Verlagsgruppe Droemer Knaur



Auf dem roten Teppich: Judith Kern

14.03.2011

Die Schriftstellerin über sich selbst das große Glück, wenn man Wörter zum Klingen bringen kann!

Beschreiben Sie sich mit drei Worten!
Neugierige Spaziergängerin mit einem Faible für schöne Landschaften.

Was macht Ihnen schlechte Laune, was macht Ihnen Freude?
Da ich trotz meines Hangs zum Müßiggang auch ein ungeduldiger Mensch bin, habe ich es noch nicht geschafft, mir eine Zen-Haltung zuzulegen, wenn ich im Supermarkt an der falschen Kasse stehe, auf den einmal mehr sich verspätenden Zug warten muss oder in der Zeitung wieder lese, wofür leider kein Geld vorhanden ist und wofür dann eben doch. Mein Programm dagegen? Warme Füße und ein Teller Penne all’arrabiata. Ich liebe gutes Essen, lange Gespräche mit Fremden und Freunden, Spaziergänge zu allen Jahreszeiten, und überhaupt mag ich Anregungen aller Art, seien es zufällig aufgeschnappte Satzfetzen an der Bar, ein mich berührender Film oder eine Ausstellung, die mich fordert.

Sie können Frühstück, Mittag- und Abendessen an drei unterschiedlichen Orten auf der Welt einnehmen – wohin führt Sie diese Reise?

Zum Frühstück fahre ich im Sommer auf jeden Fall nach Neuendorf auf Hiddensee, lasse mich von einer milden Brise wecken und lausche der Stille. Zum Mittagessen geht es nach Paris, mitten hinein in das geschäftige Treiben, und abends reise ich ans andere Ende der Welt, nach Sydney, dort wollte ich schon immer mal hin.

Kaffee oder Tee?
Es ist nicht so, dass ich ohne Kaffee am Morgen nicht lebensfähig wäre, aber ein Morgen ohne Kaffee ist einfach kein so guter Morgen. Danach allerdings reicht Tee.

Wie sieht ein perfekter Tag für Sie aus?
Kaffee ans Bett, heiße Dusche, schreiben, schreiben, schreiben, kürzen, wegwerfen, neu schreiben, zwischendurch ein kurzes Gespräch mit lieben Menschen, den Kopf auslüften bei einem Spaziergang am Wasser, wenig später sitze ich an einem gedeckten Tisch mit einem schönen Glas Rotwein, und je länger wir so sitzen und reden, desto mehr sprudeln die Ideen. Und mit den Plänen für morgen und übermorgen und überübermorgen im Kopf vielleicht noch einen Drink in der Bar nebenan nehmen und danach ab ins warme Bett.

Woher kommen die Inspirationen zu Ihren Büchern?
Zu allererst von den Orten selbst, an denen ich sie ansiedele. Von dem, was ich dort sehe, von der Landschaft, den Häusern, dann von dem, was ich über diese Orte lese und was mir die Menschen, die dort leben, erzählen, und schließlich natürlich von meinem ganz eigenen Eindrücken und Empfindungen, die sich vermischen mit allem, was ich so aufgenommen habe im Laufe meines Lebens.



Neben der Arbeit als Schriftsteller – was wären alternative Berufe für Sie? Und warum?

Ganz ehrlich, ich glaube, es gibt keine ernstzunehmende Alternative, auch wenn ich mir in quälenden Momenten schon mehr als einmal gewünscht habe, mein Geld doch auf „vernünftige“ Art verdienen zu können. Aber was wiegt schon die Freiheit auf, die man spürt, wenn man ganz neue Räume erschaffen kann, das große Glück, das einen anspringt, wenn man glaubt, Wörter zum Klingen zu bringen, und auch die fürchterlichen Zweifel, die einen befallen, wenn man einen Text in die Welt entlässt? Als Schriftsteller kann man auf der ganzen Klaviatur des Lebens spielen, mit all seinen Abgründen und Höhenflügen und natürlich der ganzen Gefühlspalette dazwischen, und mir fällt nichts ein, was ich lieber täte.

Haben Sie einen Lieblingsautor? Wer ist es und weshalb?
Also den einen gibt es nicht. Es gibt viele, die ich auf unterschiedliche Art sehr mag oder bewundere. Da ich mich hier aber festlegen muss, gebe ich gerne zu, dass ich eine Schwäche für große Erzähler habe, für Thomas Mann ebenso wie für Tolstoj oder Philip Roth und ganz besonders für John Updike, dessen Alltagspanoramen auf den ersten Blick so leichtfüßig daher kommen und die mich doch tief berühren.

Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?
"Freiheit" von Jonathan Franzen.

Welches Buch sollte jeder einmal gelesen haben?
Es gibt so viele Bücher, die ich kenne, die absolut lesenswert sind, ganz zu schweigen von denen, die ich nicht kenne, und die es bestimmt auch sind, dass es mir schwer fällt eine Empfehlung abzugeben. Da ich mich jedoch momentan mit deutscher Geschichte beschäftige, fällt mir spontan Walter Kempowskis Echolot ein. Diese beeindruckende Sammlung von Briefen, Notizen, Tagebucheinträgen lässt einen tief eintauchen in die dunkelste deutsche Zeit.

Welche Person – aus Roman, Film oder dem öffentlichen Leben – würden Sie gerne treffen? Und was würden Sie zu ihm/ihr sagen?

Paris Anfang der 60er Jahre, in einem Bistro auf den Champs-Elysées, ganz hinten in der Ecke, sitzt die wunderbare und wunderschöne Patricia, gespielt von Jean Seberg, aus Godards Außer Atem, und wartet. Ich sehe sie, zögere, nehme allen meinen Mut zusammen und setze mich ihr unaufgefordert gegenüber. Sie würdigt mich keines Blickes, aber ich sage: „Wie herrlich entrückt Sie immer wirken. Würden Sie mir verraten, in welcher Welt Sie zu Hause sind?“ Sie tut so, als hätte sie mich nicht bemerkt. Ich stehe auf und gehe, und als ich mich an der Tür noch einmal umdrehe sehe ich, wie sie gerade ihren Kopf mit einem Lächeln senkt.

Bei welchem historischen Ereignis wären Sie gerne Zeuge gewesen?
Woodstock wäre sicherlich ganz amüsant gewesen.

Wenn Sie die berühmten drei Wünsche frei hätten, wie sähen sie aus?
Ich würde mir wünschen, an der Uhr drehen zu dürfen, um etwas mehr Zeit zu bekommen, ich würde um ein weltumspannendes Zug-Flug-Schiff-Ticket auf Lebenszeit bitten, um überallhin reisen zu können, und ich würde mir ein klitzekleines Häuschen auf Hiddensee wünschen, dessen Tür für mich im Sommer wie im Winter offen steht.

Was ist Ihre Lebensphilosophie?
Ich bin ich, du bist du, lass uns gucken, wie wir zusammenkommen können.

Haben Sie schon das nächste Projekt im Kopf?
Ja, viele, aber noch nichts, was spruchreif wäre.



Die Autorin

Judith Kern

Portrait von  Judith Kern

Judith Kern, 1968 geboren, studierte Politische Wissenschaften, Germanistik und Romanistik in Paris und Tübingen, bevor es sie in den hohen Norden zog, wo sie seitdem als Journalistin, Texterin und Autorin in Hamburg lebt. Zahlreiche Aufenthalte an der Ostsee haben ihre Liebe zu dieser Gegend geweck.

zur Autorin

Das Buch

Das Leuchten des Sanddorns

Friedrich Ani – Süden

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