Verlagsgruppe Droemer Knaur



Judith Merchant im Interview

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Nibelungenmord ist das Romandebüt der 1976 geborenen Autorin Judith Merchant. Vor der sagenumwobenen Kulisse des Siebengebirges wird der junge Kommissar Jan Seidel in seinem ersten Fall mit einem mysteriösen Mord konfrontiert. Wir sprachen mit der Autorin, die selbst mit ihrer Familie in Königswinter lebt, über ihr packendes Spannungsdebüt.

Wie Sind Sie dazu gekommen, Krimis zu schreiben?
Eigentlich hat sich das so ergeben – ich steckte in einer Schreibkrise meiner Doktorarbeit und wollte mich mit etwas an den Schreibtisch locken, was kurz ist und Spaß macht. Also schrieb ich einen Kurzkrimi. Der wurde veröffentlicht, und das beflügelte mich und ich schrieb noch einen und noch einen.

Ihre Kurzgeschichte Monopoly wurde 2009 mit dem renommierten Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. Welche Bedeutung hatte diese Auszeichnung für Ihre weitere Arbeit als Schriftstellerin?

Eine große! Dieser Preis bedeutete für mich nicht nur eine enorme Bestätigung, sondern brachte auch mit sich, dass Verlage und Agenten plötzlich nach einem Romanprojekt fragten. Das führte zu der Entscheidung, meine Doktorarbeit abzubrechen und mich auf das Romanschreiben zu konzentrieren, also die Wissenschaft gegen das Erzählen einzutauschen. Bisher habe ich diese Entscheidung nicht bereut!

Wie ist die Idee zum Roman Nibelungenmord entstanden?

Zuerst war da der Tatort. Bei einem Sonntagsspaziergang sah ich diese Höhle im Nachtigallental und fand, dass man dort wundervoll eine Leiche verstecken könnte. Dann musste ich an den Drachen denken, der hier in einer der Höhlen mal gehaust hat. Dann fiel mir Edith ein. Der Rest wuchs dann irgendwie darum herum oder war das Ergebnis von gezielter Grübelei.

Lassen Sie uns über Ihre Protagonisten Jan Seidel und seine Großmutter Edith Herzberger sprechen. Wie sind Sie auf dieses ungleiche Paar gestoßen?

Zuerst war da Edith. Ich wollte über eine Oma mit ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden schreiben. Das liegt daran, dass ich ein riesiger Miss-Marple-Fan bin und mich immer gefragt habe, warum es eigentlich keine Figuren ihresgleichen unter den zahlreichen Ermittlerfiguren gibt. Ich war mir also ziemlich schnell sicher, dass ich eine alte Dame als Hauptfigur haben wollte, eine rheinische Oma, wie man sie beim Bäcker um die Ecke trifft. Anders als Miss Marple würde eine „realistische“ Rentnerin natürlich nicht über Dienstmädchen und Gärtner verfügen, aber ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie sie nachmittags im Café sitzt und mit ihren Bekannten Kuchen isst und dabei den neuesten Klatsch austauscht. Um ihr eine Nähe zu Mordfällen zu ermöglichen, habe ich mir dann ihren Enkel ausgedacht: Jan Seidel.

Kriminalhauptkommissar Jan Seidel stellt einen eher ungewöhnlichen Typus in der gängigen Krimilandschaft dar: Er ist weder schrullig noch eigenwillig, weder hart noch abgebrüht. Vielmehr ist er ein sensibler Mann, der am Anfang seiner Karriere steht und von Ängsten und Unsicherheiten geplagt wird. Was finden Sie an seiner Figur besonders reizvoll?

Jan Seidel ist einfach so entstanden, ich kann das gar nicht erklären. Ich wusste, dass Edith Herzberger ein Gegenstück braucht. Ich überlegte einfach, wie wohl ein Kommissar sein müsste, damit er mit seiner Oma zusammenlebt. Zuerst einmal müsste etwas in seinem Privatleben schief gelaufen sein, damit er bei ihr einzieht. Die beiden müssten schon von klein auf ein besonderes Verhältnis zueinander gehabt haben. Und plötzlich war dann Jan da. Ich bin sehr froh, dass er ist, wie er ist – ich mag ihn so! Und als eigenwilliges Gegenstück hat er dann ja wiederum seine Kollegin Elena Vogt.

Die passionierte Krimileserin und ehemalige Buchhändlerin Edith läuft im Roman zu Hochtouren auf: Sie wird von ihrem Enkel Jan mit Fakten gefüttert und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Können wir Sie als Hommage an Agatha Christie und ihre legendäre Miss Marple verstehen?

Auf jeden Fall: Ich liebe Miss Marple! Übrigens gefällt mir anders als den meisten Margaret Rutherford in der Rolle nicht so, ich finde, die Serie mit Joan Hickson trifft die ursprüngliche Figur wesentlich besser. Christies Miss Marple ist ja eine ganz zurückhaltende, reizende rosa Dame, wogegen Rutherford eher knurrig und stabil ist.

Gibt es „reale“ Vorbilder für Ihre Figuren? Besonders bei der Figur der exzentrischen Malerin Romina vermutet man ein reales Vorbild?

Romina passte einfach am besten in diese Gegend. Ich wollte eine Figur, die zwar in und von Königswinter lebt, aber diesen ganzen Tourismus abgrundtief hasst. Ich kenne eigentlich niemanden, der ihr ähnelt. Jede der Figuren aus Nibelungenmord ist ein Phantasieprodukt – einzig Edith hat ein bisschen was vom Miss Marple und ein bisschen was von meinen eigenen Omas.

In welcher Figur finden Sie sich persönlich am meisten wieder?
In jeder steckt ein Stückchen Judith Merchant – aber nur ein ganz, ganz kleines.

Sie sind in Bonn geboren und aufgewachsen und leben heute mit Ihrer Familie in Königswinter. Warum haben Sie als Handlungsort gerade Königswinter gewählt? Vielleicht gemäß dem Motto: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt?

Es hat sich ganz schnell herausgestellt, dass es in meinem Roman das Nibelungenlied und der Drache eine besondere Bedeutung spielen. Und somit war klar: Es muss Königswinter sein. Außerdem sind für mich beim Schreiben Orte wichtig – in diesem Fall war es das Nachtigallental, dessen Atmosphäre den Verlauf sehr bestimmt hat. Deswegen hätte dieser Roman auch nicht in Siegburg, Bonn oder Worms spielen können.

Macht man sich mit einem Krimi, der in Ihrer Stadt spielt, eher Freunde oder Feinde? Welche Reaktionen erwarten Sie?
Zum Glück habe ich mir beim Schreiben darüber keine Gedanken gemacht! Es wird sicher den einen oder anderen geben, der die Stadt anders dargestellt hätte als ich. Insgesamt glaube ich aber, dass der Roman auf Interesse stoßen wird.

Haben Sie ein Problem damit, wenn jemand sagt, Nibelungenmord sein ein Regionalkrimi? Was macht Ihrer Meinung nach eigentlich einen Regionalkrimi aus?

Ein Regionalkrimi ist ein Kriminalroman für ein lokal begrenztes Publikum. Wenn es in meinem Roman also um die politischen Querelen bei der Renovierung der Drachenburg gehen würde und Skandale im Jugendamt, Sachen also, die Außenstehenden wenig sagen, für Anwohner aber von großem Interesse sind, wenn noch dazu Straßennamen auftauchen würden – dann wäre es nach meinem Verständnis ein Regionalkrimi. Aber die Definitionen sind da ja sehr unterschiedlich.

Das Nibelungenlied spielt eine wichtige Rolle in Ihrem Roman. Welche Bedeutung haben Mythen und Märchen Ihrer Meinung nach in unserer heutigen Zeit?

Das weiß ich nicht. Mir fällt aber sowohl beim Lesen als auch beim Schreiben immer wieder auf, dass manche Stoffe einfach eine universelle Kraft besitzen, weil sie bestimmte Grundmuster und die daraus entstehenden Konfikte anschaulich machen. Das betrifft sowohl Märchen und Mythen, aber auch viele biblische Geschichten. Für Schriftsteller ist das natürlich wunderbar, weil man dann weiß, dass man beim Leser an eine gewisse Vorkenntnis anknüpfen und bestimmte Assoziationen abrufen kann - und man kann anders mit Kontrasten spielen. Mich hat, muss ich gestehen, die Idee sehr fasziniert, Siegfried, den strahlenden Helden mal ganz anders erscheinen zu lassen. Darum hatte ich diebisches Vergnügen bei der Geschichte mit dem Porträt ...

Haben Sie eine persönliche Lieblingsszene?

Besonders gut gefällt mir die Szene, in der Edith das Zimmer der verschwundenen Margit Sippmeyer durchsucht. Und die Szene, in der Jan allein in der Höhle ist.

Mit welcher Szene oder Figur haben Sie am meisten gekämpft?
Michael Sippmeyer war schwierig. Man sieht ihn ja beinahe ausschließlich durch die Augen der anderen, und die sehen ihn höchst unterschiedlich. Für Elena ist er der Prototyp des ehebrecherischen Ehemannes und somit Hassobjekt, Jan empfindet verschwommenes Verständnis, weil er selbst ja auch gerade in einer ähnlichen Situation ist, gleichzeitig aber von Michaels Männlichkeit eingeschüchtert ist, und für die Malerin Romina ist er erst Muse, Geliebter und dann nur noch lästig.

Können Sie uns etwas über Ihr nächstes Buchprojekt verraten? Dürfen wir uns auf einen weiteren Roman mit Jan Seidel und Edith Herzberger freuen?

Der nächste Roman ist bereits in Arbeit: Loreley singt nicht mehr. Auch diesmal müssen Jan und Edith einen Mordfall lösen: Am Rhein wird eine Leiche gefunden, die seltsamerweise leuchtet ... Im Moment wimmelt es in meinem Notizbuch von Rheingetier: Möwen, Muscheln, Aal und Zander. Mal gucken, ob die es alle in den Roman schaffen ...

Judith Merchant, wir danken Ihnen für das Interview und freuen uns auf Ihre nächsten Bücher!

Das Interview führte Alexandra Plath für www.droemer-knaur.de

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