Verlagsgruppe Droemer Knaur



Sehnsuchtsorte

27.01.2012

Historische Romane über Auswanderer

Im 19. Jahrhundert verließen Millionen Menschen Europa, um in der 'Neuen Welt' ihr Glück zu suchen. Angetrieben von der Hoffnung auf ein besseres Leben, wagten sie den Schritt in die Fremde und Ungewissheit. Anders als bei den Auswanderern der heutigen Zeit, die meist von Abenteuerlust und Sehnsucht nach dem Fremden geleitet werden, war im 19. Jahrhundert der Kampf ums Überleben der stärkste Beweggrund: Missernten, Seuchen, Unterdrückung oder Arbeitslosigkeit vertrieben sie aus der alten Heimat. Die Sehnsucht nach einem besseren Leben ließ die Menschen die Auswandererschiffe besteigen und voller Hoffnung der Neuen Welt entgegen segeln. Das Land ihrer Träume stellte sich aber nicht immer als Paradies heraus – das galt auch für die Auswanderer nach Mexiko, Chile und Brasilien wie unsere Autorinnen Carmen Lobato, Carla Federico und Ana Veloso in ihren Romanen eindrücklich erzählen.

Carmen Lobato: Im Land der gefiederten Schlange
Voller Hoffnung wandert die Hamburger Familie Hartmann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Mexiko aus, das 1821 seine Unabhängigkeit von Spanien errungen hatte. Angelockt von den Reiseberichten Alexander von Humboldts, der Mexiko ausgiebig erkundet hatte und von fruchtbarer Erde und unermesslichen Bodenschätzen schwärmte, wollen sie sich in der Fremde ein neues Leben aufbauen. Nachdem ihr Hamburger Handelhaus Bankrott gegangen war, verspricht die mexikanische Hafenstadt Veracruz ein geeigneter Standort für die zukünftigen Geschäfte der Kaufmannsfamilie zu sein. Sie hoffen auf ein "Paradies unter Zypressen" und auf riesige Märkte, die auf ausländische Waren warten, denn "war Mexiko nicht das fruchtbare Land des ewigen Frühlings, in dem die Berge im Sonnenlicht glänzten, weil so viel Silber sich darin verbarg?"

Doch ihre Hoffnungen werden rasch zunichte gemacht und der Familie begegnet wenig Glanzvolles in Veracruz: Die ewige Hitze und süßliche Luft, die nach Krankheit und Verwesung riecht, und das von Kämpfen zerrissene Land, das für den Handel keine gute Basis bietet, lassen die Familie auf eine rasche Rückkehr in die Heimat hoffen:

"Ihr Paradies unter Zypressen war keine Hölle, dazu war seine seltsame, bittere Schönheit zu begehrenswert. Aber es erwies sich als ein Fegefeuer, in dem jeder, der nicht aus feuerfestem Stahl war, verglühte."

Die Geschichte beginnt im Jahr 1838. Die junge Katharina geniest im Schutz der deutschen Siedlung von Veracruz eine behütete Kindheit im Kreis ihrer Familie. Mit der mexikanischen Außenwelt und harten Realität kommt das Mädchen kaum in Berührung und ihre Eltern trichtern ihr ein, dass das Land, in dem sie geboren ist, nicht ihre Heimat ist. Vor allem ihre Mutter Marthe ist von der Rückkehr nach Hamburg besessen, denn ihr Leben ist seit ihrer Ankunft in der "Wildnis" ins Wanken geraten. Getrieben von ihrer Sehnsucht nach Liebe hat sie einen schrecklichen Verrat begangen und lebt seitdem in tiefer Schuld und Hass auf den "vergifteten Atem dieses fremden Landes". Doch nicht nur Marthe, alle Menschen die in der deutschen Siedlung von Veracruz leben, möchten in die alte Heimat zurückkehren:

"Sie sprachen davon wie von der Regenzeit, von der sie zwar nie genau wussten, wann sie anbrach, von der sie aber sicher waren, dass sie kam."

Doch Katharina ist fasziniert von Mexiko, vor allem von dem jungen Indio Benito, der als Angestellter ihrer Familie arbeitet. Benito wird zum engsten Freund und Vertrauten des Mädchens. Während Katharina in der deutschen Siedlung wie in einem Kokon aufwächst, ist Benito aus dem Volk der Nahua tief mit seinem Land verwurzelt. Er führt sie in die Sagenwelt seiner Vorfahren ein und Katharina wird immer stärker von einer unbändigen Sehnsucht nach diesem Land, seinen Geheimnissen und Mythologien ergriffen. Als aus der Freundschaft zwischen der Deutschen und dem Indio Liebe wird, greift die Familie auf brutalste Weise ein, um die Mesalliance ihrer Tochter zu unterbinden.

Katharinas Sehnsucht nach Liebe und nach Zugehörigkeit ist unbremsbar und führt schließlich zum Bruch mit der Familie:

„Warum hatte sie nichts über das Land, in dem sie lebte, lernen dürfen, warum war sie gehalten worden wie eine genudelte Made, die im Kokon steckte und niemandem nutzte?“

Der steinige Weg, den Katharina auf der Suche nach ihren Wurzeln und ihrer Herkunft beschreitet, führt sie schließlich zur Entscheidung ihres Lebens: Welcher Welt und welchem Mann gehört ihre Zukunft?


Carla Federicos Chile-Saga

Auch die Auswanderer in Carla Federicos Roman Im Land der Feuerblume – der erste Teil der Trilogie - verlassen Hamburg voller Hoffnung auf neues Lebensglück. Chile heißt das Ziel des Auswandererschiffes und jeder Passagier an Bord hat einen guten Grund, diese weite Reise zu wagen. Die Auswanderer wurden von dem Versprechen gelockt, eigenes Land zu erhalten – und dieses Land war in Chile tatsächlich überreich vorhanden, wie Federico in ihrem Artikel beschreibt: "Allerdings war es nahezu unbesiedelt und unerforscht, und anders als in Ländern wie den USA, wo die Auswanderer funktionierende Infrastrukturen vorfanden und sich rasch in die Gesellschaft integrierten, stießen die Deutschen in Mittelchile auf die totale Wildnis. Förmlich aus dem Nichts schufen sie dort ihr eigenes Reich, wo sie lange unter sich lebten und ihre Kultur und Sprache am Leben erhielten."

Im Mittelpunkt der Trilogie steht der Kampf dieser Pioniere und insbesondere ihrer Frauen – aber auch eine Liebesgeschichte: die der jungen Elisa, die mit ihrer Familie der Armut entfliehen will, und von Cornelius, der in Chile Freiheit sucht. Trotz ihrer starken Zuneigung füreinander stoßen sie immer wieder auf Hindernisse und müssen lange um ihre Liebe kämpfen.

Ergreifend und lebensnah erzählt Carla Federico von den Hoffnungen und Sehnsüchten der deutschen Siedler und ihrem Kampf im weitgehend menschenleeren, unerforschten Chile eine Kolonie, eine Art „Klein-Deutschland“, zu erschaffen. Entgegen ihren Erwartungen erreichten die Auswanderer ihre Ziele weder leicht noch in kurzer Zeit und sie müssen viele Rückschläge erdulden: die unerbittliche Natur, die sie vor immer neue Herausforderungen stellt, aber auch Missgunst, Eifersucht und die Liebe stellen die Auswanderer auf eine harte Probe.


Ana Veloso: Das Lied des Kolibris

Doch nicht alle Menschen haben ihre Heimat freiwillig verlassen, um in der Fremde ihr Glück zu suchen. Ana Veloso erzählt in ihrer Brasilien-Saga Das Lied des Kolibris die Geschichte der afrikanischen Sklaven, die aus ihrer Heimat verschleppt wurden, um sich in der Neuen Welt auf den Plantagen der weißen Herren zu Tode zu schuften. Für die Sklaven wurde die Neue Welt zum Alptraum und ihre Sehnsucht galt ihrer afrikanischen Heimat, ihrer Kultur und ihren überlieferten Traditionen, die sie aufgeben mussten.

Die Geschichte beginnt im brasilianischen Bahia im Jahr 1763. Die junge Sklavin Lua arbeitet seit Kindesbeinen auf einer großen Zuckerrohrplantage. Lua ist schön – und sie hat ein Geheimnis: Sie kann lesen und schreiben, was Sklaven unter Strafe verboten ist. Niemals hat sich Lua für die Geschichte ihrer Ahnen interessiert und ist deshalb erstaunt, als die alte Imaculada sie bittet, ihre Lebensgeschichte aufzuzeichnen. Die Alte ist eine der wenigen Schwarzen, die noch mit einem Sklavenschiff aus Afrika nach Brasilien verschleppt wurden. Zunächst widerstrebend, aber dann zunehmend fasziniert, lauscht Lua Imaculadas Geschichte und gerät in ihren Bann – und in den Bann des atemberaubend schönen Sklaven Zé, der von einem Leben in Freiheit träumt und schließlich die Flucht wagt.

Mitreißend beleuchtet Ana Veloso das Leben der Sklaven in Bahia im 18. Jahrhundert und verbindet exakt recherchierte historische Fakten mit einer ergreifenden Story. Wie auch in den Romanen von Carmen Lobato und Carla Federico ist es auch hier der Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit, der alle Charaktere miteinander verbindet, egal ob schwarz oder weiß, Sklave oder Herr:

"Wie schön musste es sein, frei zu sein – frei, die eigenen Entscheidungen zu treffen, frei von jeglicher Bevormundung durch Eltern, Ehemann oder Schwiegereltern."

Freiheit – das ist der wahre Sehnsuchtsort der Heldinnen dieser bewegenden Romane!

Alexandra Plath für www.droemer-knaur.de

Die Autorin

Carmen Lobato

Portrait von  Carmen Lobato

Carmen Lobato ist Romanistin, arbeitet in einem Museum und war zeit ihres Lebens eine leidenschaftliche Reisende. Für ihren neuen Roman hat sie umfangreiche Recherchen vor Ort in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und dem armenischen Teil von Anatolien betrieben.

zur Autorin

Das Buch

Im Land der gefiederten Schlange

Friedrich Ani – Süden

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