Verlagsgruppe Droemer Knaur



Das Bad der großen Gefühle

07.07.2010

Historische Romane über Auswanderer

Leser von historischen Romanen müssen nicht unbedingt im Kino Filme wie Australia ansehen, um nach Herzenslust in großen Gefühlen, in Abenteuerlust, Pioniergeist und tödlicher Gefahr zu schwelgen. Liebe, Hass, Mut und Hoffnung stecken auch zwischen den Buchdeckeln vieler historischer Romane, die sich mit dem Schicksal von Auswandererfamilien beschäftigen. Und wenn wir hier in den europäischen Breitengraden frieren und bibbern oder uns über den verregneten Sommer beklagen, so versprechen uns schon die Cover dieser Bücher ein Abtauchen in sonnige Gefilde.

Wobei sich diese Aussicht für den einen oder anderen Auswanderer auch schnell in eine echte Bedrohung verwandeln konnte – ganz ohne Klimaanlage und guten Sonnenschutz! Wenn Frank Coates in seinem Buch Jenseits von Mombasa den Briten Ronald Preston nach Afrika schickt, um dort eine Eisenbahnlinie aufzubauen, dann ist das für den jungen Mann ein schier unmögliches Unterfangen, dem er sich dennoch stellt. Aber nicht nur er, auch seine Frau geht mit in die Wildnis und kämpft gegen das raue Leben und die unerbittlich glühende Sonne – und beide lernen doch den Zauber dieser Landschaft und Menschen kennen und lieben.

Verhaltener bleiben da Toril Brekkes Hauptfiguren aus Elises Traum. Hier kämpfen die norwegischen Auswanderer ganz hautnah gegen die Fremdheit der Sprache, gegen Krankheiten, auch gegen das so andere Naturell der Menschen in Amerika und suchen nach einem bescheidenen Glück. Nach dem Glück der freien Meinung, nach genügend Ackerland, nach einem Verdienst, der einem das Überleben leicht macht oder sogar eine richtige Existenz ermöglicht. Froh und optimistisch ziehen sie aus – und werden von einer Realität empfangen, die so ganz anders ist als ihre Vorstellungen. Wie sie sich darin einrichten, wie sich die Bedürfnisse anpassen und jeder doch für sich einen Platz findet, das schildert die Autorin so überzeugend, dass man das Leben im Roman nahezu riechen kann.

Auch die Auswanderer in Carla Federicos Roman Im Land der Feuerblume verlassen Hamburg voller Hoffnung auf ein neues Lebensglück. Chile heißt das Ziel des Auswandererschiffes und jeder Passagier an Bord hat einen guten Grund, diese weite Reise zu wagen. Ergreifend und lebensnah erzählt Carla Federico von den Hoffnungen der deutschen Siedler und ihrem Kampf im weitgehend menschenleeren, unerforschten Süden Chiles eine Kolonie, eine Art „Klein-Deutschland“, zu erschaffen. Und natürlich kommt auch die Liebe nicht zu kurz...

Gerade die Liebesgeschichten in diesen Romanen verleiten zum Träumen, auch wenn oft harte Realitäten dahinterstehen. Rassenkonflikte und die Unvereinbarkeit einer Liebe zwischen einer weißen Frau und einem farbigen Mann spiegeln in diesen sinnlichen Romanen eine historische Realität, die noch nicht so lange vorbei ist. Standesunterschiede bei einer Liebe zwischen Arm und Reich sind in den Büchern über das Schicksal von Auswandererfamilien an der Tagesordnung. Auf den abgelegenen Farmen oder Plantagen trafen Gegensätze aufeinander und die Liebe kennt keine Standesunterschiede.

Ana Veloso hat so einen wunderbaren Liebesroman vor der malerischen Kulisse Brasiliens geschrieben. Der Duft der Kaffeeblüte hat eine Liebe zwischen einer jungen Frau, Vita, zum Thema, die alle Vorteile der reich geborenen Erbin einer elterlichen Kaffeeplantage genießt. Nur ihre Gefühle passen nicht in dieses perfekte Leben, denn der Mann ihres Herzens fordert die Abschaffung der Sklaverei. Und damit greift er die Lebensgrundlage von Vitas Familie an. Kann eine solche Liebe eine Zukunft haben?

Die Aussiedler sind meist in der Hoffnung ausgezogen, in der Ferne den einengenden Normen und Vorstellungen aus der Heimat zu entkommen – doch die Romane zeigen eindringlich, wie schwer das in der Realität umzusetzen ist. Letztlich zieht man auch in einer völlig neuen Umgebung einen Rattenschwanz an Erziehung, Konflikten und Vergangenheit hinter sich her. Die Fremdheit der Umgebung mag für viele eine Befreiung davon gewesen sein, doch viele hatten ihre Probleme im Handgepäck. Enttäuschungen, Entbehrungen, Neid und Eifersucht, aber auch überschwängliches Glück waren unweigerlich mit dem Leben in der neuen Umgebung verbunden und trugen sicherlich dazu bei, dass gerade auch die Autoren von Familiensagas reichlich Stoff für ihre Generationenromane haben.

Wer immer Lust auf eine Reise in die koloniale Vergangenheit hat und gerne in andere Länder abtauchen möchte, wer über Hoffnungen, Sehnsüchte und Neuanfänge lesen möchte, der sollte sich mit diesen Büchern das Abenteuer und große Freiheit ins Haus holen. Und das Gute an diesen Reisen im Buch: die Kehrseite der Medaille, den Schmutz, die Krankheiten, die Fremde übernehmen die Helden im Buch!


Die Autorin

Toril Brekke

Portrait von  Toril Brekke

Toril Brekke, geboren 1949, ist eine der bekanntesten Autorinnen Norwegens. Lange Zeit war sie Vorsitzende des norwegischen PEN-Clubs.

zur Autorin

Das Buch

Friedrich Ani – Süden

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