpft?

Eine meiner Lieblingsfiguren des Romans ist Juliana Eiderstett, genannt Jule – eine ungemein schroffe und selbstbewusste, freiheitsliebende und emanzipierte Frau. Mit ihr wollte ich meiner Urgroßmutter ein Denkmal setzen, die sich trotz ärmlicher Lebensbedingungen und vieler Widrigkeiten ein gewisses Maß an Selbstbestimmung und – verwirklichung erkämpft hat. Aufgrund der Schonungslosigkeit, mit der sie anderen Menschen ihre Fehler und Schwächen vorhält, ist Jule nicht immer sympathisch – aber dennoch ein starker Charakter. Und mit ihrer nüchternen, schnodderigen Art setzt sie einen oft wohltuenden, weil amüsanten Kontrapunkt zur Melodramatik und Tragik der Liebesgeschichte. Eine andere Figur, die mich sehr bewegt hat, ist Greta Mielhahn. Sie ist ganz klar die Antagonistin und viele ihrer Taten sehr gemein – aber all das resultiert aus einer traurigen Geschichte. Nicht zuletzt sind es die Brutalität ihres Vaters, die Gleichgültigkeit ihrer Mutter und die Besitzgier ihres Bruders, die sie zu einem zerstörten, gebrochenen Menschen haben werden lassen. Ich hoffe, dass ich im Leser nicht nur gerechte Empörung wecke, weil Greta dem Liebesglück von Elisa und Cornelius immer wieder im Weg steht, sondern auch ein gewisses Maß an Mitleid, weil sie auch selber ein Opfer ist.

Beim gemütlichen Lesen auf dem Sofa fällt der Kontrast zum Leben der Menschen im Buch besonders hart aus. Was ist der Reiz für Sie beim Schreiben – die historische Distanz zu erspüren oder die Härte der Lebensumstände mit Realitäten wie Hunger, Kälte, bitterer Armut zu beschreiben?

Ich gebe zu: Ich mute meiner Romanfigur ungleich mehr zu als ich selbst ertragen könnte. Ich bin ein sehr bequemer Mensch und würde mich in Extremsituationen wohl nicht als annähernd so stark und ausdauernd erweisen. Doch gerade diese Einsicht lässt mich ungeheuer dankbar für die Errungenschaften des modernen Lebens sein. Wenn ich die Alltagsbedingungen früherer Epochen schildere, will ich – bei mir selbst wie beim Leser – das Bewusstsein schärfen, in unserem Leben nichts als selbstverständlich hinzunehmen, sondern eine gewisse Demut aufzubringen. Zugleich finde ich es sehr faszinierend, diesen archaisch anmutenden Überlebenskampf nachzufühlen und zu den existenziellen Lebensfragen vorzustoßen. In unserer Wohlstandsgesellschaft, in der uns das „tägliche Brot relativ“ sorglos in den Schoß fällt, anstatt Korn für Korn erarbeitet werden zu müssen, liegen m.E. viele Ressouren und Stärken brach bzw. fehlen manchmal Herausforderungen. Wertigkeiten verschieben sich – und das nicht immer zum Guten. Wir sind letztlich alle ein wenig in Watte gepackt – was das Leben zwar angenehmer macht, zugleich aber oft auch oberflächlicher und nicht unbedingt erfüllender.

Sie haben von sich selbst gesagt, dass Selbsterkenntnis und -akzeptanz ein roter Faden für Sie beim Schreiben sind. Wie gehen Sie mit diesen Erkenntnissen um – was können Sie an sich besonders gut akzeptieren und was weniger?

Menschen sind facettenreich und oft ambivalent. Sich selbst in all diesen Facetten und Widersprüchlichkeiten zu erkennen, zu akzeptieren und damit leben zu können ist für mich die Voraussetzung für einen stabilen inneren Frieden. Es geht nicht darum, Eigenschaften an sich selbst toll oder schrecklich zu finden, sondern dazu zu stehen, nicht zwanghaft jemand anderer sein zu wollen und weder sich selbst noch anderen etwas vorzumachen. Das ist natürlich eine lebenslange Aufgabe, die nie ganz abgeschlossen ist und die einen vor immer neuen Herausforderungen stellt.

Und bei anderen?
Wie gesagt: Ich mag es, wenn ein Mensch mit seinen Stärken und Schwächen offen und reflektiert umgeht. Keine schlechte Eigenschaft könnte mich jemals so nerven wie mangelnde Authentizität, also der Versuch, diese zu vertuschen und zu leugnen. Grundsätzlich fasziniert mich am Menschen, was ihn antreibt und ihn im Innersten zusammenhält – Gespräche über reine Eckdaten (was verdient man, wie viel PS hat das Auto, wie groß ist die Eigentumswohnung) langweilen mich hingegen zutiefst.

Wenn Sie auf Reisen sind, gerade im weit entfernten Ausland, was bedeutet Heimat für Sie und was nehmen Sie auf eine Reise mit? Oder anders ausgedrückt: wenn Sie selbst auswandern würden, welche drei Dinge wären für Sie unverzichtbar im Reisegepäck?

Wenn ich längere Zeit im Ausland bin, erwacht Heimweh in mir, und ich beginne mich nach vielem zum sehnen: Nach der vertrauten Landschaft, nach dem vertrauen Essen, ggf. den Jahreszeiten und natürlich nach den Menschen, mit denen mich eine gemeinsame Geschichte verbindet. Ich bin gerne unterwegs, aber ich brauche eine Basis, zu der ich immer wieder zurückkehren kann. Wichtig sind mir auf Reisen darum jene Dinge, die den Kontakt zu dieser Basiss aufrecht erhalten (und die mich leider auch als total technikabhängigen Menschen bloßstellen): Mein Handy, mein Laptop und mein Fotoapparat, um die Eindrücke festhalten und später teilen zu können.

Das Buch

Im Schatten des Feuerbaums

Friedrich Ani – Süden

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