Verlagsgruppe Droemer Knaur



Hebammen und ihre Geschichte in historischen Romanen

06.07.2010
Weise Frauen, die Müttern bei der Geburt beistanden, hat es schon vor 40.000 Jahren gegeben. Sie halfen den Gebärenden mit magisch-rituellen Handlungen, aber auch mit Kräutertees, Aderlässen oder einfach besonders geschickten Händen.
Die Frage, wo denn eigentlich das Leben herkommt, hat die Menschen schon sehr früh fasziniert und beschäftigt. Und so steht eine Beschreibung der Hebammenarbeit bereits im Alten Testament im 2. Buch Mose (Mose, 2. Buch, 1, Vers 15-17). Die frühen Hebammen wussten vieles über den Körper der Frauen und halfen nicht nur bei der Geburt, sondern auch sonst bei Krankheiten und Schwierigkeiten.

Den ersten Schritt in die hohe Domäne der Medizin konnten Frauen dann im frühen Mittelalter wagen. Die Medizinische Akademie am Golf von Salerno, die vom 9. Jahrhundert bis ins hohe Mittelalter bestand, bildete auch Frauen zu Ärztinnen aus, die sich in der Frauenheilkunde besonders hervortaten. Das Werk der Ärztin Trotula im 11. Jahrhundert kann man als einen Meilenstein in der Frauenheilkunde bezeichnen. Sie studierte an dieser Universität und schrieb in einer Art Jahrbuch einen breiten gynäkologischen und geburtshilflichen Erfahrungsschatz nieder, angereichert mit kosmetischem Wissen. Dieser Frau hat Ina Marie Cassens mit dem Roman Die Heilerin von Salerno ein schriftliches Denkmal gesetzt. Sie beschreibt fesselnd das abenteuerliche Leben einer der ersten Medizinerinnen – oder zumindest, wie deren Leben gewesen sein könnte.
In dieser Zeit wurde in Deutschland zwar noch keine Frau zum Studium der Medizin zugelassen, aber im Deutschen setzte sich der Begriff Hebamme durch. Er war die Berufsbezeichnung für einen ersten anerkannten medizinischen Arbeitsbereich für Frauen.

Die Geburtshilfe auf schriftlichem Fundament

Die ersten eigentlichen Lehrbücher der Geburtshilfe erschienen dann im 16. Jahrhundert. Geschrieben wurden sie zwar meist von Ärzten, die sich aber von Hebammen alles Wissen schildern ließen, denn die Ärzte hatten kaum eigene Entbindungserfahrung. Zeitgleich wurden in den größeren Städten dann auch die ersten Hebammenordnungen erlassen, die die Tätigkeiten von Hebammen in den Städten regelten.
Ein Jahrhundert später versuchte man dann zunehmend, die Geburtshilfe in die Hände von Männern zu legen. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts gab es Geburtshilfe-Kurse für angehende Ärzte und in den Geburtsabteilungen der städtischen Hospitäler stand immer ein Arzt den Abteilungen vor. Die Geburtshilfe entwickelte sich zu einem eigenen Universitätsfach. Man versuchte, den Geburtsverlauf besser zu verstehen und damit für Komplikationen besser gewappnet zu sein – kein Wunder in einer Zeit, in der die Bevölkerung schlecht ernährt war, viele Infektionen und Rachitis die Gesundheit stark einschränkten und man mit vielen Erkrankungen und Missbildungen der Gebärmutter und der Geburtswege rechnen musste.
Eine bahnbrechende Erfindung war die der Geburtszange Anfang des 17. Jahrhunderts. Man entwickelte weitere Gerätschaften, um das Becken messen, das Baby zu wenden oder aber auch um ein totes Kind aus dem Mutterleib entfernen zu können.

Kompetenzstreit über Jahrhunderte – Hebammen und Ärzte im Konflikt

Die Ärzte überließen diese Geräte nur ungern den Hebammen. Ein grundlegender Konflikt hat hier begonnen: die Frage der Zuständigkeit bei Geburten und über die Rollenverteilung zwischen Ärzten und Hebammen. Immer wieder war es eine Streitfrage, wessen Hilfe besser ist: die der Hebammen oder die der Ärzte.

Trotz bestehender Zuständigkeitskonflikte bemühte man sich um eine verbesserte Ausbildung der Hebammen sowie eine staatliche Legitimation, sodass eine Hebamme im 17. Jahrhundert eine Lehrzeit bei einer Wehenmutter von 3-4 Jahren absolvieren musste, die mit einer amtlichen Prüfung abgeschlossen wurde. Die Befugnisse der Hebammen waren ebenfalls deutlich verbessert worden. Sie mussten nicht nur die Geburt mit der Vor- und Nachphase sicher leiten, sondern auch gegebenenfalls Kaiserschnitte vornehmen oder auch die Nottaufe vollziehen.

Diese weiten Befugnisse der Hebammen, ihr Wissen über die Schnittstelle des Lebens führten dazu, dass sie von vielen Bürgern auch immer wieder sehr misstrauisch beäugt wurden. Sie waren in weiten Strecken mächtig über Leben und Tod des Neugeborenen und der Mutter. Sie brachten zwar einerseits Erleichterung und Hilfe, andererseits war ihre Arbeit aber auch immer wieder mit Schmerzen oder dem Scheitern verbunden. Todesfälle nach unglücklichen Geburtsverläufen oder ein plötzlicher Kindstod endeten nicht selten mit dem Tod der Hebamme. Auch die Fähigkeit der Hebammen,

Schwangerschaften zu verhindern oder zu unterbrechen, war ein wichtiges und gefährliches Wissen. Der „Hexenhammer“ von 1487 bot über zwei Jahrhunderte hinweg eine Rechtsgrundlage, die für viele Hebammen den fürchterlichen Tod nach einer Anklage brachte. Wer die Romantrilogie von Sabine Ebert über das Leben der Hebamme Marthe liest, erfährt viel über die Macht, aber auch die Ohnmacht einer Hebamme und die Hetzjagden, denen diese Frauen ausgeliefert wurden.

Andererseits gewannen besonders gute Hebammen an den Königshäusern und Fürstenhöfen oft hohen Einfluss und wurden oft zur engsten Vertrauten der hochstehenden werdenden Mütter. Kein Wunder, waren doch Geburten in Zeiten der feudalen Erbfolge auch ein hochpolitischer Akt. Der Tod oder das Überleben eines künftigen Thronfolgers war für die königlichen Leibhebammen das Zünglein an der Waage, das für sie und das gesamte Königreich über Glück und Unglück entschied. Wenn sie erfolgreich waren, verhalf ihnen der gute Ruf zu einem deutlich besseren Leben als ihren Kolleginnen.

Eine neue Institution: Die Geburtskliniken

Im Laufe des 18. Jahrhunderts erweiterten sich die Kenntnisse und Methoden der Geburtshilfe grundlegend. Weiterhin wurden aber Ärzte und Hebammen getrennt voneinander ausgebildet. Für die Hebammen gab es mehr und mehr eigene Lehranstalten, die Ärzte wurden an den Universitäten in geburtshilflichen Kliniken ausgebildet. Toril Brekke beschreibt in dem bewegenden Roman Sara das Schicksal einer jungen Frau, die eine Ausbildung in einer solchen Anstalt absolviert. Das Bedürfnis der Frauen nach Unabhängigkeit und die Eigenständigkeit des Berufs waren immer wieder ein Dorn im Auge der Ärzte und der Männer, die genau diese Eigenständigkeit fürchteten.

Die Hausentbindung war bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts die Regel und fiel in den Zuständigkeitsbereich der Hebammen. In den Kreissälen der Kliniken waren die Hebammen aber den Ärzten unterstellt. Man ging aber bis vor wenigen Jahrzehnten nicht für die Geburt in die Klinik. Der schlechte Ruf lag an der schlechten Pflege, den unhygienischen Verhältnissen und dem grassierenden Kindsbettfieber. Dieses Fieber riss immer wieder bis zu 25% der Klinik-Patientinnen in den Tod. Nur Frauen aus unteren Schichten entbanden hier und auch nur, wenn es gar nicht anders ging. Geburtskliniken waren Orte der Schande. Dazu kam, dass diese Kliniken der Ausbildung von Ärzten und Hebammen dienten und damit jede Geburt eine öffentliche Lehrveranstaltung war. Der Aufnahme-Vertrag regelte, dass die Frauen umsonst Kost und Logis sowie die Entbindung bekamen, dafür aber ihre Geburt unter Aufsicht stattfinden musste. Entzogen sich die Frauen der öffentlichen Geburt, wurde ihnen der Aufenthalt im Nachhinein noch berechnet. Während der Geburt, aber auch bereits bei den Visiten und Voruntersuchungen sahen den Gebärenden mitunter bis zu 30 Studenten und Hebammen zu und durften Hand anlegen. Kein Wunder, dass die besser gestellten Bürgersfrauen diesen Status als Versuchskaninchen vermieden.

Mit dem Wissen um die Desinfektion ging ab dem Jahr 1867 die Sterblichkeitsrate in den Kliniken zunehmend zurück. Auch nach dem Kaiserschnitt, dessen Sterblichkeitsrate um 1840 noch bei fast 100% lag, starben gegen Ende des 19. Jahrhunderts nur noch 3% der Frauen.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Hebammen zunehmend politisch aktiver. Sie versuchten, ihren Berufsstand in Vereinigungen und mit Standesblättern zu stärken und auch ihre Ausbildung besser zu organisieren und zu vereinheitlichen. Ein sehr schöner Spiegel der Hebammenarbeit über mehrere Jahrhunderte hinweg, über die Arbeitsverhältnisse in der Stadt und auf dem Land und das Leben der Hebammen vermittelt auch der Generationenroman von Jo Schulz-Vobach Die Hebammen von Königsberg. Die Frauen in diesem Roman vererben den Beruf der Hebamme von einer Generation auf die nächste und kämpfen um ihre Arbeit, um ihre Traditionen als Heilerinnen – und um ihr individuelles Glück.

Die Autorin

Toril Brekke

Portrait von Toril Brekke

Toril Brekke, geboren 1949, ist eine der bekanntesten Autorinnen Norwegens. Lange Zeit war sie Vorsitzende des norwegischen PEN-Clubs.

zur Autorin

Das Buch

Friedrich Ani – Süden

zum Buch
↑ nach oben