Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Auf dem roten Teppich: Ulf Schiewe

Der Autor von historischen Romanen steht uns Rede und Antwort!

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Beschreiben Sie sich mit drei Worten!
Na, das fängt ja gut an. Wer mag sich schon gern selbst beschreiben? Und dann auch noch mit drei Worten. Solche Beurteilungen sollte man lieber Anderen überlassen, denn egal, was man sagt, es ist immer falsch. Aber wenn Sie darauf bestehen, nenne ich drei Eigenschaften, die mir von Bedeutung sind. Ob ich sie verkörpere, weiß ich nicht. Ich halte es für wichtig, tolerant zu sein, offen und neugierig für die Welt und um Gottes willen nicht das Schöne aus den Augen zu verlieren.
Was macht Ihnen schlechte Laune, was macht Ihnen Freude?
Ich bin kein launischer Mensch, auch kein Morgenmuffel. Aber natürlich gibt es Dinge, die einem die Laune verderben können. Manche Bücher zum Beispiel. Ich lese viel und gern, aber wenn man sich auf ein Buch gefreut hat, und es entpuppt sich als langweilige Enttäuschung, während man sich immer weiter quält, in der Hoffnung, da muss doch noch was kommen ... das gibt mir schlechte Laune. Irgendwann pfeffere ich es dann genervt in die Ecke und ärgere mich über die verlorene Zeit. Was mir Freude macht? Ich werde bald zum ersten Mal Großvater. Darauf freue ich mich ganz besonders. Als Großeltern darf man die kleinen Racker nach Herzenslust verwöhnen, die Probleme überlässt man den Eltern, nicht wahr? So jedenfalls präsentiert sich das Klischee.
Sie können Frühstück, Mittag- und Abendessen an drei unterschiedlichen Orten auf der Welt einnehmen – wohin führt Sie diese Reise?
Wohl gemerkt, es geht ums Essen, nicht ausschließlich ums Reisen, vermute ich. Also da nehme ich das Frühstück in New York. Die Amerikaner haben eine unglaubliche Palette an Frühstücksgenüssen zu bieten. Hash Browns, Eggs Benedict, Toast, Bagels, Bacon, Orange Juice und Früchte. Und New York ist ja auch nicht schlecht. Ein ausgedehntes und gemütliches Mittagessen definitiv in Rom (ich liebe italienische Küche) mit anschließendem Spaziergang durch die Stadt, um noch einen Espresso oder ein „gelato“ irgendwo an einer sympathischen Ecke zu genießen. Das Abendessen dann mit alten Freunden in einem Bistro in Paris, wo ich drei Jahre gelebt habe. Meine Frau und ich, frisch verliebt, hatten eine kleine Wohnung an der Seine direkt hinter Notre Dame.
Kaffee oder Tee?
Morgens Kaffee und nachmittags Tee. Ich nehme alles. Leider.
Wie sieht ein perfekter Tag für Sie aus?
Kaffee und Croissant im Bett, ein Schwätzchen mit meiner Frau. Nur damit nicht der falsche Eindruck entsteht: Frühstück gehört zu meinen Jobs, wie Müll und Spülmaschine, gelegentlich Gemüseschneiden. Ich bin also nur ein kleiner Macho, kein großer. Danach wühle ich mich mit der zweiten Tasse Kaffee durch die Nachrichten im Internet. Dann leg ich mit meiner Arbeit los und kriege hoffentlich etwas halbwegs Vernünftiges zustande. Mittags tut mir das Kreuz weh. Dann muss ich raus, Joggen. Am Nachmittag recherchieren, überarbeiten. Und mit nahendem Abend bekomme ich Hunger, weil ich tagsüber eher mäßig esse. Meine Frau kocht sehr gut. Da bin ich verwöhnt. Wir schauen uns gemeinsam die Nachrichten an. Ich sehe mir gern noch einen Film an. Ich mag Filme. Inspiriert mich oft fürs Schreiben. Meine Frau zappt lieber durch die Kanäle. Dann ergreife ich die Flucht.
Woher kommen die Inspirationen zu Ihren Büchern?
Ich habe gerade gesagt, Filme inspirieren mich. Das muss man nicht falsch verstehen. Die Ideen für ein Buch beziehe ich nicht aus Filmen. Die bekomme ich eher durch historische Sachbücher. Da stolpert man oft über die fantastischsten Geschichten, die nur darauf warten, geschrieben zu werden. Ich hab schon oft sagen hören, im historischen Bereich sei schon alles geschrieben worden, alle Themen behandelt, es gäbe nichts Neues mehr. Also das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Wenn man ein bisschen unter der Oberfläche kratzt, gibt es in jedem Jahrhundert massenweise Vorkommnisse, aus denen man eine spannende Geschichte machen kann. Was die Inspiration aus Filmen betrifft, ich habe ein visuelles Gedächtnis, das durch Bilder animiert wird. Deshalb schreibe ich gern in einer bildhaften Sprache und freue mich, wenn es gelingt und wenn Leser sagen, sie hätten meinen Roman wie einen Film erlebt.
Neben der Arbeit als Schriftsteller – was wären alternative Berufe für Sie? Und warum?
Ich habe ja einen schönen alternativen Beruf, in dem ich immer noch tätig bin, wenn auch jetzt mit weniger Zeiteinsatz. Ich komme aus der Software-Branche, genauer gesagt Software-Marketing. Moderne Technologien finde ich faszinierend. Vielleicht wundern Sie sich. Jemand, der historische Romane schreibt und sich gleichzeitig für modernste Technologien interessiert. So etwas habe ich schon als junger Mann gehört, denn damals habe ich viel gemalt und wurde dann unverständlicherweise Computer-Mensch. Tja, ohne Widersprüche wäre das Leben nur halb so interessant, oder? In meinem Leben gibt es eine ganze Reihe von Widersprüchen ... und von ungewöhnlichen Entscheidungen, die ich aber nicht bereue. Im Gegenteil.
Haben Sie einen Lieblingsautor? Wer ist es und weshalb?
Ich mag eine ganze Reihe von Autoren. Stefan Zweig, Lion Feuchtwanger. Aber besonders wohl fühle ich mich bei den Engländern. Vielleicht weil ich 25 Jahre im Ausland gelebt habe und mir aus der Not geboren angewöhnen musste, hauptsächlich englischsprachige Autoren zu lesen. Teilweise großartige Erzähler. Ich glaube, das hat auch ein wenig meinen eigenen Erzählstil beeinflusst. Ich bin ein Fan von John leCarré. Er kann spannende Geschichten mit viel Tiefgang erzählen, schreibt einen wunderbaren literarischen Stil. Im historischen Fach gibt es natürlich Robert Harris und Bernard Cornwell, aber besonders liebe ich Patrick O’Brian und die Abenteuer seines Captain Aubrey. Ich kenne die englische Mentalität sehr gut und diese Bücher sind ein Genuss, wunderbar recherchiert, aber auf unaufdringliche Weise. Große Erzählkunst.
Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?
John Grisham, „The Confession“. Ich glaube, es ist noch nicht auf Deutsch erschienen. Man könnte es fast eine Kampfschrift gegen die Todesstrafe nennen. Besonders das Thema hat mich beeindruckt. Ich bin auch ein Grisham Fan, obwohl nicht alle so gut wie „Die Firma“ sind. Und davor habe ich einen deutschen historischen Roman von Frederik Berger gelesen. Auch sehr gut. Die Opulenz der römischen Renaissance zur Zeit der Medici-Päpste und die schreckliche Plünderung Roms. Sie sehen, ich lese viel querbeet. Ein bisschen hier und da. Auch viele Sachbücher. Die Abwechslung ist erfrischend.
Welches Buch sollte jeder einmal gelesen haben?
Ach, da trau ich mich gar nichts zu sagen. Jeder hat da seine Lieblinge, und ich bin kein dogmatischer Typ. Aber „Anna Karenina“ von Leo Tolstoi fällt mir ein. Meine Frau liest es gerade wieder einmal und schwelgt in ihrem Tolstoi. Ich gebe ihr recht. Ich muss mich wieder an ihn heranmachen. Ein ganz außergewöhnlicher und immer noch aktueller Schriftsteller. Eine Ikone für uns anderen Schreiberlinge.
Welche Person – aus Roman, Film oder dem öffentlichen Leben – würden Sie gerne treffen? Und was würden Sie zu ihm/ihr sagen?
Mein „Bastard von Tolosa“ spielt in den Zeiten des Ersten Kreuzzugs. Für uns heute ist es schwer verständlich, warum Männer (und sogar Frauen) ihr sicheres Heim verließen, um sich auf einen so verheerenden Feldzug zu begeben. Ja, Religion spielte eine Rolle, sie nannten es ja eine (bewaffnete) Wallfahrt. Auch Abenteuerlust, Gier nach Land und Plünderungen. Viele Gründe. Aber ich hätte mich gern mit einem ihrer Anführer unterhalten, Raimund von Toulouse oder dem Normannen Bohemund, zum Beispiel. Ich würde sie nach ihren Beweggründen fragen, die wir heute nur erahnen können. Und vor allem, was dieser schreckliche Krieg sie gelehrt hat, was sie, nachdem sie mit dem Orient in Berührung gekommen waren, über Toleranz gegenüber „Ungläubigen“ denken. Wir sehen ja heute solche Dinge ganz anders. Vielleicht ergäbe sich ein interessantes Gespräch, vielleicht würden sie mich auch nur verständnislos anschauen.
Bei welchem historischen Ereignis wären Sie gerne Zeuge gewesen?
Ich lese gern eine gute Gegenwarts- oder Beziehungsgeschichte, aber wenn ich ehrlich bin, haben mich immer die gewaltigen historischen Ereignisse bewegt. Zum Beispiel die Schlacht und Belagerung von Alesia, als Caesar dort das gallische Heer unter Vercingetorix eingekesselt hatte. Die Römer haben in Windeseile einen doppelten Wall und Graben um die Stadt gelegt, denn massive gallische Verstärkungen bedrohten Caesars Belagerungstruppen von außen. Er musste gegen zwei Seiten standhalten. Es muss ein unglaubliches Spektakel gewesen ein, ein römischer Triumph ohne Gleichen und gleichzeitig eine epische Tragödie für die Gallier. Dabei soll Caesar während des Feldzugs eine gallische Geliebte gehabt haben.
Wenn Sie die berühmten drei Wünsche frei hätten, wie sähen sie aus?
Ich wünsche mir viele Leser, Gesundheit für meine Familie und die Zeit, noch Einiges zu schreiben.
Was ist Ihre Lebensphilosophie?
„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“
Haben Sie schon das nächste Projekt im Kopf?
Natürlich. Mehrere. Spannende Abenteuer. Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit, alles gleichzeitig zu schreiben. Aber verraten will ich noch nichts. Jetzt gibt es erstmal „Die Comtessa“ zu lesen, ein Roman, der mir beim Schreiben ungeheuer Spaß gemacht hat. Ich hoffe, den Lesern geht es ebenso.

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