Verlagsgruppe Droemer Knaur



Exzesse ohne Sinn und Verstand

Wolfram Fleischhauer, Jahrgang 1961, über Bankenskandale, ein verstörendes toskanisches Wandgemälde und seinen Thriller Torso.

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Herr Fleischhauer, zwei Dinge brauche es, um in dieser Welt etwas zu verändern, heißt es in Ihrem Roman Torso: eine Steinschleuder und eine Banklehre. Ist das auch Ihre ganz private Auffassung?

Wolfram Fleischhauer: Romanfiguren haben ihre eigene Logik und Wahrheit. Wenn man Figuren zu Sprachrohren der eigenen Meinung macht, werden sie unweigerlich flach. Ich hoffe, das ist hier nicht der Fall. Elins etwas bitterer Schlusssatz spiegelt ihre Erfahrungen wider, nicht meine und sie ist wohl auch keine Figur, die zur Identifikation einlädt. Ich selbst würde den Akzent eher auf die Banklehre setzen, d.h. auf den Versuch, offensichtliche Fehlentwicklungen zu verstehen.

Im Mittelpunkt Ihres spannenden Romans steht ein Berliner Bankenskandal, dessen Umstände stark an eine wahre Korruptionsaffäre erinnern. Vermutlich rein zufällig.

Wolfram Fleischhauer: Mein Roman handelt von Gier, und zwar auf allen Ebenen. Die ganzen Bankenskandale der letzten Jahre ähneln sich, und die gegenwärtige sogenannte Finanzkrise ist ja nur der vorläufige Höhepunkt dieses Irrsinns. Das ganze System ist am durchdrehen. Überall heißt es zwar: „weniger“, „langsamer“, „nachhaltiger“, aber kein Mensch und kein Staat verhält sich wirklich so. Kein Wort taucht so oft auf wie „sparen“ und „Schuldenabbau“, und zugleich steigen die Schulden ins Unermessliche. Mein Thema ist also kein einzelner Bankskandal, sondern dieser kaum noch fassbare und zugleich allgegenwärtige Exzess, der das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts meiner Ansicht nach kennzeichnet. Wir sind wieder da, wo wir 1830 schon mal waren: beim „enrichissez-vous“ der Vormärzzeit, beim „Bereichert Euch!“ ohne Sinn und Verstand.

Sie stellen die Machenschaften der Geldmenschen und Politiker sehr real und plastisch dar. Wurden Sie schon – wie die Protagonisten in Ihrem Buch – bedroht?

Wolfram Fleischhauer: Wenn Erzähler Gefahr liefen, vom Schicksal ihrer Figuren heimgesucht zu werden würde sich wohl niemand mehr Geschichten ausdenken – oder vielleicht nur noch Liebesgeschichten mit Happy-End.

Muss man erlebt haben, was man schreibt?

Wolfram Fleischhauer: Ich denke, nein. Ich hatte noch nie eine aidskranke Freundin und kann auch nicht Ballett tanzen, um nur zwei Motive aus früheren Romanen aufzugreifen. Was einer Romanfigur zustößt, hat nicht in erster Linie etwas mit dem Autor zu tun, sondern mit einer Schicksalsfrage, die sich der Figur stellt. Ein Roman arbeitet sich an den Fragen ab, die sich den Figuren stellen. Nicht nur die Leser, auch der Autor schaut letztlich dabei zu, wie jede Figur ihre Frage löst. Die Frage nach dem Autor ist da eher unwichtig. Je besser er ist, desto weniger mischt er sich ein. Sein Job ist es, hinter dem dramatischen Feuerwerk, das seine Figuren hoffentlich veranstalten, völlig zu verschwinden.

Auch das Internet spielt eine wichtige Rolle in Ihrer Geschichte. Die wahren Revolutionen würden nicht mehr „auf der Ebene von Betriebsräten“ stattfinden, sondern von „Betriebssystemen“, schreiben Sie einmal. Wie stellen Sie sich unsere digitale Zukunft vor?

Wolfram Fleischhauer: Mit einem Wort: total. Es wird wohl bald keine Handlung mehr geben, die keine digitale Spur hinterlässt. Was das genau bedeutet, kann ich mir noch gar nicht so recht vorstellen.

Eine wichtige Person in Ihrem Werk lebt auf der Straße. Haben Sie tatsächlich in der Obdachlosenszene recherchiert? Und: Stimmt es, dass sogar Rechtsanwälte und Computerfachleute sich als Berber durchschlagen?

Wolfram Fleischhauer: Natürlich habe ich mir Elins Welt angeschaut und mit Leuten gesprochen, die über die Straßenkinder- und Obdachlosenszene Bescheid wissen. Die Bezeichnung „Berber“ für Landstreicher gibt es schon lange. In den Interviews, die ich geführt habe, wurde der Begriff allerdings für Obdachlose verwendet, die Spezialkenntnisse haben, die sie anderen zur Verfügung stellen, also zum Beispiel ehemalige Anwälte oder Computerfachleute. Das soziale Netz in Deutschland ist zwar enger geknüpft als anderswo, aber natürlich fallen auch qualifizierte Leute durch die Maschen. Ein übles Schicksal kann jeden treffen.

Gibt es wirklich Graffiti-Codes an Berliner Internetcafés, die Hacker vor infizierten Computern warnen?

Wolfram Fleischhauer: Was die geheimen Kommunikationskanäle von Hackern betrifft, so will ich dazu nur so viel sagen, dass die Leute, die das Netz und seine Fallstricke genau kennen, sich natürlich Kommunikationscodes ausdenken, die vor digitaler Überwachung sicher sind.

Torso ist nach vier Künstlerromanen, darunter Die Purpurlinie und Das Buch, in dem die Welt verschwand, Ihr erster Roman, der ganz in der Gegenwart spielt. Dennoch zitieren Sie wieder Kunstwerke, die bei der Lösung des Falls eine Rolle spielen. Was bedeutet Ihnen Kunst?

Wolfram Fleischhauer: Ich glaube, Kunst entsteht aus Ausdrucksnot, aus dem Wunsch, etwas sagen zu wollen, für das man keine Sprache hat. Das ist der Funke, die Triebfeder. Der Rest ist Handwerk. Je nach Neigung und Talent muss man zunächst ein Instrument lernen, also Musik, Malerei, Erzählkunst oder Tanz studieren. Erst dann kann man loslegen. Torso ist mein zweiter Genreroman. Meine ersten fünf Romane waren keine Genreromane sondern Mischformen, die formal zwischen den Stühlen angesiedelt waren. Der gestohlene Abend jedoch war ein klassischer Universitätsroman und Torso ist ein Thriller. Die Wahl der Form wird durch das Thema bestimmt, um das es geht. Allerdings hat es mich auch gereizt, innerhalb eines Genres zu arbeiten. Man ist sehr viel eingeschränkter in den Mitteln, arbeitet aber nach einem bewährten Rezept und muss sich nicht dauernd mit formalen Fragen herumschlagen.

Die Idee zur Ihrem Roman sei Ihnen in Siena gekommen, kann man am Ende Ihres Buchs lesen. Wie war das genau?

Wolfram Fleischhauer: Es war ähnlich wie bei der Purpurlinie, meinem ersten Roman. Nur stand ich eben nicht 1986 im Louvre vor einem anonymen Gemälde sondern 2002 in Siena vor einer Wandmalerei von Ambrogio Lorenzetti. Dem Besuch in Siena war allerdings ein Aufenthalt in Assisi vorausgegangen. Ich hatte dort viele Stunden in der Basilika von San Francesco zugebracht und war wohl noch immer im Bann dieser Erfahrung. Ich kann mit der christlichen Religion nicht viel anfangen, aber religiöse Kunst haut mich immer wieder um. In der Basilika von Assisi gibt es ebenfalls ein Lorenzetti Wandgemälde, allerdings nicht von Ambrogio sondern von Pietro, seinem Bruder.

Eine Kreuzigungsszene ...

Wolfram Fleischhauer: Ein Detail darin hat mich tief beeindruckt. Es ist ein Soldat. Man übersieht ihn leicht. Er sitzt im Hintergrund auf seinem Pferd und blickt nachdenklich zu Boden. Ja, er scheint regelrecht darüber nachzugrübeln, was er von dieser Kreuzigung halten soll. „Hat dieses Kreuzigungsopfer einen Sinn?“, scheint er sich zu fragen. „Ist es nicht absurd, sich für diese schreckliche Welt hinzugeben?“ Diese Frage hatte ich wohl noch im Kopf als ich ein paar Tage später vor der Wandmalerei in Siena stand. Nach Pietro Lorenzettis „Kreuzigung“, die mir sehr existentialistisch erschienen war, wirkte Ambrogio Lorenzettis „Buon governo, mal governo“ wie ein pragmatischer Paukenschlag. Hier gab es keine lähmenden, metaphysischen Zweifel, sondern erlösende Klarheit. Vielleicht kam ich deshalb auf die Idee der beiden Zollanger-Brüder, die in Torso so eine zentrale Rolle spielen ... Herr Fleischhauer, vielen Dank für das Gespräch. Das Gespräch führte der Schriftsteller Jörg Steinleitner.

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