Verlagsgruppe Droemer Knaur



Interview mit Nathalie Schwaiger zu „Sklavenkind“

11.03.2011
Liebe Frau Schwaiger, wie sind Sie auf das Thema Ihres Buches gekommen?

Ich bin auf das Thema durch eine Freundin gestoßen, die beim Kinderhilfswerk Plan International in Deutschland arbeitet. Sie hat Urmila auf einer Reise nach Nepal kennengelernt. Was meine Freundin über Urmila und die Kamalari-Mädchen erzählte, hat mich zutiefst betroffen, aber auch sofort neugierig gemacht.

Wann sind Sie Urmila Chaudhary das erste Mal begegnet? Was war Ihr erster Eindruck von der jungen Nepalesin?

Ich habe Urmila im Herbst 2009 in Lamahi kennengelernt, der Kleinstadt im Südwesten des Landes, in der sie heute lebt. Ich war zuerst sehr erstaunt über ihre ansteckende positive Energie. Immerhin wurde sie elf Jahre lang als Sklavenkind ausgebeutet und hat schlimme Erfahrungen gemacht. Seitdem ich Urmila kenne, stelle ich mir die Frage: Was wäre nur aus ihr geworden, wenn sie diese vielen Jahre nicht verloren hätte?
Urmila ist offen und herzlich, sie sorgt und kümmert sich um alle. So auch um die Mädchen im Heim in Narti, wo sie gelebt hat. Selbst um mich hat sie sich gekümmert, wenn ich etwas nicht verstand oder etwas brauchte.

Was hat Sie an Urmila am meisten beeindruckt?
Urmila ist eine sehr interessante, starke und facettenreiche Frau. Sie ist klug und kann sich jeder Situation gut anpassen. Auf der einen Seite ist sie bescheiden und zurückgenommen – zum Beispiel im Dorf bei ihrer Familie. Auf der anderen Seite setzt sie sich sehr leidenschaftlich und selbstbewusst für ihre Ziele ein. Ich war dabei, als sie zu anderen früheren Kamalari-Mädchen gesprochen hat – ich war sprachlos.

Wie hat sich die Situation der Kamalari seit Beginn Ihrer Recherche verändert?

In Dang (Urmilas Distrikt, in dem das Projekt von Plan International 2005 begonnen hatte) ist der Kamalari-Handel fast beendet. Es ist schön zu sehen, wie viele positive Beispiele es von ehemaligen Kamalari-Mädchen gibt. Einige von ihnen betreiben jetzt einen kleinen Laden oder gehen zur Schule, wie Urmila.
Das Problem hat sich aber noch nicht erledigt. In den westlichen Distrikten Nepals hat der Kampf erst begonnen. Während des Maghi-Festes 2011, dem traditionellen Stichtag des Kamalari-Handels, sind über hundert Mädchen befreit worden. Auch in Lamahi sind noch Mädchen im Bus aufgegriffen worden, die aus anderen Regionen kamen und verkauft werden sollten.
Im Mädchenheim in Narti sind inzwischen über hundert Mädchen untergebracht. Letztes Jahr waren es noch fünfzig. Vorbei ist es leider noch lange nicht.

Wie erleben Sie Urmila heute? Hat sich Ihr Eindruck verändert?
Urmila hat seit dem letzten Jahr einen Riesensprung gemacht. Sie hat ihr Englisch so stark verbessert, dass ich mich bei meinem Besuch vor einem Monat sehr gut mit ihr unterhalten konnte. Mittlerweile übersetzt sie sogar für andere.
In Lamahi teilt sich Urmila eine Wohnung mit ihrem Bruder und ihrem Cousin. Sie besucht eine gute Privatschule, in der sie stark gefordert wird. Alle Fächer – bis auf ihre Muttersprache Nepali – sind auf Englisch.
Ich bin beeindruckt, wie diszipliniert sie ist. Urmila steht jeden Tag gegen 5 Uhr auf, wäscht Wäsche, kocht und lernt bis spät in den Abend. Ihre Verpflichtungen und Aufgaben haben aber nicht abgenommen. Sie ist immer noch Präsidentin des Kamalari-Forums, ist auf Demos und Kundgebungen aktiv, besucht Girlsclubs und Workshops ehemaliger Kamalari. An Maghi war sie mit einer Delegation von Mädchen in Kailali und hat dort Mädchen befreit …

Wie erleben Sie Nepal heute? Wie war es für Sie jetzt kurz vor dem Erscheinen Ihres Buches wieder in das Land zu reisen?

Ich habe es sehr genossen, nach einem Jahr wieder in Nepal zu sein. Es war wunderbar und rührend, Urmila, die Mädchen in Narti und die vielen Menschen in Lamahi und Kathmandu wieder zu treffen, ohne die das Buch nicht zustande gekommen wäre.
Nepal hat sich nicht stark verändert. Es ist immer noch so bunt, fotogen und arm. Aber da die Menschen dort so unglaublich freundlich sind und ich wusste, worauf ich mich einließ, war diese Reise einfacher.
Als ich im Februar in Nepal war, ist nach Monaten ohne Führung ein neuer Premierminister gewählt worden. Ich hoffe sehr, dass Nepal jetzt die nötige politische Stabilität erhält. Das Land muss endlich zur Ruhe kommen und sich nach allen Querelen wieder seinen zahlreichen Problemen zuwenden können. Die Bildungsreform und der Kampf gegen Kinderarbeit und Kamalari-Praxis sind wichtige Punkte.

Haben Sie schon neue Projekte in Planung?
Ja, es gibt noch viele Geschichten starker Frauen, die unbedingt erzählt werden müssen. Ich bin auf eine Astrologin aus Taiwan gestoßen, die ganz besondere Fähigkeiten hat. Diese Geschichte wäre vor allem eine spirituelle Reise, aber das würde mich auch sehr reizen.
Ich bin weiterhin für meine Reisereportagen unterwegs.
Außerdem adaptiere ich gerade Urmilas Biographie als Drehbuch, weil ich mir ihre Geschichte sehr gut im Kino vorstellen kann.





Urmila Chaudhary wird von der internationalen Kinderhilfsorganisation Plan unterstützt. Plan hat der Nepalesin u.a. den Besuch der Schule ermöglicht. Wer und was sich hinter der Organisation verbirgt, erfahren Sie hier:

Plan hilft Kamalari-Mädchen
Kinderarbeit ist in Nepal seit 2000 offiziell verboten. Dennoch gehört die Ausbeutung vieler Mädchen der Tharu - einer Ethnie im Südwesten des Landes nahe der indischen Grenze - zum Alltag. Sie werden als sogenannte "Kamalari - hart arbeitende Frauen" verkauft.

Kampf gegen Leibeigenschaft
Das Kinderhilfswerk Plan startete im Februar 2006 ein Projekt zur Abschaffung der Kamalari-Praxis in Nepal und befreit Mädchen aus der Leibeigenschaft. Nach der Rückkehr in ihre Dörfer werden sie psychologisch betreut und in Förderkursen auf den Besuch der staatlichen Schulen vorbereitet. So unterstützt Plan auch Urmila Chaudhary und ermöglicht ihr eine Schulbildung.

Start in ein neues Leben
Darüber hinaus verhilft Plan den ehemaligen Sklavenmädchen zu einem eigenen Einkommen. Die jungen Frauen werden zum Beispiel bei der Organisation von Spargruppen und mit Mikrokrediten unterstützt. Auf diese Weise gründeten viele Ex-Kamalari Schneidereien, Restaurants und andere Kleinstgewerbe.

Aufklärung der Gemeinden
Plan bestärkt die befreiten Mädchen, sich für die Abschaffung der Kamalari-Praxis zu engagieren und an Aufklärungskampagnen in ihren Gemeinden teilzunehmen. So führen sie in Dörfern und Schulen Theaterstücke auf, in denen sie ihr Schicksal zeigen. Denn oft wissen ihre Familien nicht, was mit den Töchtern in den wohlhabenden Haushalten geschieht. In Medienkampagnen, mit der Gründung von Kinderschutzkomitees sowie der Vernetzung von lokalen und nationalen Akteuren setzt sich Plan zudem auf politischer Ebene für eine Beseitigung des Kamalari-Systems ein.

Erfolgreiches Projekt
Seit Projekt-Beginn konnte Plan mehr als 1.700 Kamalari-Mädchen in ihre Heimatdörfer zurückholen, die Praxis gilt im Distrikt Dang als komplett abgeschafft. Das Kinderhilfswerk hat seine Arbeit nun auf die angrenzenden Bezirke Kailali und Kanchanpur ausgeweitet. Dort benötigen noch über 4.000 Mädchen, die als Kamalari arbeiten, dringend Hilfe.

Über Plan
Plan International ist in Nepal seit 1978 in der Entwicklungszusammenarbeit tätig. Das Kinderhilfswerk finanziert nachhaltige und kindorientierte Selbsthilfeprojekte, hauptsächlich über Patenschaften sowie über Einzelspenden und öffentliche Mittel. Mädchen werden besonders gefördert, damit sie gleiche Chancen erhalten wie Jungen.

Hier erhalten Sie weitere Informationen und können das Kamalari-Projekt mit einer Spende unterstützen >> zur Plan Website

Die Autorin

Urmila Chaudhary

Portrait von  Urmila Chaudhary

Urmila Chaudhary konnte sich nach ihrer Freilassung aus der Sklaverei ihren Traum erfüllen und endlich zur Schule gehen. Nach ihrem Abschluss möchte sie Anwältin werden, um sich für die Rechte der Kamalari einzusetzen.

zur Autorin
↑ nach oben