Verlagsgruppe Droemer Knaur



Interview mit Hamed Abdel-Samad

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Hoffnung zwischen Tränengas-Attacken: Der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad hat den arabischen Frühling in seiner ägyptischen Heimat selbst miterlebt. Er gilt derzeit als einer der wichtigsten Kenner des Landes. In seinem Buch „Krieg oder Frieden“ berichtet er von der Revolution, die Millionen Menschen auf die Straßen zog – und die ohne Facebook nicht möglich gewesen wäre. Und auch zum aktuellen Konflikt in Ägypten liefert er wesentliche Hintergrundinformationen. Ein zentrales Kapitel seines Buches dreht sich um das Zusammenleben von Kopten und Muslimen.

Wird das Jahr 2011 in Bezug auf die arabische Welt in die Geschichte eingehen?

Definitiv. Nicht nur was wir in den Ländern des arabischen Frühlings erlebt haben, auch die Crashs auf den Finanzmärkten, die Umweltkatastrophen werden 2011 in die Geschichte eingehen lassen – wie 1968 oder 1989. Und in den arabischen Ländern sind wie noch niemals zuvor in der Geschichte so viele Menschen für ihre Rechte auf die Straße gegangen.

Sie haben die Revolution erst für einen Scherz gehalten?

Nicht nur ich. Viele Ägypter konnten diese Dimension nicht erahnen: Menschenmassen ziehen gegen Mubarak durch die Straßen, nicht nur in Kairo, sondern im ganzen Land. 18 Millionen Menschen laut Polizeiangaben! Das hat es noch nie gegeben. Ich hielt das vor allem deswegen für einen Scherz, weil ja vorher Datum und Uhrzeit dieser Revolution festgelegt worden waren. Die meisten Ägypter waren hinterher von sich selbst überrascht.

Hätte es diese Revolution ohne Facebook und Twitter geben können?

Es gab zwar ähnliche Revolten in der Geschichte von arabischen Staaten, vor allem von Studenten in den siebziger und achtziger Jahren. Aber diese Dimension war bisher nicht möglich gewesen, weil die Kommunikationswege so begrenzt waren. Die Revolutionäre waren viel schneller identifizierbar und wurden von der Staatssicherheit verhaftet. Facebook hat es den jungen Ägyptern ermöglicht, anonymer zu bleiben und schnell zu agieren. Aber das Internet hat noch mehr möglich gemacht: Es hat das Wissensmonopol des Staates gebrochen. Früher waren alle Informationen durch die staatlichen Kanäle gefiltert, jetzt haben die Menschen einen besseren Überblick. Sie konnten sich informieren, wie Demokratien in Europa oder Nordamerika funktionieren. Wie ein Präsident erst gewählt, dann wieder abgewählt wird.

Als Sie das Buch geschrieben haben, was war Ihnen wichtiger – Ihre persönlichen Erfahrungen oder ihre Position als Politikwissenschaftler?

Ich habe in meinen Büchern noch nie zwischen diesen Sphären unterschieden. Der Politikwissenschaftler ist ein Mensch, der Empfindungen hat. Und der Privatmann wird beeinflusst von dem analytischen Ansatz, den er in seiner akademischen Laufbahn gelernt hat. Man nimmt ja sowieso alles – egal ob wissenschaftlich oder nicht – subjektiv wahr. Über diese Tage auf dem Tahir-Platz in Kairo kann man nicht nur wissenschaftlich schreiben, wenn man mittendrin war.

Wann haben Sie während dieser Revolution in Ägypten gemerkt, dass sich wirklich etwas verändern wird?

Das war am 28. Januar dieses Jahres. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass nicht nur ein paar tausend, sondern Millionen Menschen in den Straßen sind. Junge Menschen, auch Verletzte, haben sich nicht in ihren Häusern verschanzt, sondern sind weiter Richtung Tahir-Platz gezogen. Da wusste ich: Heute ist die Stunde der Wahrheit. Als wir dann am frühen Abend den Platz von der Staatspolizei zurückerobert hatten, merkte ich langsam, Mubarak ist geschlagen. Dieses System wird nie wieder auferstehen.

Wie ist momentan die Lage in Ägypten? Kehrt Resignation ein oder sind die Menschen noch hoffnungsvoll?

Wenn man nicht schon im Laufe der Menschheitsgeschichte Erfahrungen aus anderen Revolutionen gesammelt hätte, dann wäre ich heute sehr pessimistisch. Aber ich weiß ganz genau, dass in postrevolutionären Zeiten, wie wir sie gerade in Ägypten haben, Rückschläge und Resignation ganz normal sind. Man kann nach 60 Jahren politischer Stagnation und 30 Jahren brutaler Diktatur nicht erwarten, dass sofort eine reibungslose Demokratie entsteht. Man kann das mit einer riesigen Mülltonne vergleichen, die jahrzehntelang versiegelt wurde. Erst jetzt bemerkt man, das ganze Ausmaß und wie unerträglich es überhaupt stinkt! Diese Revolution war wie ein Erdbeben, aber man kann die neuen Häuser nicht auf den Trümmern aufbauen, man braucht ein richtiges Fundament. Das wird eben eine Zeitlang dauern, die jungen Leute sind noch politisch unerfahren. Aber in spätestens 10-15 Jahren wird aus dieser Revolutionsgeneration eine politische Generation hervorgehen, vergleichbar mit der 68er-Bewegung in Europa.

Was ist ihre Hoffnung für das Verhältnis zwischen Europa und den Ländern des arabischen Frühlings?

Ich hoffe, dass sich beide Seiten nicht länger isolieren. Die alten Vorurteile müssen weg. Europa darf auf die arabischen Staaten nicht herabschauen. Und die arabische Welt muss lernen, den Westen nicht zu hassen. Es muss zu einer Kooperation kommen, denn beide Parteien sind langfristig aufeinander angewiesen. Europa hat Wissen, Technologie, Erfahrung im Aufbau von Demokratien. Die arabische Welt hat eine selbstbewusste, wissbegierige Jugend. Das kann beiden Seiten wirtschaftliche Vorteile bringen.

 

Das Interview wurde im Oktober 2011 geführt.

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