Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Ariana Franklin und Adelia – Die Meisterin in der Kunst des Todes

Einleitung

Ariana Franklins historische Krimiserie

Mit der Totenleserin Adelia aus Salerno hat Autorin Ariana Franklin eine äußerst ungewöhnliche und faszinierende Serienheldin geschaffen: eine forensische Pathologin des Mittelalters, die mit den begrenzten Mitteln und gegen die Widerstände ihrer Zeit eine Reihe mysteriöser Kriminalfälle im England des 12. Jahrhunderts auflöst. Der Fluch der Totenleserin ist der vierte und letzte Band dieser historischen Krimireihe, die mit dem Tod von Ariana Franklin im Januar 2011 leider ein jähes Ende findet.

Adelia Aguilar: Die Ärztin der Toten

Adelia Aguilar ist wahrlich eine ungewöhnliche Frau des 12. Jahrhunderts, denn sie kann die Geheimnisse der Toten lesen: "Ich bin die Ärztin der Toten. Sie erzählen mir ihre Geschichte." Die junge Adelia aus dem Königreich Sizilien ist Absolventin der liberalen und fortschrittlichen Medizinschule von Salerno, die der Kirche zum Trotz auch Frauen zum Studium zuließ. Dank ihrer jüdisch-christlichen Pflegeeltern ist Adelia in den Genuss einer männlichen Ausbildung gekommen, die sie vervollständigte, indem sie in der anatomischen Abteilung ihres Ziehvaters beim Sezieren von Leichen half. So wurde sie zur "Spezialistin für das Öffnen und Untersuchen von Toten".

Auf Befehl des Königs von Sizilien reist Adelia im Jahr 1170 nach England, um König Heinrich II. bei der Aufklärung entsetzlicher Kindermorde in Cambridge zu unterstützen, die für Aufruhr unter der Bevölkerung sorgen. Doch in England kann Adelia ihren Beruf als Frau offiziell nicht ausüben, denn hier sind weibliche Ärzte eine Unmöglichkeit:

"Die Kirche hatte über Jahrhunderte weg gelehrt, dass Gebete und Heiligenreliquien die göttliche Art des Heilens seien und alles andere vom Teufel herrühre. Sie gestattete den Klöstern, Kranke zu behandeln, und fand sich notgedrungen mit den weltlichen Ärzten ab, solange sie ihre Grenzen nicht überschritten, aber Frauen, die an sich schon sündig waren, war die Medizin als Beruf verboten."

Um nicht als Hexe an den Pranger gestellt zu werden, muss Adelia ihre Identität und ihre medizinischen Fähigkeiten verbergen, in dem sie sich als Assistentin und Übersetzerin ihres Begleiters, des Mauren Mansur, ausgibt: "Es war ein erbärmlicher Vorwand, aber einer, der sie vor kirchlicher Verfolgung schützte." Nur mit dieser List kann Adelia in England ihren Beruf ausüben und stößt dabei doch immer auf Widerstände und Grenzen, denn die freigeistige und aufgeklärte Frau ist ihrer Zeit weit voraus: "Ich glaube an das, was ich überprüfen kann." Mit ihrer direkten Art, Aberglaube und Vorurteilen entgegen zu treten, irritiert sie die Menschen im Norden. Selbstbewusst behauptet sie sich in der Männergesellschaft des bigotten Englands, bricht Tabus und kämpft für Gerechtigkeit.

Dank ihrer forensischen Fähigkeiten gelingt es Adelia, die Morde aufzuklären – ganz zur Zufriedenheit Heinrichs II., der ihr die Rückkehr nach Sizilien verweigert für den Fall, ihre Dienste wieder einmal zu benötigen.

Auch wenn Adelia diesen König und sein Land wiederholt verflucht, so erlebt sie in England im Laufe der Zeit auch großes Glück: Neben Mansur, der ihr stets mit Rat und Tat zur Seite steht, findet sie in Gyltha eine treue Gefährtin und ihrer Liebesbeziehung mit Sir Rowley, der zum Bischof von St. Albans ernannt wird, entspringt Tochter Allie. Doch die geheimen Aufträge und Missionen Heinrichs II. bringen Adelia immer wieder in große Gefahr und im vierten Band Der Fluch der Totenleserin steht sie kurz davor, auf dem Scheiterhaufen als Ketzerin verbrannt zu werden.

Die Schule von Salerno

Historisch geht Adelia auf die Ärztin Trotula aus Salerno zurück. In Salerno, das damals zum Königreich Sizilien gehörte, entstand im Laufe des 12. Jahrhunderts "eine große Medizinerschule, die nicht nur die Autopsie erlaubte, sondern auch Frauen zum Studium zuließ," erklärt die Autorin Ariana Franklin im Nachwort von Der Fluch der Totenleserin:

"Das wissen wir durch eine bis heute erhaltene medizinische Abhandlung, die unter dem Titel ‚Trotula major’ bekannt ist und von einer weiblichen Professorin geschrieben wurde. Sizilien war das liberalste und am fortschrittlichsten denkende Reich des gesamten Christentums, wo Araber, Griechen, Juden und Normannen als gleichwertige Bürger behandelt wurden, was es sonst nirgends gab."

Ariana Franklin alias Diana Norman

Ariana Franklin weiß, wovon sie schreibt. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich die 1933 in London geborene Journalistin und Schriftstellerin Diana Norman, eine ausgewiesene Expertin für die Geschichte des 12. Jahrhunderts und ein großer Fan Heinrich II. Schon in jungen Jahren arbeitete sie für Zeitungen in Devon und London und wurde knapp zwanzigjährig die jüngste Reporterin der berühmten Londoner Fleet Street. Nach ihrer Heirat mit dem Filmkritiker Barry Norman gab sie ihre journalistische Tätigkeit auf und widmete sich der Erziehung ihrer beiden Töchter und dem Studium der Mittelalterlichen Geschichte. Sie entwickelte eine leidenschaftliche Passion für das 12. Jahrhundert, wie sie in unserem Interview erklärt:

"Dieser Zeitraum war der beste im Mittelalter, viel weniger grausam als die Zeiten nach der großen Pest im 14. Jahrhundert ... Ich habe 15 Jahre damit verbracht, diese Zeit zu studieren, habe alles gelesen, was ich darüber fand, und, wenn ich es mir leisten konnte, jeden Ort besucht, der mich dieser Zeit näher brachte. Ganz besonders intensiv, habe ich mich mit der Gesetzgebung und Rechtsprechung dieser Zeit befasst."

Ab Mitte der 1990er-Jahre begann Norman neben kritischen Biografien auch historische Romane zu schreiben. 2007 erschien ihr erster historischer Kriminalroman mit der Protagonistin Adelia (Die Totenleserin), der sogleich für viel Aufmerksamkeit sorgte und ihr mehrere Auszeichnungen einbrachte. Es folgten drei weitere Adelia-Romane (Die Teufelshaube, Der König und die Totenleserin und zuletzt Der Fluch der Totenleserin), die alle spannend, kurzweilig und ausgesprochen gut erzählt sind.

Ihren besonderen Charme bezieht die Serie aus der ungewöhnlichen, sympathischen Protagonistin Adelia, die in einer Männerwelt ihre Frau steht und kein Blatt vor den Mund nimmt. Aber auch die anderen Figuren sind alle ausgesprochen lebendig und liebevoll gestaltet, Orte und Schauplätze sind anschaulich und authentisch beschrieben. Gekonnt lässt Franklin das 12. Jahrhundert vor den Augen des Lesers lebendig werden: Facettenreich beschreibt sie die Regierungszeit des berühmt-berüchtigten Heinrich II., beleuchtet die Kirchenpolitik ebenso wie die Medizingeschichte, alltägliche Lebensumstände und die Rolle der Frauen in England wie auch im Königreich Sizilien.

Dabei bedient sie sich einer modernen Sprache und würzt ihre Dialoge mit einer guten Prise Humor. Als Erklärung schreibt Franklin im Nachwort von Der Fluch der Totenleserin:

"Im England des 12. Jahrhunderts war das Englisch der einfachen Leute noch unverständlicher als das von Chaucer im 14. Jahrhundert. Der Adel sprach normannisches Französisch und der Klerus Latein. Da sich die Leute damals natürlich dennoch wie auch wir heute verstanden, lehne ich den Gebrauch einer künstlich verfremdeten Sprache, um den historischen Charakter eines Buches zu betonen, ab und bestehe stattdessen darauf, sie für uns zeitgenössisch klingen zu lassen."

Der vierte Band der Adelia-Reihe, Der Fluch der Totenleserin, wird aber leider der auch der letzte sein. Diana Norman starb am 27. Januar 2011 in Hertfordshire.

 

Die Adelia-Romane in chronologischer Reihenfolge:

1. Die Totenleserin
Cambridge 1170: Die Totenärztin Adelia Aguilar aus Salerno wird ins ferne England gesandt, um in Cambridge eine Reihe entsetzlicher Kindermorde aufzuklären. Die Einwohner machen die Juden für die Morde verantwortlich und es droht ein Aufruhr, der den König um wichtige Steuereinnahmen bringen würde. Heinrich II. beauftragt Adelia, den wahren Mörder zu finden. Mit Hilfe ihres Dieners und treuen Begleiters Mansur beginnt die Pathologin ihre Arbeit und stößt dabei auf große Widerstände. Nicht nur muss sie ihre medizinischen Fähigkeiten und ihre wahre Identität verbergen, die Stadtväter versuchen eine Aufklärung der Morde zu vereiteln, das nahe gelegene Kloster ist nur an dem schwunghaften Reliquienhandel mit den Gebeinen des Jungen interessiert, und auch Sir Rowley, der Steuereintreiber des Königs, scheint verdächtige Ziele zu verfolgen. Zugleich weckt er in Adelia Gefühle, die sie verwirren. Wem kann sie vertrauen?

2. Die Teufelshaube
Rosamund, die Geliebte Heinrichs II. wird vergiftet – mit einem gefährlichen Pilz, der Teufelshaube. Der König tobt, seine Gemahlin, Eleanor von Aquitanien, dagegen triumphiert. Steckt sie hinter dem grausamen Anschlag auf ihre Widersacherin? Will sie einen Bürgerkrieg in England entfachen und Heinrich so entmachten? Nur eine kann die Zeichen richtig deuten: die Totenleserin Adelia. Doch Adelia ist alles andere als begeistert über den neuen Auftrag des Königs und verlässt nur widerwillig ihr neues Heim in den Sümpfen, wo sie sich mit ihrer kleinen Tochter Allie und Gyltha niedergelassen hat. Die Ermittlungen führen sie wieder mit Sir Rowley, inzwischen Bischof von St. Albans zusammen, dem Vater ihres Babys.

3. Der König und die Totenleserin
König Heinrich II. befindet sich im Krieg mit den Walisern, die sich weigern, ihr Land unter die Herrschaft der englischen Krone zu stellen. Sie erkennen nur König Artus an, der der landläufigen Meinung nach nicht tot sein soll. Da tauchen zwei Skelette auf, die angeblich die Gebeine von Artus und Guinevere sind. Einzig Adelia, die Totenleserin, könnte beweisen, dass die beiden Nationalhelden wirklich tot sind, und Heinrich somit zur Krone verhelfen. Doch Adelia will nicht länger im Dienste des Königs stehen. Aber nicht nur Heinrich II., auch die Kirche in Gestalt von Sir Rowley will den beunruhigenden Fund aufgeklärt sehen. Kein negatives Licht darf auf das Kloster und damit auf die Kirche fallen. Der Fall ist komplizierter und grausamer als gedacht – und für Adelia lebensgefährlich.

4. Der Fluch der Totenleserin
Adelia glaubt endlich, ihren Frieden gefunden zu haben. Glücklich lebt sie mit ihrer mittlerweile neunjährigen Tochter Allie, Gyltha und Mansur in einem entlegenen Teil Somersets, wo weder ihr Arztberuf noch ihre skandalöse Beziehung zu Rowley angeprangert werden. Doch dann befiehlt ihr Heinrich II., seine Tochter Joanna nach Sizilien zu begleiten. Die Reise ist lang und gefährlich. Doch mehr als Kriege und Pest beunruhigen Adelia die heimtückischen Morde, die in dem riesigen Tross passieren. Trachtet man der Prinzessin nach dem Leben? Weiß einer von dem geheimnisvollen, magischen Schwert, das die Prinzessin mit sich führt? Und warum versucht jemand, Adelia als die Mordverdächtige aussehen zu lassen? Die gewitzte Pathologin spürt, wie eine unsichtbare Gefahr ihr immer näher kommt, doch sie kann den wahren Mörder nicht enttarnen. Als Adelia aufgrund ihrer Arbeit in Frankreich von einem Bischof als Ketzerin bezeichnet und zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wird, sieht sich ihr größter Feind in der Gefolgschaft der Prinzessin endlich am Ziel. Er wird sie leiden und sterben sehen ...

Alexandra Plath für www.droemer-knaur.de

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