Verlagsgruppe Droemer Knaur



Der Tanz der Kraniche

01.04.2011

Eine Kulisse zum Träumen: Die Ostseeinsel Hiddensee

In ihrem zweiten Roman „Der Tanz der Kraniche“ erzählt Judith Kern die Künstler- und Emanzipationsgeschichte einer jungen talentierten Frau um die Jahrhundertwende, eingebettet in die reizvolle Landschaft und Geschichte Hiddensees. Ein einfühlsamer Roman, der nicht nur als Einstimmung auf einen Ostsee-Urlaub wärmstens zu empfehlen ist!

Stralsund Ende des 19. Jahrhunderts: Idas Traum ist es, Malerin zu werden. Doch ihre Eltern haben kein Verständnis für die künstlerischen Ambitionen ihrer Tochter. Nach der Vorstellung ihres Vaters Oskar Grotjahn soll Ida die Haushaltsschule besuchen und bald heiraten, so wie es sich für eine junge Frau aus bürgerlichem Hause Ende des 19. Jahrhunderts gehört. Doch die talentierte Ida hat sich der Kunst mit Leib und Seele verschrieben und dank ihrer Hartnäckigkeit erkämpft sie sich Zeichenunterricht bei dem angesehenen Künstler Balthasar Vogel. In Vogels Atelier begegnet sie zum ersten Mal dem berühmten Maler Herbert Klausen, Vertreter einer neuen deutschen Kunstrichtung, von dessen Kunst und männlicher Ausstrahlung Ida magnetisch angezogen wird.

Idas Glück wird wahr, als der Vater ihr erlaubt, den Sommer allein auf der nahe vor Stralsund gelegenen Ostseeinsel Hiddensee zu verbringen. Ida erlebt die Insel als einen „Ort mit dem schönsten Licht und dem höchsten Himmel, der natürlichste und ehrlichste Platz auf der Welt, fern aller Zwänge, an dem sie sich und ihre Malerei ganz neu entdecken und entfalten“ kann. Sie trifft auf die junge Malerin Anna Stein aus Berlin, deren Offenheit und unkonventionelle Ansichten sie schnell zur Freundin und engen Vertrauten machen. Anna macht Ida auch mit anderen Künstlern der Insel bekannt, die vom Zauber der wild-romantischen Landschaft in immer größerer Zahl angezogen werden.
Ihre Hiddensee-Reise kommt für Ida einer Initiation gleich. Hier erlebt sie zum ersten Mal ein Freiheitsgefühl und schwereloses Glück, wie sie es niemals für möglich gehalten hat. Auch in ihrer Malerei befreit sie sich von den gängigen Konventionen und lässt Farben frei über die Leinwand gleiten.

Nach ihren Erlebnissen auf Hiddensee hält es Ida in Stralsund nicht mehr aus und reist ohne die Erlaubnis des Vaters nach Berlin. Es kommt zum Bruch mit der Familie und Ida taucht an der Seite Annas in das turbulente Großstadtleben ein. Sie besucht die Kunstschule für Frauen, verkehrt in Künstlerkreisen, erlebt die erste Ausstellung der Berliner Secession 1899 und kehrt immer wieder nach Hiddensee zurück, wo sich während der Sommermonate immer mehr Künstler ansiedeln. Nur von ihrer Liebe zu Herbert Klausen, der verheiratet ist, kann sie sich nicht befreien und es kommt zu verhängnisvollen Begegnungen zwischen den beide. Doch Ida geht weiter ihren Weg und kämpft gegen die Hürden der Zeit für ihre künstlerische Verwirklichung – und ihr Glück in der Liebe!



Auf einfühlsame und stimmungsvolle Weise erzählt Judith Kern die Emanzipationsgeschichte einer talentierten Künstlerin um die Jahrhundertwende. Während die Autorin in ihrem ersten, äußerst erfolgreichen Roman, der Generationen übergreifenden Familiensaga „Das Leuchten des Sanddorns“, die ganze Faszination der Ostseeinsel Rügen eingefangen hat, lässt die Lektüre von „Der Tanz der Kraniche“ den Leser in die wunderschöne Landschaft und interessante Geschichte Hiddensees eintauchen. „Ich war sofort fasziniert von dieser Insel,“ erzählt die Wahlhamburgerin Judith Kern, die in Schwaben aufgewachsen ist. Zahlreiche Aufenthalte auf Rügen und Hiddensee haben ihre Liebe zu diesen Inseln vertieft und sie zu ihren Romanen inspiriert. In „Der Tanz der Kraniche“ bettet sie gekonnt die Geschichte um die Emanzipation der Malerin Ida in die Geschichte Hiddensees ein und beschreibt dabei die Entwicklung der Insel zur Künstlerkolonie.

Inselparadies und Künstlerkolonie Hiddensee
„Wiese und Meer! Meer und Wiese und Wind! Wind, Sturm und ewig brandende, rauschende, donnernde Flut! (...) Diese Eindrücke zwingen die Seele zur Einfachheit. Alles Gekünstelte, alles Städtisch-kulturell-aufgedrängte fällt von ihr ab", schrieb Gerhart Hauptmann 1896 über die Insel Hiddensee. Als der Schriftsteller 1885 das erste Mal nach Hiddensee reiste, war die ärmliche Fischerinsel vor der Nordwestküste Rügens noch völlig abgeschieden von der Welt. Doch dank der Etablierung von regelmäßigen Dampferverbindungen kamen schon bald immer mehr Reisende auf die Insel. Im Gegensatz zur großen Schwester Rügen blieb es dennoch ruhig auf der Insel, weil es dort weder Kurhäuser noch Tennisplätze oder prunkvolle Promenaden gab. Diese meditative Ruhe und die äußerst reizvolle Landschaft lockten nach der Jahrhundertwende vor allem Künstler und Intellektuelle nach Hiddensee, die hier Erholung und Inspiration suchten und Hiddensees Ruf als Künstlerinsel begründeten.

Zu den ersten regelmäßig wiederkehrenden Sommergästen zählte der Berliner Maler Oskar Kruse (1847-1919). Er erwarb 1904 ein großes Grundstück im Ort Kloster und baute einen repräsentativen Landsitz, die "Lietzenburg", die bald zum Anziehungspunkt für viele junge Künstler wurde. Auch der Lebenskünstler und Einsiedler Alexander Ettenburg (1858-1919), der sich auf Hiddensee niederließ und verschiedene Gaststätten und ein Natur-Theater betrieb (in Kerns Roman ist die Figur des Wilhelm Erichsberg von ihm inspiriert), machte die Insel in Künstlerkreisen sehr bekannt. Wichtige Malerinnen der Insel waren Elisabeth Büchsel, die ab 1904 auf Hiddensee lebte, und Henni Lehmann, die ab 1912 ihre Sommer in Vitte verbrachte. Auch die Maler Willy Jaeckel, Otto Mueller und Ernst Heckel zählten zu den regelmäßigen Sommergästen.



Künstlerinnen wurden als „Malweiber“ verspottet
Viele dieser Künstlerinnen, die Anfang des Jahrhunderts auf Hiddensee oder anderen Orten bei Wind und Wetter mit Staffelei und Leinwand ins Freie zogen, um zu malen, wurden damals allerdings von der Gesellschaft als „Malweiber“ verspottet. In jener Zeit kamen Frauen in der Malerei höchstens als Inspirationsquelle und Musen vor. Dass Frauen selbst zum Pinsel griffen und auf ihr Talent aufmerksam machten, wurde von männlichen Künstlern und der Gesellschaft meist skeptisch und ablehnend zur Kenntnis genommen.

Am Beispiel der fiktiven Figur der Malerin Ida Grotjahn zeigt Judith Kern eindrucksvoll auf, welche Hürden Künstlerinnen am Anfang des 20. Jahrhunderts zu überwinden hatten. Eine professionelle Ausbildung als Malerin war gesellschaftlich für die meisten Eltern von talentierten Töchtern nicht akzeptabel und auch die Aufnahme in die Akademien blieb Frauen bis 1919 verwehrt. So mussten Frauen, die sich in der Malerei ausbilden wollten, große Hindernisse überwinden, um ihren Traum leben zu können. Sie mussten sich von ihren Familien emanzipieren und an privaten Malschulen Unterricht nehmen oder ins Ausland gehen. In der Satirezeitschrift Simplicissimus hieß es anno 1901: "Es gibt zwei Arten von Malerinnen: Die einen möchten heiraten, und die anderen haben auch kein Talent".

Doch gerade dieser Hohn bestärkte auch viele leidenschaftliche Künstlerinnen darin, ihren Weg zu gehen. Einige dieser Malerinnen, wie Paula Modersohn-Becker oder Gabriele Münter, wurden mit der Zeit sehr bekannt; und die große Ausnahme Käthe Kollwitz war bereits zu Lebzeiten hochgeachtet. Die meisten Malerinnen jedoch schafften nie den großen Durchbruch und sind heute vergessen.

Alexandra Plath für www.droemer-knaur.de

Die Autorin

Judith Kern

Portrait von  Judith Kern

Judith Kern, 1968 geboren, studierte Politische Wissenschaften, Germanistik und Romanistik in Paris und Tübingen, bevor es sie in den hohen Norden zog, wo sie seitdem als Journalistin, Texterin und Autorin in Hamburg lebt. Zahlreiche Aufenthalte an der Ostsee haben ihre Liebe zu dieser Gegend geweck.

zur Autorin

Das Buch

Der Tanz der Kraniche

Friedrich Ani – Süden

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