Verlagsgruppe Droemer Knaur



Vom Titel-Finden und Krimiplot-Basteln

Der Autorenartikel von Andreas Föhr

Titelfindung ist oft ein diffiziles Geschäft. Im vorliegenden Roman etwa hat die Geschichte mehrere Ebenen. Es war daher nicht einfach einen gemeinsamen Nenner für alles zu finden, der sich auch noch zu einem prägnanten Titel kondensieren ließ. Nach langem Grübeln entdeckten meine Lektorin Andrea Hartmann und ich, dass der Ausgangspunkt aller Verwicklungen eine Partie Schafkopf war, die am Anfang des Romans beschrieben wird.

Nun mag man sich als Leser fragen, wieso der Autor da nicht sofort draufkommt. Schließlich hat er die Geschichte geschrieben, die von dieser Partie Schafkopf ihren Ausgang nimmt. Die Schafkopfrunde wird damit ja wohl der Grundstein des Plots gewesen sein. Aber so ordentlich werden Krimis nicht gebaut. Im Gegenteil: Krimis werden oft auf absurde Weise von hinten aufgezäumt. Das heißt: Der Autor denkt sich zuerst einen spektakulären Mord aus. Erst dann überlegt er: Warum macht jemand sowas? Wer macht sowas? Oder allgemein: Wie kam es eigentlich zu dem Mord? Das ist übrigens der Grund, warum es in den meisten Krimis logische Fehler gibt. Würde man die Geschichte „ordentlich“ konstruieren und mit dem Täter und dessen Situation, aus der heraus er den Mord begeht, beginnen, gäbe es viele Probleme nicht. Der Nachteil: Die Geschichten wären in den meisten Fällen ziemlich langweilig.

Auch bei Schafkopf habe ich mit dem Mord angefangen und mir dann überlegt, was könnte dahinterstecken. Irgendwann im Laufe meiner Bastelarbeiten am Plot tauchte eine eher unspektakuläre Detailfrage auf: Wie kann jemand in die Situation geraten, dass er mitten in der Nacht unvorhergesehen eine größere Summe Geld braucht? Darauf gibt es viele mögliche Antworten. Ich habe mich für die Entschieden, die den Figuren und dem Ambiente, in dem sie angesiedelt sind, am besten entsprach: Jemand verliert beim Schafkopfen. Dass diese Partie Schafkopf zum Dreh- und Angelpunkt des Romans wird, war ursprünglich also überhaupt nicht beabsichtigt. Testleser ohne Kenntnis der Spielregeln hatten keine Probleme, zu verstehen, wie es zu Zimbecks Verlust kam, auch wenn bei der Beschreibung des Spielablaufs auf einige Besonderheiten des Schafkopfspiels Bezug genommen wird. Für allen Nichtbayern und Nichtschafkopfer, die mehr darüber wissen wollen, hier ein paar Erläuterungen zu dem, was in „Schafkopf“ am Kartentisch passiert:

Das Schafkopf-Spiel
Schafkopf ist mit anderen Kartenspielen wie Skat oder Doppelkopf verwandt. Das heißt, es gibt feste und variable Trümpfe und es muss Farbe bedient werden. Das Schafkopfblatt (32 Karten) sieht anders aus, als das (französische) Skatblatt: Kreuz, Pik, Herz und Karo heißen Eichel, Gras, Herz und Schellen. Die Buben sind die Unter und die Damen die Ober. Während beim Skat nur die Buben Trümpfe sind, sind es bei Schafkopf die Ober und die Unter, wobei der Ober bekannterweise den Unter sticht. In einem normalen Spiel sind außerdem auch alle Herz-Karten Trumpf und es spielen jeweils zwei Spieler zusammen. Wer das ist, bestimmt sich nach dem Besitz der Asse.

Im Roman wird aber kein normales Spiel gespielt, sondern Zimbeck spielt ein Solo. Das heißt, er spielt allein gegen die drei anderen und darf dafür die Trumpffarbe bestimmen. Das Solo ist allerdings um einiges teurer als ein normales Spiel. Zum einen gilt ein höherer Grundtarif, zum anderen muss der Spieler, wenn er verliert, den Verlustbetrag dreimal bezahlen, nämlich an jeden Gegenspieler.

Wie kam es zu Zimbecks Desaster?
Um so böse zu verlieren wie Zimbeck, muss schon einiges zusammenkommen. Das waren in unserer Geschichte vier Faktoren:

Erstens: Die Grundtarife waren kriminell hoch: Zehn Euro für das Normalspiel, zwanzig fürs Solo.

Zweitens: Zimbeck hatte vier „Laufende“. Das ist so wie beim Skat, wo sich Gewinn und Verlust ebenfalls erhöhen, wenn man Buben in geschlossener Reihenfolge entweder hat oder nicht hat. Zimbeck hatte vier Ober. Damit erhöht sich das Spiel um 4 x 10 Euro, macht also zusammen schon 60 Euro.

Drittens: Schöner Brauch (wenn auch nicht offizielle Regel) ist das sogenannte „Legen“. Wenn sich ein Spieler nach den ersten vier Karten, die er bekommt, gute Chancen ausrechnet zu gewinnen, dann schiebt er eine Münze Richtung Tischmitte. Dadurch verdoppeln sich Gewinn oder Verlust in diesem Spiel. Zimbeck hat drei Ober unter den ersten vier Karten und legt. Aber auch Kreuthner legt. Was er in der Hand hat, wissen wir nicht. Vermutlich einige Unter. Damit hat sich der Einsatz bereits vervierfacht und wir sind bei 240 Euro fürs Spiel angelangt.

Viertens: Kreuthner hat ein gutes Gegenblatt. Er lässt sich die Chance nicht entgehen und schießt (gibt Kontra). Noch einmal verdoppelt sich Zimbecks Verlust und liegt damit bei satten 480 Euro pro Gegenspieler oder 1.440 Euro insgesamt.

So viel hat Zimbeck dann doch nicht im Haus. Eine äußerst unangenehme Situation. Denn Leute berauben oder Frauen schlagen mag für Zimbeck ohne Weiteres angehen. Aber seine Spielschulden nicht zahlen – niemals. Und so nimmt die Tragödie ihren Lauf …

Der Autor

Andreas Föhr

Portrait von  Andreas Föhr

Andreas Föhr, Jahrgang 1958, gelernter Jurist, arbeitete einige Jahre bei der Rundfunkaufsicht und als Anwalt. Seit 1991 verfasst er erfolgreich Drehbücher für das Fernsehen, mit Schwerpunkt im Bereich Krimi.

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Das Buch

Friedrich Ani – Süden

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