Verlagsgruppe Droemer Knaur



Interview mit Werner Bartens

Gesund leben – ohne Stress. Wie das geht und warum auch Eisbein und Pizza zu einer bewussten Ernährung gehören, erklärt der Arzt und Journalist Werner Bartens in seinem Buch Glücksmedizin. Auch wenn Diätspezialisten und Ernährungsratgeber anderes behaupten: Eine gesunde Lebensweise muss überhaupt nicht anstrengend sein. Sie darf gar nicht anstrengend sein!

Ist der moderne Mensch ein Hypochonder?

In der Mehrheit vermutlich schon. Zumindest hat er ständig das Gefühl, etwas für seine Gesundheit tun zu müssen, sich seine Gesundheit erarbeiten zu müssen. Das ist natürlich nicht gleichbedeutend mit Hypochondrie, aber ähnlich. Sagen wir also lieber so: Der moderne Mensch ist von einem permanenten schlechten Gewissen gequält, nie genug für seine Gesundheit zu tun.

Warum braucht eine gesunde Lebensweise nicht anstrengend zu sein?

Viele Dinge sind gesund ohne dass man sich dessen bewusst ist – auch wenn das der Pharma- und Lebensmittelindustrie oft nicht passt. Zum Beispiel gibt es mittlerweile viele seriöse und verlässliche Befunde, die zeigen, dass ein leichtes Übergewicht gesünder ist, als das vermeintliche Idealgewicht. Außerdem hat sich in den letzten Jahren herausgestellt, dass die Wissenschaft von vielen Lebensmitteln überhaupt nicht mit Sicherheit weiß, ob sie wirklich gesund sind. Viele Gesundheitsideale haben sich als falsch erwiesen, z.B. die Behauptung, dass Obst und Gemüse vor Krebs schützen können. Deshalb gilt: Die Menschen sollen essen, worauf sie wirklich Lust haben. Und vor allem: durcheinander. Das garantiert eine abwechslungsreiche Ernährung. Man darf sich vom Essen nicht verrückt machen lassen. Wer ständig vorbeugt, kann sich nie zurücklehnen.

Was machen viele Menschen falsch, wenn sie gesund leben wollen?

Ein wichtiges Thema ist der Sport. Sport kann sehr gesund sein und das Leben verlängern – nach neuesten Studien um bis zu acht Jahre. Diesen Sport muss man aber wirklich mögen, denn die gewonnene Lebenszeit geht für das Training drauf. Wichtig ist, den Sport sehr regelmäßig zu machen. Dreimal pro Woche eine halbe bis dreiviertel Stunde Ausdauersport – und das über viele Jahre. Aber das halten nur die wenigsten Menschen durch. Und weil die selbstgesteckten Ziele nicht eingehalten werden, übertreiben es viele Menschen. Statt dreimal in der Woche laufen zu gehen, schaffen sie es nur einmal alle zwei Wochen und laufen viel zu schnell, weil sie meinen, etwas aufholen zu müssen. Damit bringt man sich nicht nur um den Trainingseffekt, sondern riskiert auch bleibende Schäden an Knochen, Gelenken und am Herz.

Und welche Fehler machen die Menschen bei ihrer Ernährung?

Die Menschen achten viel zu sehr auf Nährwerte und Kalorien als auf den Stellenwert des Essens – und der ist wesentlich wichtiger. Es gibt tolle Studien zum Pizza-Essen in Italien, die besagen, dass Pizza-Esser gesünder leben. Das liegt nicht daran, dass Pizza so viele gesunde Inhaltsstoffe hätte, sondern weil es ein traditionelles Gericht ist, das fröhlich und in großer Runde gegessen wird. Oder sehen Sie sich Frankreich an: Die Franzosen haben in Europa mit die höchste Lebenserwartung, ernähren sich aber überhaupt nicht nach dem, was konventionell als gesund gilt. Sie essen viele fett- und fleischhaltige Gerichte. Aber das Essen hat dort einen sehr wichtigen Stellenwert im Alltag – man isst gesellig und in Ruhe. Deshalb ist es gesünder, mit guten Freunden Eisbein zu essen, als sich alleine und missmutig ein paar Esslöffel kaltgepresstes Olivenöl einzuträufeln.

Sie empfehlen deshalb auch anstrengende Mitesser zu meiden.

Auf jeden Fall. Es gibt nichts schlimmeres, als Menschen die einem das Essen mit Ratschlägen vermiesen und mit schlechtem Gewissen Schnitzel essen. Wenn man wirklich Lust auf ein Schnitzel mit Kartoffelsalat hat, ist das nicht ungesund. Man muss nur genau wissen, was der Körper eigentlich will – eine Kunst, die viele Menschen verlernt haben.

Warum raten Sie von Diäten ab?

Es gibt grundsätzlich nur zwei Wege, um dauerhaft abzunehmen. Entweder man verbraucht mehr als man isst – oder man isst weniger als man verbraucht. Das erreicht man nur über eine dauerhafte Ernährungsumstellung, durch die man auf lange Sicht eben weniger isst oder sich mehr bewegt. Alle anderen Diäten sind nicht hilfreich. Vor allem der sogenannte Jo-Jo-Effekt, also starke Gewichtsschwankungen durch erfolglose Diäten, ist sehr ungesund und schadet dem Körper. Lieber ein leichtes Übergewicht, das ist auf Dauer gesünder.

Mit welchen Tricks kann man den Alltag gesünder gestalten?

Das geht durch Kleinigkeiten. Anstatt den Kollegen anzurufen, gehe ich die paar Meter zu seinem Büro, wenn ich ihn sprechen will. Oder man stellt den Papierkorb nicht direkt neben sich, sondern in die Ecke und steht deshalb ein paarmal mehr auf am Tag. Und für daheim gilt: Es ist bewiesen, dass Menschen, die sich um ein Haustier oder um Pflanzen kümmern, gesünder sind. Das klingt absurd, aber Menschen, die auf diese Art und Weise „gebraucht“ werden, bekommen seltener einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall.

Wie lässt sich Stress am besten vermeiden?

Bei dauerhaftem Stress muss man sich professionelle Hilfe suchen. Aber bei Alltagsstress im Büro, vor einer Prüfung oder vor einem Vortrag kann man sich zum Beispiel mit Achtsamkeitsübungen wieder auf ein gesundes Level bringen. Dabei zählt man zum Beispiel seine Atemzüge und wird ruhiger, weil sich die Atmung verlangsamt. Auch die eigene Muskelspannung oder verkrampfte Kopfhaltung sollte man sich bei stressigen Situationen bewusst machen, das hilft, deutlich zu entspannen.

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