Verlagsgruppe Droemer Knaur



Proaktiv. Probiotisch. Idiotisch!

Vom Verzehr wird abgeraten

Wussten Sie, dass die Herzschutz-Margarine dem Herzen, und der ACE-Saft dem Embryo schaden kann? Der Journalist Hans-Ulrich Grimm deckt in seinem Buch <i>Vom Verzehr wird abgeraten</i> auf, was im Functional Food wirklich wirkt – und was den Konsumenten droht. Er zeigt, wie die Geschäftsstrategien der Industrie unsere Gesundheit aufs Spiel setzen und wie Wissenschaftler aus staatlichen Instituten und der Konzerne sich verbrüdern – zum Schaden der Verbraucher. Auf der Seite www.food-detektiv.de bietet Hans-Ulrich Grimm und sein Team alias DR. WATSON ein Lexikon zu den Stoffen der Gesundheitsnahrung. Hier verrät DR. WATSON einige Irrtümer zu besonders weit verbreiteten Gesundheitsstoffen. 

Beta Carotin gilt als der Radikalfänger gegen Krebserkrankungen und soll auch sonst supergesund sein. Was ist dran?

DR. WATSON: Ja das stimmt schon, Beta Carotin im Essen kann theoretisch freie Radikale abfangen. Menschen, die viel Beta Carotin über die Nahrung aufnehmen, sind laut einiger Beobachtungsstudien auch gesünder. Problematisch ist es aber, wenn diese Vitaminvorstufe in industrieller Reinform Lebensmitteln künstlich zugesetzt wird. Dann kann es leicht überdosiert werden und dann wirkt es umgekehrt, selbst als Radikal. Hohe Dosen (über 20 Milligramm täglich) begünstigen zum Beispiel bei starken Rauchern und Herz-Kreislauferkrankten Lungenkrebs und Herzinfarkt. Dazu kommt, dass Beta Carotin als gelb-orangener Lebensmittelfarbstoff E 160a im Industrieessen teilweise mit Aluminium versetzt wird. Dieses Metall verstärkt Demenzerkrankungen im Gehirn, wie die Alzheimer- und Parkinsonkrankheit und beeinträchtigt die Fruchtbarkeit.

Kalzium gilt als das Wundermittel für starke Knochen, gute Haut und feste Nägel. Was ist dran?

DR. WATSON: Kalzium kann tatsächlich das Risiko für Knochenbrüche senken und angeblich auch das Darmkrebsrisiko reduzieren. Auf der anderen Seite hat sich in Studien herausgestellt, dass eine Extraportion Kalzium das Herzinfarktsrisiko um 30% erhöht. „Wenn tausend Leute fünf Jahre lang Kalzium schlucken, kann man 26 Knochenbrüche verhindern – hat aber 15 Herzinfarkte mehr“, so Medizinprofessor Ian Reid. Kalziumpräparate sollten deshalb „zurückhaltender und nur nach ärztlicher Rücksprache eingenommen werden“, riet die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin in Wiesbaden. Tatsächlich sind im Supermarkt aber überaus viele Produkte mit dem vermeintlichen Gesundheitsfaktor Calcium angereichert, vor allem Kinderlebensmittel, wie Kinderwurst, Käse für die Kleinen und Süßigkeiten.

Folsäure soll das Ungeborene vor Nervenerkrankungen schützen und Erwachsene vor Herzkreislauferkankungen. Deshalb wird vor allem jungen Frauen und älteren Menschen zu Folsäure Tabletten geraten. Was ist dran?

DR. WATSON: Ein Mangel an Folsäure gilt als Risikofaktor für Herzerkrankungen. Darum ist es etwa im Herschutz berühmt geworden. Folsäure soll da helfen, Cholesterin zu verarbeiten. Folsäure ist auch wichtig für Schwangere, bei einem Mangel kann das Kind mit einem „offenen Rücken“ geboren werden. Durch die Folsäure „aus der üblichen Nahrung sind bisher keine unerwünschten Effekte beobachtet worden“, notierte das Berliner Institut für Risikobewertung. Aber bei Nahrungsergänzungen werden immer mehr Nebenwirkungen beobachtet. Der Körper kann sich bei künstlichen Folsäurepräparaten schlecht vor Überdosierung schützen. Und so kann der angebliche Gesundheitsstoff schaden: die Zahl der Zwillingsgeburten, das Asthmarisiko für Kinder, das Risiko für Lungen-, Darm-, Brust- und Prostatakrebs sowie für Herzkreislauferkrankungen erhöhen und zu mehr Schwangerschaftskomplikationen führen. Überdosierungen können auch Schlafstörungen, dauerhafte Erregung, Hyperaktivität, Blähungen und erhöhtes Allergierisiko zur Folge haben. Man sollte nicht mehr als 400 Mikrogramm täglich einnehmen, wenn man diese Nebenwirkungen vermeiden will. Normale Präparate aus Internetshops enthalten bereits 450 Mikrogramm, über Versandapotheken können Pillen mit 800 Mikrogramm bis zu fünf Milligramm bezogen werden. Selbst die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), orientiert sich jetzt neu. Mittlerweile habe sich „in Sachen Folsäure so viel Neues ergeben, dass man vermutlich umdenken muss“, sagt Professor Peter Stehle, ehemaliger Präsident der DGE. Vorher gehörte die Vereinigung eher zu den Folsäure-Befürwortern.

DR. WATSONs Fazit: Die vorgegebenen Nährwertempfehlungen lassen sich über ganz normales Essen erfüllen. Wer also ausreichend Gemüse, Obst, Nüsse Vollkornprodukte und tierische Produkte wie Milch, Käse, Eier und Fleisch zu sich nimmt, braucht die künstlich angereicherten “Gesundheitslebensmittel” nicht, umgeht die vielen unerwünschten Risiken und tut außerdem noch etwas Gutes für seinen Geldbeutel.

Mehr erfahren Sie im Lexikon der Gesundheitsstoffe auf www.food-detektiv.de

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