Verlagsgruppe Droemer Knaur



Interview mit Sabine Ebert über „Die Spur der Hebamme“

Sie leben in Freiberg und haben nun mit Die Spur der Hebamme bereits den zweiten Mittelalterroman über Ihre Wahlheimat geschrieben. Was hat Sie an diesem Thema besonders fasziniert?

Der Stoff selbst: wie viel Mut die Siedler aufbringen mussten, um ins Ungewisse aufzubrechen in der Hoffnung auf ein besseres Leben, und welche gewaltige Dynamik mit den ersten Silbefunden einsetzte; wie binnen weniger Jahre aus einem abgelegenen Weiler eine Stadt und aus Knechten Bürger wurden. Ein überaus spannender Prozess.

Wie umfassend war Ihre Recherche zu dem Roman? Gibt es für die Figuren und Schauplätze reale Vorbilder?

Ich habe die Geschichte so erzählt, wie sie sich - nach allem, was wir wissen - zugetragen haben könnte. Jedes Fitzelchen über Freibergs frühe Jahre ist eingearbeitet, bis hin zur Topografie des Standortes der ersten Christiansdorfer Gehöfte. Die historischen Persönlichkeiten sind tatsächlich auf jenen Hoftagen und Zusammenkünften gewesen, bei denen sie bei mir auftreten, und haben dort die beschriebenen Themen abgehandelt. Bei der Formung ihrer Charaktere habe ich mich an das gehalten, was wir über sie wissen. Wo ich mir gelegentlich eine dichterische Freiheit herausgenommen habe - zum Beispiel die Vorverlegung von Konrads Tod im Turnier um ein Jahr oder das erfundene Verhältnis zwischen Hedwig und Dietrich von Landsberg - kläre ich den Leser im Nachwort darüber auf.

Warum haben Sie gerade die Figur einer Hebamme als Protagonistin gewählt?

Ich wollte diese Geschichte unbedingt aus der Perspektive der kleinen Leute erzählen. Doch ein Siedler oder Bergmann wären nach der Ankunft aus dem Dorf nicht mehr herausgekommen. Meine Hebamme kann ich - weil sie gut ist in ihrem Beruf - auch zum Meißner Markgrafen und mit ihm an den Hof Barbarossas schicken. Das verleiht der Geschichte eine ganz andere Dimension, bindet die großen Umwälzungen im Kaiserreich jener Zeit mit ein.

Ihre Romane spielen im Mittelalter. Warum fasziniert Sie diese Epoche besonders?

Es war nicht die Epoche, sondern der Stoff, der Ausschlag gab, dieses Thema zu wählen. Hätten sich die Siedlerzüge und der Beginn des Silberbergbaus im Erzgebirge in einem anderen Jahrhundert zugetragen, würden meine Romane zu jener Zeit spielen.

Historische Romane haben in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erlebt. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Schwierig, darauf eine einzige Antwort zu finden. Sicher gab es ein paar tolle Bücher als "Wegbahner". Doch das allein reicht nicht als Erklärung. Wir haben das letztens unter Kollegen im Autorenkreis Historischer Roman "Quo Vadis" wieder diskutiert. Vielleicht sind die Deutschen fast zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall bereit, sich mit mehr Interesse stärker wieder ihrer eigenen Herkunft und Geschichte zuzuwenden?

Wie gehen Sie beim Schreiben eines Buches vor? Wie recherchieren Sie? Wie sieht Ihr normaler Schreiballtag aus?

Die historischen Fakten und die Ergebnisse meiner Recherchen dazu bilden immer das Grundgerüst der Geschichte, alles andere muss sich darum ranken. Für die Recherchen nutze ich natürlich viele Bücher, historische Quellen und Archivmaterial, aber man kommt immer an einen Punkt, wo Bücher nicht mehr weiterhelfen. Dann löchere ich Fachleute mit Detailfragen: ob nun zum historischen Bergbau, zu Mineralogie, Münzwesen oder Schwertkampf, um nur einige zu nennen. Zum Glück gibt es sehr viele Menschen, die mich bereitwillig dabei mit ihrem Wissen unterstützen. Fürs Schreiben ziehe ich mich immer wieder für zwei, drei Wochen an einen entlegenen Platz zurück, wo ich durch nichts und niemanden gestört werde. Dann versenke ich mich ganz in meine "erschaffene" Welt und schreibe erst einmal ein Stück Rohfassung nieder. Danach brauche ich wieder eine Phase, um erst einmal in der Phantasie weiter vorauszudenken, auch wenn ich den Handlungsablauf und die Entwicklung meiner Figuren natürlich vor Augen habe. Das ist die Phase, wo ich viel am Blatt redigiere, mich erneut oder weiter den Quellen zuwende und alles Liegengebliebene erledige. Und dann geht's in die nächste "Klausur".

Welche historischen Romane haben Sie in Ihrem Schreiben beeinflusst? Gibt es Vorbilder?

Ken Folletts "Säulen der Erde" und Rebecca Gablé.

Wie geht die Geschichte um die Hebamme Marthe im geplanten 3. Teil weiter? Können Sie uns ein wenig verraten? Und wie viele Bände haben Sie insgesamt geplant?

Der gesamte Handlungsbogen wird fünf Bände umfassen, die sich über einen Zeitraum von dreißig Jahren erstrecken. Ursprünglich hatte ich ja gedacht, das alles in einem einzigen Buch unterbringen zu können, aber das war wohl eine ziemliche Fehleinschätzung. Band 3, "Die Entscheidung der Hebamme", der im Oktober 2008 erscheint, beginnt mit der - historisch belegten - Herausforderung Dietrichs von Landsberg an Heinrich den Löwen zum Gottesurteil, einem Zweikampf auf Leben und Tod, auf dem Hoftag 1179 in Magdeburg, und endet mit der Stadtwerdung Freibergs. Christian zieht mit Markgraf Otto in den Krieg gegen den Löwen, Marthe und die Dorfbewohner müssen sich inzwischen gegen Ottos ältesten Sohn Albrecht behaupten, dem sein Vater während Christians Abwesenheit das Kommando über die Christiansdorfer Burg übertragen hat. Die Leser erleben die Unterwerfung Heinrich des Löwen mit, den massenhaften Zuzug von Bergleute aus dem Goslarer Revier nach der Belagerung Goslars und der Zerstörung der Gruben am Rammelsberg, das weitere Wachstums Christiansdorfs. Aber leider heißt es auch, Abschied zu nehmen von einigen lieb gewonnenen Figuren ...

Planen Sie auch bereits andere Buchprojekte?
Ja, nach dem dritten "Hebammen-Band" möchte Knaur ein Hardcover mit einer anderen Geschichte von mir. Aber ich bleibe im Mittelalter, zu großen Teilen auch in Sachsen, und es wird wieder um einen entscheidenden Punkt in der deutschen Geschichte gehen. Thüringer, Schwaben, Rheinländer, Bayern und Braunschweiger werden hier unter anderem kräftig mitmischen.

Interview mit Sabine Ebert im Dezember 2007

Die Autorin

Sabine Ebert

Portrait von Sabine Ebert

Sabine Ebert wurde in Aschersleben geboren, ist in Berlin aufgewachsen und studierte in Rostock Lateinamerika- und Sprachwissenschaften. In ihrer langjährigen Wahlheimat Freiberg arbeitete sie als Journalistin und verfasste mehrere Sachbücher.

zur Autorin

Das Buch

Der Fluch der Hebamme

Friedrich Ani – Süden

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