Verlagsgruppe Droemer Knaur



Huren und Mätressen

06.07.2010

Käufliche Liebe in historischen Romanen

Kaum ein historischer Roman, der im Mittelalter spielt, kommt ohne sie aus: Huren und Dirnen spielen in historischen Romanen eine große Rolle, wenn nicht sogar die Hauptrolle wie bei den Bestsellern von Iny Lorentz über das Schicksal der Wanderhure Marie. Waren diese Frauen aber in der Realität ebenso omnipräsent wie in historischen Romanen?

Offenbar ja. Bereits in der Antike gab es eine hochdifferenzierte Kultur von Prostituierten, die Griechen und Römer nutzten die Dienste dieser Frauen gerne und ihr Beruf war nicht so unehrenhaft wie man heute gerne denkt. Es galt ein gewisses Gebot der Diskretion, damit die Ehefrauen nicht in ihrer Ehre gekränkt waren, aber ansonsten war der Gang in ein Frauenhaus nichts Anrüchiges. Bereits 3.000 vor Christus gab es die so genannte Tempelprostitution, bei der junge Mädchen in den Tempeln zu Ehren von Fruchtbarkeitsgöttinnen entjungfert wurden und das dadurch verdiente Geld den Tempeldienerinnen oder Priestern gegeben wurde. Aus dem 7. Jahrhundert vor Christus sind aus Griechenland Staatsbordelle überliefert, mit denen guter Umsatz gemacht wurde.

Sinnenfrohes Mittelalter?
Mit dem Mittelalter bildeten sich gerade in den Städten, aber auch auf dem Land eigene Strukturen der Prostitution aus. Die Einrichtung von Frauenhäusern in den Städten im 12. und 13. Jahrhundert nach Christus war typisch für diese Zeit, wie sie auch in Sabine Eberts Roman Die Entscheidung der Hebamme vorkommen. Ebert beschreibt anhand einer Nebenfigur, der Hure, sehr anschaulich, welche Rolle Huren und Geliebte in der höfischen Gesellschaft spielten – ihren Einfluss, aber auch ihren gesellschaftlichen Stand. Neben den Frauenhäusern waren auch die Badehäuser Orte, an denen man sich nicht nur waschen konnte. Auch wenn offiziell dort keine Prostituierte Einlass haben durften, gab es doch überwiegend weibliche Angestellte in den Bädehäusern und viele kleine Nebenzimmer, die für Liebesstunden zur Verfügung standen. Die Frauenhäuser waren von staatlicher Macht organisiert, hatten eine Frau, die so genannte Äbtissin, oder einen Mann, den Hurenwirt, als Vorsteher. Die dort arbeitenden Frauen waren im späten Mittelalter in der Öffentlichkeit bekannt und gehörten zum Straßenbild wie andere Handwerker auch.

Die im Hurenhaus arbeitenden Frauen gehörten sogar einer eigenen Zunft mit ständischen Vorschriften an, wie zum Beispiel einer Kleiderordnung, an der man die Huren in der Öffentlichkeit erkennen konnte. Zunächst war es im frühen Mittelalter nur ein langer Schlitz im Rock, der die Huren kennzeichnete, dann aber prägte sich ein ausgefeiltes Symbolsystem aus. Die Farben, die Prostituierte trugen, waren je nach Städten unterschiedlich, aber oft waren Rot, Grün oder Gelb, als Hut, Armbinde oder am Rocksaum, die charakteristischen Farben einer Hure. Verbote gab es auch für bestimmte Schleier, Hüte oder Schuhe. Grundsätzlich galt, dass eine anständige Frau sich nicht herausputzte, sodass die auffälligen Huren auch „Hübschlerinnen“ hießen.

Die Dirnen in den Bordellen waren oft angehalten, sich an bestimmte hygienische Vorgaben zu halten – Trota von Salerno, eine der ersten Frauen, die sich mit weiblicher Medizin beschäftigte, hat dazu klare Vorschriften wie das Waschen, Abtrocknen und ähnliches mehr angegeben.

Grundsätzlich gab es in den meisten Städten bestimmte Gebiete, in denen freie Huren wohnten oder in denen sich die Bordelle befanden. Die Straßennamen spiegeln diese Ordnung: Rosenstraße, Frauenstraße oder Marienhügel sind solche Namen, aber auch eine Jungfernbrücke oder Brunnengasse – man kam hierher, um aus dem Brunnen der Liebe zu trinken.

Auf dem Land hingegen waren es die umherziehenden freien Huren, die den Männern ihre Dienste anboten – in der Regel handelte es sich um verarmte Frauen und Mädchen, die von Dorf zu Dorf zogen und sich auf diese Weise ihren Unterhalt verdienten. Ihre Reisestrecken richteten sich nach den Jahrmärkten und Messen, den Pilgerfahrten und den wichtigsten Feldarbeiten. Nicht selten geschah es, dass sich eine Gruppe Arbeiter, Kaufleute oder Schiffer zeitweise eine Hure mit auf die Reise nahmen, um sich während der Ruhepausen mit ihr zu vergnügen. Um der Gefahr von Vergewaltigungen oder Zechprellerei zu entgehen, wurden diese Wanderhuren oft von einem Zuhälter begleitet, aber das war nicht die Regel.

Iny Lorentz’ Roman Die Tochter der Wanderhure schildert exemplarisch, wie das Reisen schon für eine anständige Frau aussehen konnte und welchen Gefahren man sich ausgesetzt sah. Ihre Hauptfigur, die Wanderhure Marie, hat es zwar geschafft, sich in eine ehrenhafte Stellung zu bringen, aber ihre Umgebung vergisst Maries Herkunft nie und so wird die ehemalige Hure ebenso wie ihre Tochter immer wieder mit unschönen Grüßen aus der Vergangenheit konfrontiert …

Die neue Enthaltsamkeit – eine Seuche greift um sich
Im auslaufenden 15. Jahrhundert, unter Einfluss der Reformation und nach den ersten Syphilisepidemien geriet die Prostitution zunehmend in Verruf. 1495 wurde die Syphilis zum ersten Mal in Neapel festgestellt, daher auch der französische Name „mal de Naples“, und in den folgenden Jahren verbreitete sich die Krankheit seuchenartig in ganz Europa. Ihre Ursprünge waren unklar, die Infektionswege nicht geklärt und die Heilung nahezu unmöglich, sodass viele Krankenhäuser sich weigerten, Erkrankte aufzunehmen. Die Angst vor dieser Krankheit, aber auch Martin Luthers Moralpredigten, die sich durch die neue Kunst des Buchdruckes wesentlich schneller als bisher verbreiteten, führten zu einem Rückgang der bis dahin bekannten Prostitution im Laufe des 16. Jahrhundert.

Das 17. Jahrhundert wurde offenbar deutlich geringer von der allgemeinen Prostitution geprägt als die Zeiten davor – auch wenn sie nicht verschwunden war. Es gab keine offizielle Organisation der Huren mehr und die soziale Schere öffnete sich weit. Einige wenige gut verdienende Huren waren im Stadtbild sichtbar und durchaus wohlhabend vertreten, während die anderen eher zurückgezogen und ärmlich lebten.

Mätressen und Kurtisanen – der Glanz auserwählter Frauen
Das neue Phänomen des 16. und 17. Jahrhunderts, der Renaissance, waren die Kurtisanen. Kurtisanen waren zwar käufliche Frauen, die aber trotz ihrer Käuflichkeit gesellschaftlich anerkannt waren. Die bekannten Kurtisanen nahmen am gesellschaftlichen Leben teil, mitunter aktiv als Musikerin oder Dichterinnen, hatten eigene Häuser und Dienerschaften und waren modisch überaus auffallende Erscheinungen. Die kirchlichen Würdenträger, gerade in Rom und im gesamten Italien, luden zu ihren Festen, Gelagen, Theaterempfängen etc. zunehmend auch eben diese Frauen ein, um diese Lücke an weiblichen Festteilnehmern zu füllen.

Während der Renaissance konnten Frauen verhältnismäßig wenige Wege gehen, die ihnen ein Auskommen boten. Entweder sie heirateten, oder sie gingen ins Kloster. Für eine Heirat wie fürs Kloster brauchte man aber eine Mitgift, und die fehlte den meisten Mädchen. Sie mussten für sich selber sorgen und Berufsschancen gab es kaum. Dienstmädchen, Wäscherin oder Köchin konnte man als unverheiratete Frau werden, in den Städten auch noch ggf. Arbeiterin. In jedem Fall war der Lohn gering und die Arbeit hart. Demgegenüber war die Aussicht auf ein Leben als Kurtisane verführerisch, sodass viele einfache Mädchen mit dieser Hoffnung nach Rom zogen.

Ein weiterer „Berufszweig“, aus dem viele Kurtisanen stammten, waren die Marketenderinnen, die im Zuge des spanischen Heeres nach Italien gezogen waren. Etliche Geistliche brachten auch selbst ihre Geliebten mit. Kurtisane konnte aber nicht jede werden, und es konnte auch nicht jeder zu ihnen gehen. Die Frauen mussten über eine breite Bildung verfügen, z. B. mehrere Sprachen sprechen, Instrumente beherrschen und singen können sowie das Schreiben, oft auch Dichten beherrschen. Wer sich ihre Gunst und ihre Dienste gönnen wollte, brauchte viel Geld und eine hohe gesellschaftliche Stellung – es waren ökonomisch und rational denkende Frauen, die sich mit viel Geschäftssinn verkauften und durchaus nicht jeden Kunden annahmen. Legendär ist die Abfuhr, die Kardinal Richelieu von der Kurtisane Ninon de Lenclos bekam. Er bot ihr 150.000 Goldmünzen, wenn sie seine Geliebte werden würde – doch sie lehnte ab. Ein fundamentaler Wandel war eingetreten.

Fürsten und Kleriker konnten sich vor 100 Jahren mehr oder weniger die Frau nehmen, die sie begehrten – und nun mussten sie bitten und für die Dame auch noch bezahlen. Vor allem die königlichen Mätressen hatten eine bevorzugte Stellung inne. Während die weiteren Geliebten und Hofprostituierten z. B. von König Heinrich IV. von Frankreich in Häusern außerhalb des Hofes untergebracht waren, lebte seine erste Mätresse Henriette d`Entrague am Hof, der Königin räumlich gleichgestellt. Auch wenn Heinrichs Ehefrau Maria de Medici protestierte, so half das doch wenig. Die Mätresse wurde mehrfach geadelt und nur zugunsten der nächsten Mätresse Gabrielle d`Estrées musste sie den Hof verlassen, nicht aufgrund der Klagen der Ehefrau.

Diese wunderschönen Frauen wurden oft für die Nachwelt in Bildern festgehalten. Wolfram Fleischhauer hat mit Die Purpurlinie einen faszinierenden Roman über eines dieser bekannten Gemälde geschrieben, das Gabrielle d`Estrées zeigt. Das Problem der Nachkommen in Zeiten ohne sichere Verhütung war relativ pragmatisch geregelt. Bekam eine ihrerseits verheiratete Mätresse ein Kind, galt dieses Kind als Kind des Ehemanns, der mit bestimmten Vorteilen entschädigt wurde. War sie selbst ledig, wurden die Kinder legitimiert. Meistens wurden aus solchen Verbindungen stammende Kinder gut versorgt: die Töchter wurden mit Hochadeligen verheiratet, die Söhne zwar aus der Thronfolge ausgenommen, aber mit hohen Posten in der Armee oder Kirche bedacht. Auch gegen die Kurtisanen mehrten sich natürlich Stimmen, die gegen sie wetterten, sodass man auch in diesem Fall wieder versuchte, das Kurtisanentum einzugrenzen. Es gab Verbote eine Kutsche zu gebrauchen, was für die Kunden wie für die Kurtisanen eine riesige Einengung war, oder aber auch die Verbannung in eigene Stadtteile.

Diese und weitere Maßnahmen engten das Leben der Kurtisanen drastisch ein, aber sie durften, wenn sie sich an die Vorgaben hielten, innerhalb ihrer Grenzen leben und arbeiten. Aufstieg und Fall einer Kurtisane waren allerdings oft gleichermaßen rasant. Wenn auch einfache Mädchen es bis in die höchsten Betten schaffen konnten, so traf viele doch beim Verstoßen gleichermaßen die gesellschaftliche Ächtung und damit auch die drohende Armut. Nur wenige schafften es, über die Zeit der eigenen Gunst hinaus Einfluss auf den Geliebten zu behalten.

Die Autorin

Iny Lorentz

Portrait von Iny Lorentz

Hinter dem Namen Iny Lorentz verbirgt sich ein Münchner Autorenpaar, dessen erster historischer Roman „Die Kastratin“ die Leser auf Anhieb begeisterte. Mit „Die Wanderhure“ gelang ihnen der Durchbruch; der Roman erreichte ein Millionenpublikum.

zur Autorin

Das Buch

Friedrich Ani – Süden

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