Verlagsgruppe Droemer Knaur



Die Geschichte der Juden auf der Iberischen Halbinsel

Einleitung

von Lea Korte

Die ersten Juden auf der iberischen Halbinsel

Schon zu Beginn des ersten Jahrhunderts entstanden auf der Iberischen Halbinsel (hebräisch Sepharad oder Sfarad) die ersten jüdischen Ansiedelungen. Die Juden ließen sich vor allem an der „costa levantina“ (heute: Costa de Maresme, zwischen Blanes und Barcelona) und im Süden der Halbinsel nieder. Dank der Handelskontakte, die sie schon zuvor hierher gehabt hatten und der Tatsache, dass die meisten von ihnen lesen und schreiben konnten und mehrere Sprachen beherrschten, fiel es ihnen nicht allzu schwer, Fuß zu fassen.

476 kam es zum Sturz des römischen Imperiums auf der Iberischen Halbinsel; germanische Stämme – allen voran die Westgoten – waren die neuen Herrscher. Zunächst beeinflusste dies das Leben der ansässigen Juden nicht sehr, doch 587 trat Rekkared I. (König der Westgoten) zum Katholizismus über und drängte auf die religiöse Einheit seines Reichs. Es kam zu antijüdischen Gesetzen, Judenverfolgungen und Zwangstaufen; viele Juden verließen das Land. In dieser Zeit bildeten sich die ersten Judenviertel in den iberischen Städten. Im VII. Jahrhundert spitzte sich die Lage der Juden weiter zu: König Egica (610-702) erließ spezielle Judengesetze, welche die Juden mit Berufsverboten belegten und ihnen besondere Steuern aufzwang. Überdies mussten die Juden ihre Kinder im Alter von 7 Jahren in christliche Familien geben, wo sie als Christen erzogen werden sollten.

Die neue Hoffnung der Juden: Die Mauren
711 eroberten die Mauren die Iberische Halbinsel und vertrieben die Westgoten – ein Wechsel, der von den Juden nur begrüßt werden konnte. Die Mauren zeigten sich in der Folgezeit übrigens nicht nur den Juden, sondern auch den Christen gegenüber tolerant. In der islamischen Rechtssprechung gibt es einen Begriff – "dhimmi"– nach dem diejenigen, die ihre heiligen Bücher bereits in der vorislamischen Zeit (vor 610 n. Chr. also) besessen haben, - wie die Christen mit dem Evangelium und die Juden mit der Tora – als „Schriftbesitzer“ bezeichnet werden und (nach erfolgter Unterwerfung) unter islamischem Schutz stehen. Eine neue Ära des Friedens und des Wohlstandes zog für das bedrängte Volk auf. In den nächsten Jahren ließen sich immer mehr Juden im Maurengebiet nieder. Viele von ihnen lernten Arabisch, stiegen in hohe Regierungsämter auf und erfüllten wichtige wirtschaftliche und finanzielle Aufgaben.

So ist es nicht verwunderlich, dass die Juden das Jahr 711 als den Beginn ihres „Goldenen Zeitalters“ auf der Iberischen Halbinsel bezeichnen. Die „spanische“ jüdische Gemeinde dieser Zeit war eine sehr große, hervorragend organisierte und kulturell höchst aktive und fortschrittliche. Die wichtigsten jüdischen Gemeinden im X. Jahrhundert waren in Córdoba, Toledo, Lucena und Granada. Ihre Mitglieder lebten von der Landwirtschaft, dem Handwerk und dem Handel oder waren als Ärzte tätig. Da der Islam (ähnlich wie das damalige Christentum) seinen Glaubensmitgliedern verbot, sich finanziellen Aktivitäten zu widmen, arbeiteten einige von ihnen auch als Schatzmeister, Steuereintreiber, Geldwechsler und Geldverleiher. Zudem bekleideten immer mehr Juden wichtige Ämter am maurischen Hof. Besondere Erwähnung verdient hier Chasdai ibn Schaprut, ein jüdischer Arzt und Diplomat am Hofe Abd ar-Rahman III: Er war der erste jüdische Würdenträger eines iberischen Herrschers und konnte durch seine hohe Stellung viel für seine Glaubensbrüder erreichen. Bis zum XIII. Jahrhundert entwickelte sich „Spanien“ (welches diesen Namen damals natürlich noch nicht trug) zu einem wichtigen geistigen Zentrum des Judentums.

Die Juden in den christlichen Herrschaftsgebieten
Auch in den christlichen Herrschaftsgebieten hatten die Juden in diesen Zeiten ein gutes Auskommen: Vom X. Jahrhundert an gibt es Unterlagen über jüdische Ansiedelungen in Leon, Galizien, Burgos, La Rioja und Katalonien. In vielen Gebieten besaßen sie in ihren „aljamas“ (Stadtvierteln) administrative und juristische Autonomie (letztere im Zivil- und Kriminalrecht), sie konnten ihren Glauben frei ausüben, und ihr Besitz und ihre Darlehensvergaben waren rechtlich geschützt. Hervorzuheben ist hier König Alfonso VI von Kastilien und Léon: Er sammelte viele jüdische Berater um sich. Vor allem sein Leibarzt Yoseh ha-Nasí Ferruziel (Cidiello) besaß großen politischen Einfluss auf ihn, wodurch er vieles für seine jüdischen Glaubensbrüder erreichen konnte.

Trotzdem waren die Juden den Christen nicht gleichgestellt: Sie durften keine Andersgläubigen (vor allem keine Christen) zum Übertritt zum Judentum bewegen, es gab feste Regeln für das Zusammenleben mit den Christen und sie durften nicht im Bereich der (christlichen) Rechtssprechung arbeiten. In der zweiten Hälfte des XII. Jahrhunderts kamen die Almohaden (eine Berberdynastie) in Al-Andalus an die Macht, die den Juden weit weniger freundlich als ihre Vorgänger gesinnt waren. Viele Juden flohen in die christlichen Herrschaftsgebiete; vor allem die jüdischen Zentren in Gerona und Toledo wuchsen erheblich. Die meisten Flüchtenden gehörten der wirtschaftlichen und intellektuellen Elite an und begründeten in den christlichen Herrschaftsgebieten eine eigene „sefardische Wissenschaft“.

Wachsender Antijudaismus ab dem XIII. Jahrhundert
Ab dem XIII. Jahrhundert schlug die Stimmung gegen die Juden in den hispanischen Königreichen um: Die Juden waren reich und mächtig geworden – das brachte Neid und Missgunst mit sich. 1312 verfügte Alfonso XI., dass Juden in speziell dafür vorgesehenen Stadtvierteln leben und besondere Abzeichen tragen mussten. Andere forderten, ihre Darlehensverträge für ungültig zu erklären, sie von öffentlichen Ämtern auszuschließen und ihre Selbstverwaltung aufzuheben. 1309 kam es zu Übergriffen auf das jüdische Viertel in Palma de Mallorca, 1328 in Navarra, 1348 – auch unter dem Einfluss der Pest – in Kastilien, Aragón und Andalusien.

Peter I (1334-1369), König von Kastilien und Léon
Trotz des allgemeinen Antijudaismus in Kastilien fanden die Juden auch im christlichen Gebiet zeitweise weiterhin große Fürsprecher wie Peter I. (1334-1369). Er holte viele Juden an seinen Hof; seine Günstlinge konnten einiges zur Verbesserung der Lebensumstände ihrer Glaubensbrüder erreichen. Doch dann kam Peters Halbbruder Heinrich II von Trastamara (1334-1379) – Peters größter Feind – an die Macht: Er war der erste Herrscher Spaniens, der Antisemitismus als politisches Mittel benutzte. Später brauchte er allerdings das Geld der Juden – und machte ihnen zumindest auf dieser Basis einige Zugeständnisse. Insgesamt war das XIV. Jahrhundert in Kastilien von starkem Antisemitismus geprägt. 1391 kam zu heftigen Übergriffen und Pogromen gegen die Juden, die einige jüdische Viertel völlig auslöschten und von denen sich die jüdische Gemeinde nie mehr richtig erholte. Viele Juden konvertierten zum Christentum, um ihr Leben und das ihrer Familien zu retten.

Den Todesstoß versetzten den kastilischen Juden die Katholischen Könige mit dem „Alhambra-Edikt“ (1492), das zur endgültigen Vertreibung derjenigen Juden aus Kastilien führte, die nicht zum Christentum übertreten wollten. Viele von ihnen flüchteten nach Portugal, wo sie jedoch auch nicht lange sicher waren, und in andere europäische Länder und nach Nordafrika. Ein großer Teil ging auch in das Osmanische Reich, welches sie ohne Bedingungen aufnahm. Der osmanische Sultan Bayezid (1447-1512) soll gesagt haben: „Wie töricht sind die kastilischen Könige, dass sie ihre besten Bürger ausweisen und ihren ärgsten Feinden überlassen.“ Ab dem XVI. Jahrhundert war es Juden verboten, sich im kastilischen Reich niederzulassen, ein Verbot, das erst 1876 aufgehoben wurde. Dass die Juden trotz ihrer Verstreuung in alle Länder immer „eins“ geblieben sind, liegt, wie Heinrich Heine einmal meinte, wohl vor allem daran, dass sie in ihrem Gepäck „eine tragbare Heimat“ hatten: ihren Glauben.

Lea Korte im März 2010

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