Verlagsgruppe Droemer Knaur



Anmerkungen zu "Torso" von Wolfram Fleischhauer

Einleitung

Der Autor hat sich zu seinem Roman Torso von italienischer Malerei inspirieren lassen. Hier beschreibt er, wie sich in seinem Kopf die Wandgemälde der Gebrüder Lorenzetti zu einem Thriller verdichtet haben.

Mein Roman Torso geht auf ein Erlebnis vor etwa zehn Jahren zurück. Es war ähnlich wie bei der Purpurlinie, meinem ersten Buch. Nur stand ich diesmal nicht 1986 vor einem anonymen Gemälde im Louvre sondern 2002 vor einer Wandmalerei von Ambrogio Lorenzetti in Siena.

Dem Besuch in Siena war ein Aufenthalt in Assisi vorausgegangen. Ich hatte dort viele Stunden in der Basilika von San Francesco zugebracht und war wohl noch immer im Bann dieser Erfahrung. In der Basilika von Assisi gibt es auch ein Lorenzetti Wandgemälde, allerdings nicht von Ambrogio sondern von Pietro, seinem Bruder. Es ist eine Kreuzigungsszene. Ein Detail darin hat mich tief beeindruckt. Es ist ein Soldat. Man übersieht ihn leicht. Er sitzt im Hintergrund auf seinem Pferd und blickt nachdenklich zu Boden.

Hat dieses Opfer einen Sinn? scheint er sich zu fragen. Ist es nicht absurd, sich für diese Welt hinzugeben? Diese Frage hatte ich noch im Kopf, als ich ein paar Tage später vor der Wandmalerei in Siena stand. Nach Pietro Lorenzettis Kreuzigung, die mir sehr existentialistisch erschienen war, wirkte Ambrogio Lorenzettis allegorische Darstellung der guten und schlechten Regierung wie ein pragmatischer Paukenschlag. Nicht Welterlösung war hier das Thema, sondern die Rettung der Gesellschaft vor Grundübeln, die einen Namen und ein Gesicht haben. Metaphysischen Zweifeln steht eine klar formulierte Anklage gegenüber – sowie der Glaube an die unbestechliche Wahrheit von Recht und Gesetz.

Meine Romane entstehen immer aus einer Begegnung oder einem Erlebnis, das mich emotional und intellektuell mitnimmt. Im ersten Moment merke ich davon meistens nichts. Aber nach einigen Tagen stelle ich plötzlich fest, dass ich mit mir selbst über eine Frage debattiere. Stimmen in meinem Kopf streiten miteinander und das hört einfach nicht mehr auf. Es ist passiert: Ab diesem Zeitpunkt leide ich unter akuter Erzählnot. Die verschiedenen Standpunkte zu einer Problematik lassen mich nicht mehr ruhig schlafen. Allmählich nehmen sie die Form von Figuren an, die miteinander in Konflikt geraten. Aber diese Figuren sind mir noch sehr fremd, solange ich nicht weiß, auf welcher Bühne oder vor welchem Hintergrund ihre Auseinandersetzung stattfindet.

Natürlich ist es kein Zufall, dass die damaligen Bank- und Finanzskandale zur Bühne für die Auseinandersetzung wurden. Aber das eigentliche Thema ist kein einzelner Bankskandal, sondern dieser kaum noch fassbare und zugleich allgegenwärtige Exzess, der das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts meiner Meinung nach kennzeichnet. Es geht nicht um eine bestimmte Landesbank oder die Lehman Brothers. Es geht um ein universelles Problem beim Menschen: Gier!

Mein neuer Roman ist von der Form her ein Thriller – ein Genre also, das für mich Neuland ist. Zwar enthalten alle meine Geschichten Spannungselemente, aber von Kommissaren und hauptamtlichen Ermittlern habe ich mich bisher fern gehalten. Das liegt aber nicht daran, dass ich das Krimi- oder sonst irgendein Genre geringschätze – im Gegenteil. Es ist bei mir nur ganz einfach so, dass die Form allein aus dem Stoff entsteht. Ich setze mich nicht hin und sage: So, jetzt schreibe ich einen Krimi. Alles beginnt mit dem Thema, das mich beschäftigt. Nur das zählt. Die Form ergibt sich daraus. Ich muss Bücher über die Themen schreiben, die mir auf den Nägeln brennen. Und natürlich lebt Kreativität auch davon, dass man etwas ausprobiert, das man noch nicht gemacht hat. Und sei es ein Thriller.

↑ nach oben