Verlagsgruppe Droemer Knaur



Interview mit Sabine Ebert über "Die Entscheidung der Hebamme"

Sabine Ebert ist von Beruf Journalistin und hat bereits mit dem ersten Band der Saga über die Hebamme Marthe, Das Geheimnis der Hebamme, ungeheuren Erfolg. Der zweite Band knüpfte nahtlos an diesen Erfolg an und wurde von den Lesern begeistert verschlungen. Im September 2008 ist der dritte Band erschienen, Die Entscheidung der Hebamme.

Frau Ebert, Sie haben mit den drei bisherigen Büchern über das Schicksal der Hebamme Marthe einen ungeheuren Erfolg. Beschreiben Sie uns, wie sich Ihr Alltag und Ihr Leben durch diese Bücher und Ihre Bekanntheit verändert haben?

Mein Leben ist völlig auf den Kopf gestellt. Statt Interviews zu führen – ich arbeitete zuvor als Journalistin – gebe ich nun welche, erhalten Fanpost aus dem gesamten deutschsprachigen Raum und sogar aus dem Ausland, werde um Lesungen und Autogrammkarten gebeten ... Aber die Hauptsache ist natürlich, dass ich mich nun ganz dem Schreiben von Romanen widmen kann, statt von einem Pressetermin zum anderen zu hetzen. Trotzdem ist mein Leben durch den Erfolg nun noch hektischer als vorher – das hätte ich nie erwartet.

Wie verlaufen Lesungen heute im Gegensatz zu Ihren ersten Lesungen? Sind einfach mehr Zuhörer da oder wie kann man sich Ihre Lesungen vorstellen? Dem Hörensagen nach stehen die Zuschauer sogar draußen vor dem Fenster und versuchen zuzuhören, wenn alle Karten verkauft wird ...

Vor dem Fenster? Ich weiß nicht ... Aber bei der Premiere des dritten Bandes in Freiberg war es tatsächlich so, dass an die 500 Leute kamen, obwohl der Saal nur 300 fasst, und etliche dann noch vom Foyer aus lauschten, wie ich hinterher erfahren habe. Zum Auftakt der Lesetour in Sachsen hatte ich nun immer ausverkauftes Haus mit 150 bis 220 Leuten, und etliche waren verärgert, dass sie keine Karten mehr bekamen, was mir dann auch wieder leid tut. Mal sehen, wie es wird, wenn ich in den nächsten Wochen außerhalb Sachsens auf Tour bin. Was sich nicht geändert hat im Vergleich zu früher: Das Publikum ist immer sehr aufgeschlossen und fragt mir Löcher in den Bauch. Ich lese ja nicht die ganze Zeit, sondern erzähle auch viel zu den Hintergründen und Recherchen.

Wie reagiert denn die Stadt Freiberg darauf, so eine erfolgreiche historische Romanfolie zu sein?
Die sehr traditionsbewussten Sachsen und die Freiberger ganz besonders sind unheimlich stolz darauf, dass ein Stück ihrer Geschichte nun so vielen Lesern bekannt gemacht wird. Das bekomme ich auf Schritt und Tritt zu spüren, selbst wenn ich nur auf dem Weg zum Bäcker oder zum Fleischer bin. Sie gratulieren mir, bedanken sich, rufen mir Glückwünsche über die Straße zu. Ab Mitte Oktober etwa wird es in Freiberg auch „Literarische Stadtführungen“ geben, bei der die Besucher verschiedene Stellen aufsuchen, die in den Büchern eine Rolle spielen – zum Beispiel den Fundort des ersten Silbererzes, den Standort der ersten Gehöfte, der Burg und der Münze -, und dort Romanpassagen vorgelesen bekommen.

Diese Faszination für die Stadt, in der Sie leben – war diese Bindung von Anfang an da oder hat sie sich durch das Schreiben an den Büchern, durch die Beschäftigung mit der Stadtgeschichte ergeben?

Als ich nach Freiberg zog, hat ich sofort fasziniert und beeindruckt, wie stolz die Freiberger auf ihre Geschichte sind und wie vielfältig sie Bergbautradition lebendig halten. Das war häufig auch mein Thema als Journalistin. Der Wunsch, dieses Stück Geschichte einmal in Romanform zu erzählen, reifte erst mit der Zeit.

Hatten Sie beim Schreiben des ersten Bandes bereits vor Augen, über wie viele Bände Sie Marthes Leben erzählen wollten oder hat sich das erst später ergeben? Sie kündigen im Nachwort ja an, dass es noch zwei weitere Bände geben soll, die sich dann auf den Wandel von Christiansdorf zur Stadt Freiberg konzentrieren!

Den Handlungsbogen über dreißig Jahre vom Marsch der Siedler und dem ersten Silberfund über die Stadtwerdung Freibergs bis zum Kampf um die Mark Meißen hatte ich schon von Anfang an vor Augen. Allerdings glaubte ich damals noch, ich könnte das alles in einem Buch unterbringen ...

Wie ging es Ihnen beim Schreiben dieses dritten Bandes – wird es leichter, weil die Personen bereits vertraut sind, oder ist es wie beim ersten Band letztlich doch ein Beginn bei Null?

Der dritte Band ist mir von allen bisher am schwersten gefallen. Zum einen, weil ich unheimlich viele wichtige historische Ereignisse unterzubringen hatte, und dann muss man sich etwas einfallen lassen, wie man das szenisch umsetzt, ohne dass es langweilig wird. Zum anderen machte mir der Erfolgsdruck mächtig zu schaffen. Man möchte ja mit jedem neuen Buch das vorangegangene noch einmal überbieten. Die ersten beiden Bände hatte ich noch als Unbekannte geschrieben; der zweite war ja schon fast fertig, als der erste erschien. Aber plötzlich erwartet jeder einen Bestseller von mir. Das hemmte mich beim Schreiben.

Gibt es Passagen, die sie besonders gerne mögen und für Lesungen aussuchen?
Ich suche für jede Lesung andere Passagen aus, immer passend zum Publikum und der Stadt oder Region, in der ich lese.

Mit welcher Stelle oder welchem Aspekt haben Sie besonders gekämpft?
Mit der Belagerung Haldenslebens in diesem Torfmoor, rekonstruiert anhand historischer Überlieferungen. Wahrscheinlich hat sich da die Tristesse unter den Belagerern auf mich übertragen ...

Sie beschreiben in diesem Band sehr ausführlich anhand von Lukas Liebesleben, welche Möglichkeiten man im Mittelalter hatte, seine Gefühle in einer Beziehung zu leben. Sind diese „Modelle“ der durch Ränke entstandenen Ehe mit Adela, der freiwilligen Geliebten Raina mit einem gemeinsamen Kind, der Hure Lisbeth, von Ihnen erfunden oder waren das übliche Beziehungen und Beziehungsverläufe im Mittelalter?

Das mittelalterliche Konzept für eine Ehe, bei der Liebe keine Rolle spielte und sogar als schädlich erachtet wurde, hat eine gewisse Faszination für mich – nicht im Sinne von Begeisterung, sondern von Ungläubigkeit. Zweifellos hat es auch damals Liebesheiraten gegeben. Aber wie unglücklich müssen die vielen Menschen gewesen sein, die aus finanziellen oder politischen Erwägungen jemanden heiraten mussten, den sie kaum kannten noch nicht mochten? Wie müssen jene Mädchen die Brautnacht mit einem zumeist noch bedeutend älteren, beinahe fremden Mann erlebt haben? Der Mann von Stand hatte als „Alternative“ immer noch die Möglichkeit, sich eine Geliebte, eine Magd, eine Hure ins Bett zu holen, auch wenn es offiziell natürlich Ehebruch war. Einer Ehefrau drohte dafür die Todesstrafe, wenn ihr Mann dies forderte.

Spannend fast wie bei Dallas oder dem Denverclan waren in diesem Buch auch die politischen Ränke sowohl im Bereich der hohen Politik wie die Auseinandersetzung zwischen Barbarossa und dem Löwen, aber auch in den Kriegshandlungen anhand der Belagerungstaktiken, die dem jungen Dietrich erklärt werden. Sie beschreiben auch verschiedene Strategien ein, den Gegner politisch schachmatt zu setzen, ein Schachzug, der auch Christian trifft. Wie haben Sie sich über die Tagespolitik und Kriegsführung im Mittelalter informiert?

Speziell zum Krieg zwischen Barbarossa und Heinrich dem Löwen gibt es eine Menge historischer Aufzeichnungen, die ich zugrunde gelegt habe: wie etwa zur Belagerung und später Flutung Haldenslebens, was in gewisser Weise Militärgeschichte geschrieben hat, die Verwüstung Halberstadts, das Wüten des brabanzonischen Söldnerheeres usw. Auch die politischen Verstrickungen um Heinrich den Löwen – angefangen von der Rebellion gegen ihn 1167 bis zur Herausforderung zum Gottesurteil 1179 durch Dietrich von Landsberg und die Hoftage zu seiner Ächtung, der Neuverteilung seiner Herzogtümer und sein Fußfall vor Barbarossa mit anschließender Verbannung sind belegt. Ich habe versucht, so viel wie möglich davon einfließen zu lassen.

Packend waren auch die Kampfbeschreibungen – woher wissen Sie so viel über frühere Kampftechniken? Haben Sie selbst einmal fechten gelernt oder versucht mit einem Schwert zu kämpfen?

Nein, ich selbst habe nie versucht, mit dem Schwert zu kämpfen. Frauen durften im Mittelalter keine Waffen tragen (Ausnahmen gab es). Aber ich stehe in engen Kontakt zu „Pax et Codex“, einer Schule für historischen Schwertkampf in Landsberg bei Halle, deren Trainer die alten Kampftechniken so authentisch wie möglich nach den ältesten erhaltenen Lehrbüchern für den Schwertkampf rekonstruieren. Sie gaben mir nicht nur viele unschätzbare Hinweise, sondern choreografierten mir u.a. den Zweikampf am Ende des zweiten Bandes. Ich wollte, dass auch da jedes Detail stimmt und – im Wortsinne – jeder Hieb sitzt.

Der Hintergrund des Silberreichtums von Christiansdorf und die Kämpfe um diesen Schatz zwischen Albrecht und seinem Vater ist ein weiterer sehr spannender Aspekt des Buches. Können Sie uns ein bisschen mehr zu dem Münzwesen erzählen und wie man mit diesen Münzen auch „international“ handelte?

Die Münzen jener Zeit im Gebiet des heutigen Deutschlands waren dünne Hohlpfennige aus Silber. Später nannte man sie Brakteaten, aber dieser Begriff kam erst im 17. Jahrhundert auf, wenn ich mich nicht irre. Sie wurden in schmalen Schalen aus Messing oder Kupfer übereinandergestapelt; lose im Beutel wäre sie zerbröselt. Jedes Jahr am Lichtmesstag wurde das Geld „verrufen“ – vier alte Pfennige wurden gegen drei neue getauscht, der vierte ging an den Fürsten. Der Magdeburger Erzbischof Wichmann soll für seine aufwendige Hofhaltung sogar zweimal im Jahr Geld verrufen haben. Die Pfennige unterschiedlicher Herkunft mussten in anderen Orten umgetauscht werden – zum Beispiel Meißner Pfennige gegen Magdeburger, wenn man von Meißen nach Magdeburg reiste. Geld wechseln durften nur die Juden, die außerdem zu jener Zeit den gesamten Fernhandel betrieben. Für den Fernhandel wurden nicht Pfennige, sondern Silberbarren verwendet, deren Herkunft ein Prägezeichen verriet. Solche Freiberger Silberbarren hat man schon bald nach Ende des dritten Bandes u. a. in Italien nachgewiesen. Im dritten Band schildere ich auch, wie aus Rohsilber Pfennige werden.

Wenn Sie Ihr Buch als Buchhändler mit drei Schlagworten empfehlen sollten, welche wären das?
- spannend erzählt - akribisch recherchiert - ein Stück deutscher Geschichte lebendig gemacht

 

Frau Ebert, ich bedanke mich ganz herzlich für diese ausführliche Interview und wünsche Ihnen und Marthe viele Leser und spannende Lesungen – und uns Lesern bald den nächsten Band ...

Interview mit Sabine Ebert im September 2008

Die Autorin

Sabine Ebert

Portrait von  Sabine Ebert

Sabine Ebert war als Journalistin und Sachbuchautorin tätig und begann aus Passion für deutsche Geschichte, historische Romane zu schreiben, die allesamt zu Bestsellern wurden. Ihr Debütroman „Das Geheimnis der Hebamme wurde von der ARD als Event-Zweiteiler verfilmt und in einer umjubelten Theaterf.

zur Autorin

Das Buch

Der Fluch der Hebamme

Friedrich Ani – Süden

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