Verlagsgruppe Droemer Knaur



Tanja Kinkel

Die Bestsellerautorin historischer Romane im Gespräch

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Was ist Ihre liebste Romanfigur und was verkörpert sie für Sie?

Von meinen eigenen Romanen, oder meine liebste Romanfigur als Leserin anderer Romane? Es ist in beiden Fällen schwer, nur eine einzige auszuwählen, weil ich wirklich an vielen sehr hänge. Aber wenn es denn sein muß:
Als Leserin: Scarlett O’Hara aus „Vom Winde Verweht“. Scarlett war die erste Romanheldin, der ich begegnete, die alles andere als idealisiert war und mit ihrer Egozentrik, Mangel an jeglichem Einfühlungsvermögen und wachsender Skrupellosigkeit im Gegenteil eine Reihe von negativen Eigenschaften hatte – aber eben auch Stärke, Mut, Überlebenswillen, die Fähigkeit, in einer Welt, die sich grundlegend änderte, eben nicht unterzugehen oder um die Vergangenheit zu klagen, sondern sich nicht nur anzupassen, sondern die neuen Gegebenheiten für sich zu nutzen. Daß sie keineswegs mitfühlend oder selbstlos war und trotzdem zwei Familien die Existenz rettete, und sich über ihre eigenen Gefühle oft am wenigsten klar war, machte sie um so interessanter.
Als Autorin: ich lasse hier alle Romanfiguren aus, die historische Personen sind, denn „Lieblingsfiguren in der Geschichte“ ist eine andere Frage. Von den von mir erfundenen Figuren: ein früher Liebling war Bruder Mario in den „Puppenspielern“ und ein späterer die Katze in „Der König der Narren“. Mario, weil er meiner zugegebenermaßen voreingenommenen Meinung nach zeigt, daß sympathische, gelassene Figuren nicht weniger interessant und komplex als Schurken oder Antihelden sein können. Wobei die Art, wie er mir ans Herz wuchs, mich nicht daran hinderte, ihn am Ende des Romans umzubringen, denn das war von Anfang an vorgesehen. Die Katze, weil Szenen mit ihr zu schreiben immer besonders viel Spaß machte, sie meine Liebeserklärung an die Katzen in meinem eigenen Leben war und es mir rundum logisch erschien, die „Trickster“-Figur der Geschichte, die Figur mit den nicht eindeutigen Loyalitäten, eine Katze sein zu lassen. Es ist, wie sie selbst sagen würde, kätzisch.

Wie sieht ein perfekter Tag für Sie aus? Womit verbringen Sie gerne Ihre Zeit?

Kommt darauf an. Ein perfekter Tag kann während einer Reise stattfinden, und idealerweise eine grandiose Landschaft, ein Museum und eine Begegnung mit interessanten Menschen beinhalten, oder er kann schlicht und einfach darin bestehen, daß ich ein Buch lese, das mich so fesselt, daß ich es gleich wieder von vorne anfange und mit den Menschen, die ich liebe, ein paar schöne Stunden verbringe. Wenn ich gerade an einem Roman arbeite, ist ein idealer Tag einer, an dem ich das Gefühl habe, die Menschen und Ereignisse, die ich schildern will, nicht nur eingefangen zu haben, sondern ihnen noch eine weitere Schicht zufügen haben zu können.

Wie würden Sie sich mit drei Worten beschreiben?

Collins’ jüngere Schwester. (Collins = Wilkie Collins, englischer Schriftsteller im 19. Jahrhundert.)

Was würden Sie in der Welt verändern, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?

Ich glaube, John Lennon hat das in „Imagine“ ganz gut zusammengefasst…

Ihr schlimmster Albtraum?

Für mich persönlich? Etwas wie Alzheimer oder eine andere Art, Gedächtnis und Verstand zu verlieren, bis ich mich noch nicht einmal mehr an die Gesichter meiner Familie erinnern kann, oder an irgend etwas, das mir je etwas bedeutete. Im allgemeinen: Daß wir Menschen es fertig bringen, uns innerhalb des nächsten Jahrhunderts zur Gänze umzubringen.

Was macht den Reiz beim Schreiben aus? Was möchten Sie Ihren Lesern mitgeben?

Wenn ich nur eine eindeutige Botschaft hätte, würde ich keine mehrhundertseitigen Romane verfassen. Ich hoffe aber, daß meine Leser bei all meinen Romanen von den jeweiligen Figuren und dem Geschehen um sie gefesselt sind, an das Buch denken, auch wenn sie es nicht gerade lesen, und vielleicht gerade dem Umstand, daß es mehrere unterschiedliche Perspektiven gibt, nicht nur eine, etwas abgewinnen. Der Reiz des Schreibens: liegt für mich darin, ein Stück von der ungeheuer komplexen menschlichen Wirklichkeit zu erfassen, zu versuchen, es anderen zu vermitteln und sich dabei lebendiger als zu irgend einem anderen Zeitpunkt zu fühlen.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein neues Buch beginnen und dafür recherchieren?

Bei Romanen über eine historische Figur beginne ich mit Biographien über die betreffende Person, schaue, was die Biographen als Quellen benutzt haben, und arbeite mich sozusagen rückwärts durch; dann versuche ich, so viel wie möglich über das Umfeld dieser Person und ihre Epoche zu finden. Bei Romanen über eine erfundene Figur beginne ich mit dem Milieu, der Zeit, den Gebräuchen, und schaue dann nach Biographien von Zeitgenossen, die mir nützen können. Bei zweien meiner Romane (Unter dem Zwillingsstern und Götterdämmerung) hatte ich zusätzlich noch die Möglichkeit, Zeitzeugen zu interviewen, aber das ist natürlich nicht immer gegeben.

Was tun Sie bei einer Schreibblockade? Oder kennen Sie dieses Problem gar nicht?

Ich lege die entsprechenden Fragmente zur Seite, beschäftige mich mit einem anderen Thema, und kehre dann später zu besagten Fragmenten zurück, mit einem erneuerten emotionalen Ansatz. In der Regel klappt das.

Worüber können Sie sich so richtig freuen?

Wenn etwas, das ich tue, ob nun als Mensch oder Autorin, tatsächlich für jemanden einen Unterschied macht. Das kann eine Kleinigkeit sein, wie z.B. eine Leserin, die mir sagt, daß sie meines Romans „Mondlaub“ wegen Granada besucht hat, oder etwas Fundamentales, wie der Moment, als Sternstunden zum ersten Mal unserem Verein „Brot und Bücher“ zur Seite stand und eine Schule in der Dritten Welt möglich machte.

Welcher Autor hat Sie maßgeblich beeinflusst?

Lion Feuchtwanger.

Sind historische Romane geeignet Bildung zu vermitteln? Haben Autoren hier eine besondere Verantwortung?

Kommt auf den Roman an. Wenn Sie einen Regency-Roman von Barbara Cartland, erwarten Sie nicht, tatsächlich über das frühe 19. Jahrhundert in England informiert zu werden, und ich glaube nicht, daß Barbara Cartland mit ihren 101 Lord-meets-girl-Romanen damit ein Verbrechen begeht oder sich der Verantwortung entzieht. Wenn Sie dagegen Daniel Kehlmans „Vermessung der Welt“ lesen, dann erwarten Sie schon, daß der Mann, um es flapsig auszudrücken, seine Hausaufgaben gemacht hat, und z.B. Alexander von Humboldt tatsächlich an besagten Orten in Südamerika war, etc., und Sie erwarten, daß bei einer Humboldt/Gauß-Begegnung einiges über die Mentalität der Zeit, das, was die Menschen der Epoche bewegte, vermittelt wird. Bei mir wurde das Interesse für Geschichte ursprünglich auch über die Lektüre von Romanen erweckt; ich würde also aus persönlicher Erfahrung sagen, ja, sie sind dazu geeignet. So lange sich die Leser bewusst sind, daß es sich in jedem Fall um ROMANE handelt, d.h. subjektive Interpretationen, und daß sie sich, sollten sie wirklich neugierig auf eine Epoche oder eine Figur sein, möglichst auch andere Quellen zulegen sollten.

Welche historische Person würden Sie gerne einmal persönlich treffen?

William Shakespeare. Schon, um hinterher sagen zu können, daß es der Mann aus Stratford war, nicht der Earl de Vere/Francis Bacon/Marlowe, oder einer der zahlreichen anderen Kandidaten, die von Snobs und Verschwörungstheoretikern immer wieder gerne ins Spiel gebracht wurden.

Stand: 2010

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