Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Auf dem roten Teppich: Val McDermid

Im Interview verrät die Crime-Queen ihre persönlichen Vorlieben und warum sie deutschen Kaffee nicht leiden kann.

Die Fangemeinde ihrer Kriminalromane wächst stetig, denn sie schafft es immer wieder, die Leser in den Bann zu ziehen. Val ­McDermids Werke werden nicht umsonst als "Kriminalliteratur der allerhöchsten Kategorie" (­The Times) bezeichnet. Im Interview verrät sie, was ihre persönlichen Vorlieben sind und warum sie deutschen Kaffee nicht leiden kann.

Beschreiben Sie sich mit drei Worten!

Enthusiastische, intelligente Schottin.

Was macht Ihnen schlechte Laune, was macht Ihnen Freude?

Schlechte Laune: Ungerechtigkeit. Gute Laune: Mit meiner Familie am Meer spazieren gehen.

Sie können Frühstück, Mittag- und Abendessen an drei unterschiedlichen Orten auf der Welt einnehmen – wohin führt Sie diese Reise?

Frühstück: Coromandel Coast in Neuseeland, Lunch: in San Francisco; Abendessen: Auf der Terrasse meines liebsten Hideaways in der Toskana.

Kaffee oder Tee?

Kaffee. Und nicht dieses entkoffeinierte Zeugs, auch wenn es in Deutschland erfunden wurde!

Wie sieht ein perfekter Tag für Sie aus?

Sonne, das Meer, die Gesellschaft der Menschen, die ich liebe.

Val McDermid, Ihre Schilderungen der kriminalistischen Methoden und Technologien sind immer sehr detailliert. Haben Sie viele Kommissare, Profiler und Kriminologen in Ihrem Freundeskreis? Oder haben Sie sich das Wissen angelesen?

Ich habe über die Jahre etliche Experten kennengelernt, und von Zeit zu Zeit horche ich sie aus, um sicherzustellen, dass ich mich nicht zu weit weg vom Rahmen des tatsächlich Möglichen bewege. Manchmal bringen mich diese Gespräche auch auf interessante Möglichkeiten für neue Geschichten. Ehrlich gesagt erfinde ich auch eine ganze Menge. Das ist ja das Schöne an Fiktion. Das Wichtigste ist, dass es sich für den Leser authentisch anfühlt. Das ist nicht notwendigerweise dasselbe, wie wahrheitsgetreu ...

Woher kommen die Inspirationen zu Ihren Büchern?

Es ist immer etwas, das mich irgendwie fasziniert. Das kann ein kleines Detail sein oder eine Anekdote, die mir jemand erzählt. Oder eine kleine Information, die irgendwie mehr verspricht. Es sind nie wirkliche Verbrechen.

Warum haben Sie sich entschlossen, Autorin zu werden? Haben Sie jemals darüber nachgedacht, auch in die Politik zu gehen, wie ihr früherer Klassenkamerad, der ehemalige Premierminister Gordon Brown?

Ich wollte immer nur Geschichten erzählen. Alles andere fühlte sich an wie eine Zwangsjacke. Und ich glaube, um Politiker zu sein, bin ich nicht verschlagen genug!

Neben der Arbeit als Schriftsteller – was wären alternative Berufe für Sie? Und warum?

Es gibt keine Alternative dazu, fürchte ich, außer dem Tod. Ich hätte auch Musikerin oder Songtexter werden können, aber das ist letztlich auch nur eine andere Art zu schreiben.

Sie schreiben sowohl Stand Alones (wie Alle Rache will Ewigkeit) als auch Serien (z.B. um Tony Hill und Carol Jordan). Wie entscheiden Sie, wer welchen Fall zu lösen bekommt?

Wenn ich eine Idee für eine Handlung habe, dann ist mit meist ziemlich schnell klar, ob das ein Tony&Carol-Buch wird oder ein Stand Alone. Es gibt nicht viele Fälle, in denen die Spezialkenntnisse eines Profilers hilfreich sind. Ich habe mehr Ideen für Bücher, die ohne Tony und Carol auskommen.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie Ihre Bücher peinlich genau planen, und Bücher die auf wahren Begebenheiten beruhen, nicht mögen, weil Verbrechen im richtigen Leben nie perfekt sind. Sind Sie ein Kontrollfreak?

In gewisser Hinsicht sind alle Schriftsteller Kontrollfanatiker. Wir erfinden eine Welt, in der wir Gott sind und in der nichts passiert, was wir nicht erlauben. Was ist das bitte, wenn nicht das Werk eines Kontrollfanatikers. Aber was meine Arbeit betrifft, so habe ich meine Methoden in den letzten Jahren geändert. Heute habe ich eine ziemlich genaue Vorstellung von dem Ende, an dem ich ankommen will, aber wenn ich zu schreiben beginne, weiß ich noch nicht, auf welchem Weg das passieren wird. Diese Art zu schreiben ist definitiv furchterregender, aber ich glaube, ich habe keine andere Wahl. Es ist die Art, die jetzt für mich funktioniert.

Ihr Roman Alle Rache will Ewigkeit ist hauptsächlich in Oxford mit seiner Universität und seinen Wissenschaftlern angesiedelt. Könnten Sie Sie Ihre Beziehung zu Oxford beschreiben?

Leute wie ich gehen nicht nach Oxford. Ich bin in der Welt der Arbeiterklasse einer schottischen Bergbaugemeinschaft aufgewachsen. Die hiesige öffentliche Schule war sehr gut und schickte viele Schüler auf die Universität – aber nach Edinburgh und St. Andrews, Dundee und Stirling. Nicht nach England und sicher nicht nach Oxford. Aber mir war es bestimmt, dorthin zu gehen. Ich wollte meine Flügel ausbreiten und weiterfliegen. Ich wusste, dass ich eine Autorin sein wollte, und so erschien es mir logisch, dass ich die besten Erfahrungen sammeln musste, und das sprach für Oxford. Sie waren unsicher, ob sie mir einen Platz anbieten sollten – ich war sehr jung und auch die erste Studentin, die sie von einer öffentlichen Schule aus Schottland aufgenommen hatten. Als ich dort ankam, erlebte ich einen tiefen Kulturschock. Ich sprach nicht einmal die Sprache. Ich lernte richtig Englisch zu sprechen und ergriff dann jede Gelegenheit für soziale, politische und wissenschaftliche Weiterbildung. Ich liebte den Zugang, den ich erwirkt hatte, liebte es einfach dort zu sein. Ich liebte, dass ich einzig auf der Grundlage meiner Verstandeskraft bewertet wurde. Oxford erschien mir weit weniger abgehoben und hochnäsig als andere Einrichtungen, wo meine Freunde strenge Demarkationslinien zwischen Studentengruppen unterschiedlicher Herkunft beschrieben. Kurzum, ich liebte es. Ich wurde reifer, auf intellektuellem und emotionalem Niveau. Von allen Ehrungen und Auszeichnungen, die ich gewonnen habe, bin ich am meisten auf die Ehrenmitgliedschaft am St. Hilda’s College in Oxford stolz.

Wie viel Val McDermid versteckt sich in Charlie Flint, der Hauptfigur des Romans?

Wahrscheinlich mehr als ich glaube und weniger als Sie denken! Ernsthaft, ich denke, dass nicht viel von mir in Charlie steckt. Es steckt wahrscheinlich mehr von mir in Jay Stewart, aber ich würde gern betonen, dass ich keinen autobiographischen Roman in irgendeinem bedeutsamen Sinn geschrieben habe, obwohl ich mein Wissen und meine Erfahrungen gebraucht habe, um ein Bild von Oxford zu zeichnen.

Warum haben Sie sich in Kontrast zu Ihren vorherigen Romanen für einen „Whodunit“ entschieden?

Ich schrieb den Roman aus demselben Grund wie jeden anderen auch. Ich hatte eine Idee, die immer mehr ausreifte, die sich innerhalb mehrerer Jahre zu einer Geschichte entwickelte, die danach verlangte, erzählt zu werden. Ich denke niemals darüber nach, wo meine Bücher im Krimikanon stehen oder welche Themen sie ansprechen können. Es geht mir allein darum, einen Weg zu finden, um eine Geschichte zu erzählen. Schubladen sind da unnütz, Bücher sind einfach zu individuell für einfache Kategorisierungen, denke ich.

Warum haben Sie das Krimi-Genre gewählt? Was ist am Tod das Interessante für Sie als Autorin?

Der Tod erhöht den Einsatz. Er gibt dem Buch eine tiefere Bedeutung. Es geht um wichtige Dinge, um Leben und Tod eben. Der Ausgang muss dir am Herzen liegen.

Haben Sie einen Lieblingsautor? Und wenn ja, wen?

Über alles verehrt: Robert Louis Stevenson aufgrund der Qualität seines Schreibens, der Weite seiner Vorstellungskraft und deshalb, weil er das Geschichtenerzählen wie kein zweiter beherrscht.

Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?

Elly Griffith: The House at Sand’s End, Simon Baron Cohen: Zero Degrees of Empathy.

Welches Buch sollte jeder einmal gelesen haben?

Treasure Island (Die Schatzinsel) von Robert Louis Stevenson

Welche Person – aus Roman, Film oder dem öffentlichen Leben – würden Sie gerne treffen? Und was würden Sie zu ihm/ihr sagen?

Christopher Marlowe. „Also, wie ist die wahre Geschichte von deinem Tod?“

Bei welchem historischen Ereignis wären Sie gerne Zeuge gewesen?

Die erste Nacht von Macbeth.

Wenn Sie die berühmten drei Wünsche frei hätten, wie sähen sie aus?

Eine unendliche Anzahl von Wünschen!

Was ist Ihre Lebensphilosophie?

Lebe im Jetzt – schau nicht mit Bedauern zurück und sieh nicht sehnsüchtig nach vorne. Genieße den Moment!

Haben Sie schon das nächste Projekt im Kopf?

Ich habe gerade die nächste Geschichte von Tony Hill und Carol Jordan beendet (Vergeltung). Jetzt muss ich schlafen, bevor ich das nächste Buch anfange – jetzt wieder ein Stand Alone!

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