Verlagsgruppe Droemer Knaur



"Hexengold" - eine mutige Frau steht ihren Mann

20.05.2011

Heidi Rehn schreibt historische Romane über besondere Frauen!

Frauen als erfolgreiche Kaufleute in der Frühen Neuzeit

„Das Leben im Tross ist das einzige Leben, das ich führen kann!“ Das stellt meine Heldin Magdalena gleich zu Beginn des Romans „Die Wundärztin“ unmissverständlich fest, der während der letzten Jahre des Dreißigjährigen Krieges spielt. Magdalenas Geliebter Eric schlägt vor, den kaiserlichen Tross zu verlassen und jenseits des unsteten Daseins eine gemeinsame, bürgerliche Existenz aufzubauen. Ein Leben als Ehe- und Hausfrau aber kann sich die für ihre Wohltaten viel gerühmte, junge Wundärztin nicht vorstellen. Sie weiß genau, welche Vorteile gerade Frauen im Umfeld des Heeres genießen: Sie dürfen einer eigenständigen beruflichen Beschäftigung nachgehen und unabhängig von Männern leben! Im bürgerlichen Leben, wie es dem früheren Magdeburger Kaufmannssohn Eric vorschwebt, war das im 17. Jahrhundert nicht mehr so leicht zu verwirklichen. Dabei sind auch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein Frauen weitaus öfter gerade in Kaufmanns- und Heilberufen selbstständig tätig, als das der verklärte Blick in die Vergangenheit lange Zeit hat glauben machen. Auch Magdalena wird noch feststellen, wie sehr sie sich in ihren Befürchtungen getäuscht hat....

Von Meisterinnen und Zünftlerinnen...

Die verzerrte Darstellung geht vor allem auf die romantische Verklärung des Mittelalters zurück, die im 19. Jahrhundert einsetzt und bis weit ins 20. Jahrhundert nachwirkt. Erst die verstärkte Auseinandersetzung mit dem Alltagsleben vergangener Epochen und die spezielle Frauengeschichtsforschung der letzten Jahrzehnte haben für eine Neubewertung der Frauenerwerbstätigkeit in Spätmittelalter und Früher Neuzeit gesorgt. Das gilt sowohl für die Mitarbeit der Frauen in der Werkstatt des Vaters oder Ehemannes, als auch für die eigenständige Tätigkeit in davon unabhängig erlernten Handwerks- und Gewerbeberufen. So sind z.B. im bayerischen Nördlingen, dessen Wirtschaftskraft vor dem Dreißigjährigen Krieg der Hamburgs weit überlegen war, im 15. Jahrhundert rund 20 Prozent der Steuerzahler Frauen. Da damals nur Haushaltsvorstände „mit eigenem Rauch“ (also Kamin bzw. Herd) steuerpflichtig waren, bedeutet das: Ein Fünftel der vermögenden Haushalte Nördlingens wurden im 15. Jahrhundert von Frauen geführt! Ebenso sind dort ab dem Jahr 1420 allein drei Mädchenschulen belegt, in denen den Mädchen während ihrer vierjährigen Schulzeit Schreiben, Lesen und vor allem Rechnen beigebracht wurde. Für Töchter aus Kaufmannsfamilien ist es seinerzeit selbstverständlich, solche Schulen zu besuchen und später im Kontor der Väter, Ehemänner oder Brüder die Bücher zu führen - sofern sie sich nicht gleich selbständig machen.

In den Städten Basel und Augsburg werden Frauen und Männer im 13.Jahrhundert als gleichberechtigte Mitglieder in Zünften geführt, aus Köln kennt man für das Spätmittelalter sogar eigenständige Frauenzünfte. Die Ausbildung in den verschiedenen Handwerks- oder Kaufmannsberufen, die sich an die Schulzeit anschließt, absolvieren die Mädchen fast ausschließlich bei Meisterinnen. Sie müssen jedoch nicht unbedingt denselben Handwerksberuf wie ihr Vater oder späterer Ehemann erlernen, sondern dürfen der jeweiligen Neigung nachgehen und davon unabhängig arbeiten.

… über Krämerinnen und Höckerinnen....

Im späten Mittelalter und der Frühen Neuzeit zeichnen sich bereits gewisse Vorlieben der Geschlechter bei der Berufswahl ab. Handwerksberufe, die große körperliche Kraft voraussetzen wie z.B. Schmied, Böttcher, Zimmermann, Steinmetz, werden naturgemäß selten von Frauen erlernt. Dagegen finden sich Frauen außer in den Heilberufen des Baders/ Wundarztes (wie Magdalena), der Hebamme sowie der Apothekerin (wie z.B. 1651 in einer Nürnberger Ratsverordnung aufgeführt; als freie Apothekerin jener Zeit wird gar mehrfach eine gewisse Dorothea Buchnerin erwähnt) oft als Magd in Haus und Hof, im Gast- und Textilgewerbe, als Bierbrauerin, Goldschmiedin oder im Druckereigewerbe. Selbst in öffentlichen Ämtern sind sie anzutreffen, wie aus Frankfurt/M. für das 14. Jahrhundert belegt ist: Dort kennt man von 1350 bis 1356 „Beamtinnen“, die die öffentliche Stadtwaage beaufsichtigen. Zudem sind allein im Jahr 1368 sechs der insgesamt elf beeideten Geldwechsler weiblich.

Frauen in öffentlichen Ämtern bilden allerdings – zumindest was die derzeitige Quellenlage anbetrifft – die Ausnahme. Sehr groß ist dagegen der Anteil der Frauen im Bereich des Kleingewerbes: Der Gewürz- und Heringshandel des späten Mittelalters wird zeitweise ganz von Frauen dominiert. Als Kramerin oder Höckerin ziehen sie mit den Waren, die aus der Werkstatt ihres Mannes stammen, über Land, zu den jeweiligen Märkten und Messen, betreuen die Verkaufsbuden in den Städten oder die innerhalb des eigenen Hauses eingerichteten Läden. Albrecht Dürers Ehefrau Agnes (1475-1539) betreibt beispielsweise einen festen Verkaufsstand für die Drucke ihres Ehemannes auf dem Nürnberger Markt und reist für ihn regelmäßig zu den wichtigen Messen nach Leipzig und Frankfurt.

… bis hin zu Kauffrauen und (Groß-)Händlerinnen...

Im Bereich der Fernhandelskaufleute finden sich vor allem in den großen Hansestädten des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit häufig Frauen. Wie schon erwähnt, werden sie, sofern sie einer Kaufmannsfamilie entstammen, ganz selbstverständlich auf Schulen geschickt, um die Grundvoraussetzungen Lesen, Schreiben und Rechnen zu erlangen. Sie führen die Kontorbücher und vertreten Vater, Ehemann, Oheim oder Bruder, wenn diese während der monatelangen Reisen in die großen Handelszentren im Mittelmeerraum (Venedig, Genua) oder an Nord- und Ostsee abwesend sind. Der Briefwechsel des Nürnberger Kaufmannsehepaars Balthasar und Magdalena Paumgartner aus den Jahren 1582 bis 1598 liefert in rund 170 erhaltenen Briefen ein eindrucksvolles Bild, wie die Arbeitsteilung zwischen den beiden während seiner regelmäßigen Abwesenheit organisiert war. Selbstverständlich trug sie in jener Zeit die alleinige Verantwortung für die Geschäfte, und er respektierte ihre einmal getroffenen Entscheidungen.

Doch Frauen gehen auch selbst auf Handelsreisen, um ihre Geschäfte in der Ferne abzuschließen. Das ist – außer für Agnes Dürer – auch für die Danziger Kauffrau Katharina Ysenmenger belegt, die im 15. Jahrhundert mehrfach England bereiste. Ebenso weiß man von den Fugger-Ehefrauen Elisabeth Glattermann (gestorben 1463, Frau des Hans Fugger,) sowie Barbara Bäsinger (1419-1497, zweite Frau von Jakob Fugger), dass sie mehrfach in die Fremde fuhren, um Geschäfte zu tätigen. Stirbt der Ehemann, so ist es nicht nur in Handwerks-, sondern auch in (Fern-)Handelshäusern üblich, dass die Ehefrauen die Geschäfte weiterführen.

Als eine der ersten, die über die Beschwernisse dieses Daseins in einer Autobiographie berichteten, gilt Glückel von Hameln (1646-1724). Die gebürtige Hamburgerin, Tochter eines erfolgreichen jüdischen Diamantenhändlers, gebar ihrem ersten Ehemann nicht nur zwölf Kinder, sondern arbeitete schon zu seinen Lebzeiten im gemeinsamen Kontor mit. Nach Chaims Tod 1689 führte sie die Geschäfte weiter und baute sie gar erfolgreich aus. Ihre zweite Heirat mit einem reichen Bankier aus Metz, Isaac Levy Rabbin, brachte ihr jedoch kein Glück. Sein Bankrott stürzte auch sie in die Mittellosigkeit.

Im 17. und 18. Jahrhundert setzt sich die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte so mancher Kaufmannswitwe fort: Überaus erfolgreich agierte etwa Helene Amalie Ascherfeld (1732-1816), die nach dem Tod ihres Gemahls Friedrich Jodocus Krupp (1706-1757) das von ihm gegründete Kolonialwarengeschäft durch Bergwerksbesitz entscheidend um neue Geschäftsfelder vergrößerte. Damit legte sie den Grundstein für das spätere Weltunternehmen Krupp aus Essen. Ebenso kümmerte sich Gotthold Ephraim Lessings langjährige Verlobte und spätere Ehefrau Eva König (1736-1778) sehr erfolgreich um die Handelsgeschäfte ihres ersten Ehemanns Engelbert König. Dafür hielt sie sich sogar lange Zeit in Wien auf, bevor sie nach Hamburg zurückkehrte und Lessing heiratete. Ihr früher Tod im Kindbett hat wohl weitere geschäftliche Erfolge verhindert.

...finden auch ehemalige Wundärztinnen ihren Platz

Die einzelnen Beispiele mögen zwar nur Schlaglichter auf die vielschichtige Geschichte werfen, dennoch ist gewiss: Frauen stehen in früheren Zeiten wirtschaftlich weitaus selbständiger dar, als oft vermutet wird. Auch meine Heldin Magdalena erlebt dies letztlich: In „Hexengold“, dem Folgeroman der „Wundärztin“, begegnen wir ihr zehn Jahre nach Ende des Dreißigjährigen Krieges wieder. Zwischenzeitlich ist es ihr gelungen, sich jenseits des kaiserlichen Trosses zwar nicht mehr als Wundärztin, dafür aber umso erfolgreicher als Kauffrau an der Seite ihres Mannes eine Existenz aufzubauen. Die anfänglich von ihr zitierte Befürchtung des tristen Ehefrauendaseins hat sich also als haltlos erwiesen. Als eines Tages ihr Gemahl Eric auf einer Handelsreise spurlos verschwindet, sieht sie sich gar der Aufgabe gegenüber, diese erfolgreiche Kauffrauenexistenz nicht nur verteidigen, sondern gleichzeitig im fernen Königsberg neu aufbauen zu müssen. Wie der Blick in die Geschichte zeigt, ist sie weder die erste noch die letzte, die diese Aufgabe meistern muss.... Heidi Rehn

Die Autorin

Heidi Rehn

Portrait von  Heidi Rehn

Heidi Rehn, Jahrgang 1966, wuchs im Mittelrheintal auf und kam zum Studium der Germanistik und Geschichte nach München. Seit vielen Jahren widmet sie sich hauptberuflich dem Schreiben.

zur Autorin

Das Buch

Die Wundärztin

Friedrich Ani – Süden

Deutschland im Dreißigjährigen Krieg: Die kluge Söldnertochter Magdalena arbeitet als Wundärztin im kaiserlichen Tross. Bald entbrennt sie in großer Liebe zu dem Kaufmannssohn Eric – eine verbotene Liebe. Als Eric plötzlich spurlos verschwindet, muss die inzwischen schwangere Magdalena schweren Herzens allein im Tross weiterziehen. Zwei Jahre später geschieht das Unerwartete: Der tot geglaubte Eric liegt schwer verwundet vor ihr – und wird des Mordes beschuldigt. Magdalena steht vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens…

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