Verlagsgruppe Droemer Knaur



Es war einmal vor Aldi & Co.

05.07.2010

Frühe Handelsstrukturen und Handelswege in Europa

Wer vor vielen hundert Jahren Handel betreiben wollte, musste viel riskieren, denn die Transportmittel und -wege waren unsicher und es dauerte lange, bis Waren gut am Bestimmungsort angekommen waren. Dennoch staunt man, wenn man über die regen Handelsbeziehungen in früheren Zeiten liest und bewundert unwillkürlich den Mut und die Abenteuerlust der ersten fahrenden Händler – und ihr Organisationstalent. Die Kaufleute organisieren sich bereits sehr früh in den so genannten Gilden, von denen die ersten bereits in Frankreich im 8. Jahrhundert nach Christus belegt sind.

Die Ziele der Gilden waren handfest: es ging immer darum, den Kaufleuten einer Stadt oder den zusammen reisenden Händlern Schutz zu bieten. Das hieß konkret, die Waren beim Transport zu schützen, sich in Unglücksfällen zu helfen und die Handelsstrukturen zu organisieren. Zunächst waren die Gilden Zusammenschlüsse einzelner Kaufleute aber im Laufe ihrer Geschichte bildeten sie sich zu Bündnissen der Städte aus.

Eine Gilde, deren Name bis heute im Sprachgebrauch besteht, war die Hanse. Sie war ein Zusammenschluss norddeutscher Kaufleute und Handelsstädte, die vor allem Fernhandelsstrukturen aufbauten. Die Bezeichnung Hanse kommt aus dem Althochdeutschen und bedeutet übersetzt so viel wie „Gruppe, Schar“.

Die Gilden entwickelten sich in ihrer Blütezeit zu einem hohen politischen Instrument in einer Stadt, die einen starken Einfluss auf das Leben hatten. Besonders berühmte Mitglieder wie beispielsweise die Medici in Florenz beherrschten ihre Städte politisch geradezu und klingende Namen wie die Fugger oder die Rothschilds haben auch heute noch eine ganz besondere Aura, die von dem wirtschaftlichen, aber auch politischen Erfolg einzelner Familien erzählt.

Handelstrukturen in Europa im Mittelalter
Vor welchem Hintergrund entwickelten sich die Gilden und das Leben der Händler im Mittelalter? Für Kaufleute im Europa des 13. und 14. Jahrhunderts verbesserte sich das Handeln zusehends. Der Stand des Kaufmanns hatte sich in der Gesellschaft etabliert und die Verkehrswege waren deutlich sicherer geworden. Dazu kam ein bedeutender Strukturwandel in der Gesellschaft: die Vergrößerung der Städte. Dieser Wandel führte dazu, dass der Handel immer weniger auf Märkten stattfand, sondern die größeren Kaufleute wurden sesshaft. Sie etablierten in einer Stadt ihren Stammsitz und organisierten von dort aus die verschiedenen Geschäfte, die auch an mehreren Orten ansässig sein konnten. Beim Einkauf oder Verkauf ins Ausland entsendete man nun durchaus auch Vertreter. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg wuchs auch der politische Einfluss und die Städte wurden zunehmend von Kaufleuten beherrscht. Nicht zu unterschätzen ist auch die Veränderung der Geldwirtschaft, die die neuen Handelsstrukturen erleichterte. Erste Bankhäuser bildeten sich, das Zahlen mit Schuldscheinen, Wechseln und ähnlichen Kreditformen erleichterte den Warenverkehr und schützte vor Geldverlust durch Raub und Überfall.

Mit dem Einbruch des Heiligen Römischen Kaiserreichs, das die Kaufleute bis dahin unter seinen Schutz gestellt hatte, veränderte sich noch einmal das Handelsleben. Die Fürsten verweigerten in der Zeit des Interregnums zwischen etwa 1250 bis 1273 den Kaufleute ihren Schutz. In diese Leerstelle sprangen die einzelnen Städte ein, die nun die Handelswege beschützten und in ihren Stadtmauern auf die Einhaltung von Rechten und Privilegien der Kaufmannschaft achteten. Zunehmend bildeten sich übergreifende Bündnisse von Städten heraus, die gemeinsame Ziele verfolgten.

Gemeinsam sind wir stark: das Gilde-Beispiel Hanse
Die norddeutschen Kaufleute nannten ihre Zusammenschlüsse „Hanse“, deren Farben weiß und rot bis heute viele Stadtwappen ehemaliger Hansestädte prägen. Zunächst war es ein Zusammenschluss von Kaufleuten, der sich im 12. Jahrhundert bildete und sich beim Fernhandel unterstützte. Ein wichtiger Meilenstein für die Hanse war die Gründung von Lübeck im Jahre 1143.

Mehr als Marzipan – Lübeck als erstes Tor zum Osthandel
Mit Lübeck besaß man endlich einen Ostseezugang und hatte damit die Möglichkeit des Handels mit Nordrussland. Russland war zum einen ein wichtiger Lieferant von Rohstoffen, der Ostseezugang bot aber auch neue Absatzmärkte für die europäischen Kaufleute. Ein erstes Bündnis für den Osthandel war die „Gotländische Genossenschaft“, die sehr erfolgreich Handel im Ostseeraum betrieb. Diesen Kaufleuten gelang es, die wichtigen Handelszentren für den Ost-Westhandel, nämlich Brügge und Nowgorod, miteinander zu verbinden und damit vor allem den Handel mit Getreide, Wachs und Holz aus dem Osten und von Tuch aus Flandern und England zu verbessern.

Etwa zwei Jahrhunderte später hatte die Hanse mehrere bekannte Handelswege etabliert, etwa die rheinische Verkehrslinie, über die bereits bei den Römern gehandelt wurde. Auf dieser Strecke gelangten Wein aus der Kölner Gegend und Wolle aus England, aber auch Metallwaren an ihre Kunden. Auch aus Italien und Frankreich konnten Produkte in den Norden und den Westen von Europa gehandelt werden. Die Städte Dortmund und Köln hatten diesen Weg unter ihrer Kontrolle. Ein weiterer Handelsweg führte von Brügge und London aus bis nach Skandinavien: die hansische Ost-West-Linie. Pelze, Wachs, Butter, Getreide, Vieh und Fisch waren hier unterwegs und die führenden und für diesen Weg verantwortlichen Städte waren Lübeck, Danzig und Riga. Die dritte Strecke war der Nord-Süd-Weg, der von Magdeburg bis Bergen führte und eine Verbindung zwischen Südschweden und Norwegen, den Fischlieferanten, schuf, sowie zwischen dem Harz und Lüneburg, wo in Salinen und Bergwerken produziert wurde. Der sächsische und der wendische Städtebund sowie die Städte Magdeburg und Braunschweig betreuten diese Strecke.

Macht und Ohnmacht eines Handelsimperiums
Die Hanse hatte in den Hochphasen ihrer Macht zwar nie die eigene Souveränität erhalten, sondern unterstand stets den weltlichen und religiösen Herrschern. Sie bildete dennoch eine so hohe politische Macht, dass im Namen der Hanse sogar eigene Kriege geführt und gewonnen wurden. Etwa 72 Städte bildeten das Zentrum der Hanse, aber weitere 130 Städte zählten ebenfalls zu diesem Bündnis. Sie alle zusammen umfassten ein Gebiet, das von Flandern bis Reval reichte und sich über den gesamten Ostseeraum bis hin Finnischen Meerbusen erstreckte. Zu den weitgreifenden Dingen, die die Kaufleute dieser Städte miteinander absprachen, zählten zum Beispiel Vertragsgestaltungen, Handelsprivilegien, Kriegsführung, Wirtschaftssanktionen, die Beratung der Mitglieder und finanzielle oder militärische Maßnahmen etc. Ein wesentlicher Grund für den enormen Einfluss der Hanse und ihre zeitweilige Monopolstellung war die Tatsache, dass sie Land- und Seeverkehr miteinander verband. Darüber hinaus besaß die Hanse bereits relativ früh ein verbindliches Hanseschifffahrtsrecht, das für den reibungslosen Ablauf des Verkehrs sorgte.

Die Hanse-Kaufleute agierten selten als Einzelhändler. Üblich waren vielmehr Modelle, die von einem kurzfristigen Zusammenschluss mit voller Kapital- und Gewinnteilung für ein einzelnes Geschäft bis hin zu komplexen freien Gesellschaften reichten, an denen neben den aktiven auch stille Teilhaber beteiligt waren. Für die Teilnahme an solchen Gesellschaften spielten verwandtschaftliche Beziehungen eine tragende Rolle und die größeren Kaufleute verteilten ihr Kapital zur Reduzierung des Risikos auf mehrere solcher Gesellschaften.

Mit dem beginnenden 15. Jahrhundert veränderte sich der Status der Hanse. Die Landesherren der ostdeutschen Gebiete übten zunehmend einen stärkeren Einfluss aus, dem sich die Städte beugen mussten. Dazu kam die Entdeckung der Neuen Welt durch Christoph Kolumbus im Jahre 1492 und damit der beginnende Überseehandel. Der bis dahin vorherrschende Ostsee-Westsee (heute Nordsee)-Handel brach ein und neue Konkurrenten traten auf. Bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts war aus der stolzen Hanse ein nur noch auf dem Papier bestehendes Bündnis geworden, dem der 30-jährige Krieg vollends das Genick brach. An der letzten Zusammenkunft der Städte im Jahre 1669 nahmen nur noch neun Städte teil. Es wurde beschlossen, dass sich die drei Städte Bremen, Hamburg und Lübeck um den Schutz der im Ausland gegründeten Kontore kümmern sollten. Diese drei Städte unterhielten auch weiterhin an den europäischen Höfen und in den wichtigen Häfen Konsulate und diplomatische Vertretungen. Und sie sind es auch, die bis heute als Hansestädte in Erinnerung bleiben.


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Friedrich Ani – Süden

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