Verlagsgruppe Droemer Knaur



"Es ist ein Land von Milch und Honig nicht ..."

Carla Federico über das Land Chile und ihren Roman "Im Land der Feuerblume"

In Chile erzählt man sich folgende Geschichte über den Ursprung des Landes: Nachdem Gott die Welt erschaffen hatte, hatte er demnach von allen Landschaften noch etwas übrig: Etwas Eis und etwas Wüste, ein paar Vulkane und Seen, einige Fjorde und Regenwälder, außerdem Küsten und Gebirge. Zunächst wusste er nicht, was er damit machen sollte. Am Ende aber entschied er sich, aus all diesen Resten ein weiteres Land zu formen: Chile.

Kaum ein Land auf dieser Welt ist so vielseitig und voller Gegensätze. Als ich Chile im Jahr 2001 zum ersten Mal besuchte, haben mich diese urwüchsigen Landschaften sehr fasziniert und sich viele Natureindrücke in mein Gedächtnis eingeprägt: ob nun der heftige Wind in der Steppe Patagoniens, das Knirschen der Gletscher im Nationalpark Torres del Paine, die heiße Sonne, die auf Santiagos Smog niederbrennt oder der durchdringende Geruch der Urwälder Araukaniens.

In Erinnerung geblieben sind mir jedoch nicht nur die starken Naturerlebnisse, sondern auch die Geschichten der Menschen Chiles. Eine dieser Geschichten hat mir eine junge Frau aus Puerto Varas erzählt: Ihre Urgroßeltern gehörten zu den ca. 20.000 Deutschen, die im 19. Jahrhundert nach Chile auswanderten und das mittelchilenische Seengebiet besiedelten.

Das Schicksal der Auswanderer - idealer Stoff für einen Roman!
Damals war Auswandern kein singuläres Phänomen. Millionen von Menschen zog es in die „Neue Welt“ - und anders als bei den Auswanderer der Gegenwart, die meist von Abenteuerlust, Neugierde auf eine andere Kultur oder Karriereaussichten geleitet werden, war bei ihnen oft der Kampf ums nackte Überleben der Beweggrund: Missernten, Seuchen, politische Repressalien oder mit der Industrialisierung einhergehende Arbeitslosigkeit vertrieben sie aus der alten Heimat. Das Land ihrer Träume stellte sich freilich nicht immer als Paradies heraus – das galt auch für die Deutschen in Chile. Sie wurden vom Versprechen gelockt, eigenes Land zu erhalten – und dieses Land war tatsächlich überreich vorhanden. Allerdings war es nahezu unbesiedelt und unerforscht, und anders als in Ländern wie den USA, wo die Auswanderer funktionierende Infrastrukturen vorfanden und sich rasch in die Gesellschaft integrierten, stießen die Deutschen in Mittelchile auf die totale Wildnis. Förmlich aus dem Nichts schufen sie dort ihr eigenes Reich, wo sie lange unter sich lebten und ihre Kultur und Sprache am Leben erhielten.

Wer heute die Gegend um den Llanquihue-See bereist – jenem großen See inmitten von riesigen Arakaurien und Vulkanen -, findet den einstigen Urwald an den meisten Stellen bezähmt vor. Dennoch kann man sich vor der Kulisse dieses schönen, urwüchsigen Landes gut vorstellen, welche Prüfungen die Einwanderer zu bestehen hatten.

Vor meinem inneren Auge stiegen viele Bilder auf: Wie die Auswanderer mit Booten am Ufer anlegten und sie - mit nichts weiter ausgestattet als mit Werkzeugen, Nägel und Brettern, bestenfalls ein paar Ochsen, einem Pflug und Saatgut – hier ihr neues Leben begannen. Wie sie erste armselige Hütten bauten, die bei Wind und Regen oft in sich zusammenfielen – und deren Mobliliar aus nichts weiter als Kisten bestand. Wie sie – bevor sie überhaupt an Aussaat und Ernte denken konnten -, den Boden von Wurzeln und Flechten befreien und den Wald roden mussten, was nicht nur eine große Anstrengung, sondern eine enorme Gefahr bedeutete. Wie diese Menschen schließlich Jahre der Missernten dulden mussten, die besonders schlimme Folgen zeitigten, wenn die Versorgungsschiffe ausblieben, die sie im Winter mit Nahrungsmittel belieferten.

"Es ist ein Land von Milch und Honig nicht!"
Kein Wunder, dass einer dieser Auswanderer über Chile sagte: „Es ist ein Land von Milch und Honig nicht. Im Schweiße seines Angesichts muss man sich sein Brot verdienen.“ Und auch das Urteil vieler anderen Vertreter der ersten Generation fällt illusionslos aus: „Erst kam der Tod, dann kam die Not und dann erst das Brot.“ In diesem Satz schwingt die bittere Einsicht mit, dass der erstrebte Wohlstand oft erst den Kindern und Enkelkindern, nicht mehr einem selbst zuteil wird. Aber auch der Stolz, Widrigkeiten überwunden zu haben und in diesem wilden Land etwas Bleibendes geschaffen zu haben.

Die Geschichte der deutschen Auswanderer hat mich seit meiner Chile-Reise nicht mehr losgelassen und nach vielen weiteren Recherchen habe ich schließlich meinen Roman „Im Land der Feuerblume“ geschrieben. Im Mittelpunkt steht der Kampf dieser Pioniere und insbesondere ihrer Frauen – aber auch eine Liebesgeschichte: die der jungen Elisa, die mit ihrer Familie der Armut entfliehen will, und von Cornelius, der in Chile Freiheit sucht. Dass sie trotz ihr starken Zuneigung füreinander immer wieder auf Hindernisse stoßen und lange um ihre Liebe kämpfen müssen, macht sie für mich zu einem Symbol für die Auswanderer. Auch sie erreichten ihre Ziele weder leicht noch in kurzer Zeit, auch sie mussten viele Rückschläge erdulden.

Am Ende aber finden sie, was sie suchen: Die Auswanderer eine Heimat. Und Cornelius und Elisa ihr Glück.

Carla Federico im Mai 2010

Die Autorin

Carla Federico

Portrait von  Carla Federico

Carla Federico ist eine österreichische Autorin, die unter anderem Geschichte studiert hat und heute als freie Autorin in Frankfurt am Main lebt. Ihre große Leidenschaft fürs Reisen hat sie in zahlreiche Länder geführt - und auch auf diverse Kreuzfahrtschiffe.

zur Autorin

Das Buch

Jenseits von Feuerland

Friedrich Ani – Süden

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