Verlagsgruppe Droemer Knaur



„Goodbye Deutschland" - Auswandern einst und jetzt

13.07.2010

von Carla Federico

Das Thema Auswandern hat mich schon immer fasziniert. Für mich ist es zwar nur schwer vorstellbar, den vertrauten Sprach- und Kulturkreis zu verlassen (mein Umzug von Österreich nach Deutschland war diesbezüglich ein ausreichend großes und einschneidendes „Abenteuer“) - dennoch kokettiere ich manchmal mit dem Gedanken, in der Fremde ein ganz neues Leben zu beginnen und meine Geschichte ein stückweit zurücklassen zu können. Andere Menschen bei diesem Erlebnis zu begleiten, ist für mich folglich sehr inspirierend, die VOX-Serie „Goodbye Deutschland“ ein Pflichtprogramm und die Idee, über Auswanderer einen Roman zu schreiben, eine, die mich so schnell nicht losgelassen hat: Aus besagter Idee ist mein Buch Im Land Der Feuerblume entstanden, in dem ich anhand einiger fiktiver Familien das Schicksal jener Deutschen nacherzähle, die im 19. Jahrhundert ihre Heimat verlassen, sich im weitgehend menschenleeren, unerforschten Süden Chiles niedergelassen und dort eine Kolonie, eine Art „Klein-Deutschland“, erschaffen haben.

Mit dem, was wir uns heute gemeinhin unter „Auswandern“ vorstellen, hat das Schicksal dieser Deutschen freilich wenig zu tun - die Unterschiede zwischen den Menschen, die einst und jetzt eine neue Heimat such(t)en, sind eklatant. Das fängt schon bei der Reise in die Wahlheimat an. Heute sind Auswanderer mit dem Flugzeug maximal ein paar Tage unterwegs. Damals dauerte die Reise von Hamburg nach Chile mehrere Monate. Insbesondere in Zeiten, wo es noch keine Dampfschiffe gab und man auf Wind und Segel angewiesen war, zerrten tagelange Flauten an den Nerven. Nicht minder gefürchtet waren heftige Stürme – bei der Reise nach Chile v.a. um das berühmt-berüchtigte Kap Horn -, die manches Schiff nicht nur in Seenot, sondern sogar zum Kentern brachten. Von Komfort lässt sich bei einer solchen Reise ebenfalls nur träumen. Die meisten Passagiere konnten sich keine Überfahrt in den Kajüten der ersten oder zweiten Klasse leisten und verbrachten ihre Reise im Zwischendeck, zusammengepfercht in Kojen, mit wenig Licht - oft gab es nur eine winzige Luke - und unter katastrophalen hygienischen Bedingungen. Kein Wunder, dass trotz der „Gesundenuntersuchung“ am Abfahrtshafen oft gefährliche Krankheiten ausgebrochen sind. Eine Maßnahme dagegen war, das Schiff „auszuräuchen“, was schlimmstenfalls zu gefährlichen Bränden geführt hat. Auch die Ernährungsweise auf dem Schiff war nicht gerade reich an kulinarischen Highlights: Zu Beginn der Reise war zwar noch genügend Proviant an Bord – z.B. frisches Trinkwasser, Kartoffeln und Schiffszwieback -, doch im Laufe einer langen Reise, begannen die Kartoffeln zu keimen, das Trinkwasser wurde faulig und im Schiffszwieback konnte man bei jeder Mahlzeit die Maden zählen.

Nicht nur die Reise war um vieles anstrengender als heutzutage – auch die Zeit nach der Ankunft war reich an Entbehrungen. Heutzutage haben Auswanderer meist im Vorfeld ein Hotelzimmer für die ersten Tage gebucht, um in Ruhe eine Wohnung zu suchen, sich bei künftigen Arbeitgebern vorzustellen und mit einem Leihwagen die Umgebung zu erforschen. Für die Auswanderer, die seinerzeit im Hafen von Corral in Mittelchile einliefen, gestaltete sich die Situation als weitaus schwieriger. Nicht nur, dass sie selbstredend auf die technischen Errungenschaften unseres Lebens verzichten mussten – überdies stießen sie auf ungleich größere Hindernisse als die Auswanderer, die damals in Länder mit funktionierender Infrastruktur reisten und sich in eine bestehende Gesellschaft integrieren konnten. In Mittelchile gab es dergleichen nämlich nicht, sondern lediglich ... Wildnis. Wie von der chilenischen Regierung versprochen, erhielten die deutschen Auswanderer zwar eigenes Land – jedoch zum Preis, dieses erst mühsam dem Urwald abringen zu müssen. In diesem Urwald gab es keine Straßen, bestenfalls ein paar Saumpfade, und schon gar keine Häuser. Das neue Leben musste förmlich von der Pike auf erbaut werden. Die Rodung eines Stück Waldes, die Errichtung einer einfachen Hütte, die erste Aussaat und die erste Ernte – all dies waren Etappenziele, die nicht nach einigen Tagen erreicht wurden, sondern erst nach Monaten, manchmal Jahren.

Trotz aller erheblichen Unterschiede gibt es m.E. jedoch auch Gemeinsamkeiten, die die Auswanderer aller Zeiten eint: Sie alle bedürfen Anpassungsfähigkeit, Chuzpe, Durchhaltevermögen, enorme Neugierde und Abenteuerlust, um durchzuhalten. Wer zu verträumt oder zu naiv an das Abenteuer herangeht, wird damals wie heute scheitern. Ein fremdes Land bietet in vieler Hinsicht neue Möglichkeiten – wer jedoch von einem Schlaraffenland träumt, wird wohl überall enttäuscht werden.

Von erfolgreichen Auswanderern – von heute und von einst – lassen sich folglich Tugenden lernen, die uns auch dann zum Vorbild gereichen können, wenn wir unserer Heimat treu bleiben. „Im Schweiße seines Angesichts muss man sich hier sein Brot verdienen“, schreibt z.B. Aquinas Ried, ein deutscher Auswanderer des 19. Jahrhundert „Man hat jedoch Trost, dass man es erwerben kann. Hand ans Werk – der Segen wird nicht fehlen.“ Das klingt zwar preußisch nüchtern und ein wenig wie der spießige Ratschlag der Großelterngeneration, aber es klingt auch nach Hoffnung und Vertrauen in die eigenen Stärken und Fähigkeiten. Ein brauchbares Motto also, das – gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten – keinesfalls schaden kann.

Carla Federico im Mai 2010

Die Autorin

Carla Federico

Portrait von  Carla Federico

Carla Federico ist eine österreichische Autorin, die unter anderem Geschichte studiert hat und heute als freie Autorin in Frankfurt am Main lebt. Ihre große Leidenschaft fürs Reisen hat sie in zahlreiche Länder geführt - und auch auf diverse Kreuzfahrtschiffe.

zur Autorin

Das Buch

Im Land der Feuerblume

Friedrich Ani – Süden

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