Verlagsgruppe Droemer Knaur



"Er kam von selber, ehrlich gesagt!"

Friedrich Ani über die Rückkehr seines Ermittlers Tabor Süden und seine Liebe zum Norden

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„Ich verlasse am Ende des Buches meine Figuren, manchmal drehe ich mich noch einmal um, weil ich mich so an sie gewöhnt habe. Aber sie schaffen es schon.“ Friedrich Ani, „Süden“

Herr Ani, Tabor Süden wurde von seinen Lesern schwer vermisst und hat sich jetzt doch wieder auf die Suche nach einem Vermissten gemacht. Wie haben Sie ihn nach Jahren wiedergefunden?

Er kam von selber, ehrlich gesagt, schon vor zwei Jahren, aber ich musste ihn versteckt halten, weil die Umstände für sein Erscheinen ungünstig waren. Dank eines österreichischen Türaufschließers namens HP Übleis konnte er jetzt endlich ins Freie gelangen.

Der Roman führt Tabor Süden bis nach Sylt, wo er versucht, die Schatten von Raimund Zacherl, einem vermissten Wirt aus München, zu sehen. Was hat der Norden, was hat Sylt für eine Faszination für Sie?

Auf Sylt atme ich jedes Jahr vollkommen durch. Ich umarme die Weite und das Licht der Insel, morgens warte ich auf die Schafe, die über den Deich kommen, und abends schaue ich von der „Strandmuschel“ bis zum Horizont und winke der Sonne.

Man lässt seine Kinder nicht alleine, man lässt sie nicht verhungern, man schüttelt sie nicht zu Tode. Dennoch passiert genau das immer wieder – und auch in „Süden“ gibt es eine Mutter, die ihrem Leben ausweichen will und ihren jungen Sohn verlässt. Diese Grausamkeit aus Erschöpfung und Hilflosigkeit heraus ist beim Lesen schwer auszuhalten. Wie hält man beim Schreiben den dunklen Tag- und Albträumen seiner Figuren stand?

Was bleibt mir denn übrig? Ich kann doch vor meinen Figuren nicht weglaufen, egal, was sie angestellt haben oder wie tief die Finsternis in ihnen sein mag. Nur einer wie Süden ist dieser Mutter gewachsen, und ihr Sohn schenkt ihm einen Glücksbringer, den er von nun an immer bei sich tragen wird.

Was macht ein Raimund Zacherl, der ins Leben zurückgeholt wurde? Wie geht es mit Benni und seiner Mutter weiter? Denn das Eigentliche für das Leben eines jedes Vermissten beginnt ja, wenn Tabor Süden ihn gefunden hat. Haben Sie diese Geschichten auch im Kopf?

Ich verlasse am Ende des Buches meine Figuren, manchmal drehe ich mich noch einmal um, weil ich mich so an sie gewöhnt habe. Aber sie schaffen es schon.

Was für ein Gefühl verbinden Sie selbst mit Neuanfängen und Veränderungen? Sind sie eher beängstigend oder empfinden Sie sie stärker als Chance?

Am Anfang ist immer alles Zuversicht.

Sie stammen aus dem kleinen Ort Kochel am See und sind in die Großstadt gezogen. Als was gelten Sie in ihrem Geburtsort – vermisst, gefunden, verwurzelt?

Was ich gelte, weiß ich nicht. Die Stadt ist mein Zuhause – und diese Insel im Norden mit ihrer Magie und ihrer Stille.

In München verändern sich zunehmend einfache Wohngebiete in attraktive Szeneviertel. Ist das auch in Giesing, einem der Handlungsorte in „Süden“ und Heimat von vielen Ihrer Romanfiguren, für Sie spürbar?

Untergiesing wird grad gentrifiziert oder elektrifiziert, weiß nicht genau. In Obergiesing bleibt alles beim Alten, weitgehend.

Herr Ani, was macht Sie laut und was macht Sie leise froh?

Laut froh macht mich etwas, das ich hier nicht näher ausführen möchte. Und leise froh macht mich der Schlaf meiner Freundin danach.

Und zu guter Letzt: Wenn Sie als Buchhändler „Süden“ mit drei Schlagworten beschreiben müssten, welche wären das?

Süden macht warm.

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