Verlagsgruppe Droemer Knaur



Das langsame Ende einer großen Mission

30.03.2012

Heidi Rehn über den preußischen Städtekrieg und seine Folgen für das Ordensland

Immer wieder ist es das nahende Ende einer Ära, der langsam in Gang kommende Auflösungsprozess kurz vor Anbruch einer neuen Zeit, in der sich das Aufregendste in der Geschichte ereignet. Diese Beobachtung hat mich dazu bewogen, in meinem neuen Roman "Gold und Stein" die Ereignisse im preußischen Ordensland Mitte des 15. Jahrhunderts als historischen Hintergrund für die Geschichte meiner jungen Romanheldin Agnes zu wählen: Nach mehr als zweihundert Jahren hatte die Herrschaft des Deutschen Ordens ihren Zenit überschritten.

Doch nicht allein die Kreuzherren, auch so manch etablierter Bürger verkannte die Zeichen der Zeit, die immer klarer auf das Ende der alten Ordnung und den Beginn von etwas völlig Neuem hinwiesen. Agnes ist ein typisches Kind jener Zeit. Die Geschicke ihrer Familie wie auch ihre Liebe zu einem jungen, aufstrebenden Baumeister sind eng mit dem Geschehen im Preußen der Jahre 1453-1466 verbunden. In Agnes´ Familie treffen beide Seiten – alt und neu - exemplarisch aufeinander. Wird es ihr gelingen, eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft zu schlagen?

Unter dem schwarzen Kreuz

Die Ritter des Deutschen Ordens, signifikant in weiße Mäntel mit schwarzem Kreuz gewandet, waren im frühen 13. Jahrhundert im Auftrag des Papstes und des Kaisers aufgebrochen, das unbekannte Land im Nordosten Europas von den Pruzzen zu erobern, seine spärlichen Bewohner zu christianisieren und an den strategisch wichtigen Punkten unter dem Schutz trutziger roter Backsteinburgen neue Städte zu gründen. Verständlicherweise stieß dieses Vorgehen auf das Misstrauen der unmittelbaren Nachbarn. Mit dem Königreich Polen und dem Großherzogtum Litauen, seit 1386 in Personalunion vereinigt, entbrannten immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen um einzelne Gebiete an der West- und Ostgrenze des Ordenslandes. Ihren Höhepunkt fanden die Streitigkeiten in der berühmten Schlacht bei Tannenberg im Jahr 1410. Für den Deutschen Orden unter Hochmeister Ulrich von Jungingen endete sie mit einer schweren Niederlage gegen die gemeinsamen Truppen des polnischen Königs Władysław II. Jagiłło und des litauischen Großfürsten Vytautas. Die Auswirkungen jener schicksalsträchtigen Schlacht prägten das Geschehen im Ordensland während des gesamten 15. Jahrhunderts und läuteten letztlich den Niedergang der Ordensherrschaft in Preußen ein.

Selbstbewusstes Aufbegehren

Der Dreizehnjährige Krieg (1453-1466), auch Preußischer Städtekrieg genannt, dessen kämpferische Anfangsjahre das Geschehen in Gold und Stein prägen, stellt eine direkte Folgeerscheinung der Niederlage der Kreuzherren bei Tannenberg dar. Trotz der mehrjährigen Dauer handelte es sich allerdings weniger um einen großen, von entscheidenden Schlachten geprägten Konflikt als vielmehr um eine über viele Jahre schwelende Auseinandersetzung zwischen dem Deutschen Orden und den aufstrebenden preußischen Kaufmannsstädten.

Auslöser waren letztlich die gewaltigen Steuererhöhungen, mit denen Hochmeister Heinrich von Plauen der Ältere die Zahlungen des Ordenslandes an Polen und Litauen aufbringen wollte. Zu diesen Kontributionen war er nach der Schlacht von Tannenberg im „Ersten Vertrag von Thorn“ 1410 verpflichtet worden. Die Stände und Hansestädte aber wollten nicht so einfach höhere Abgaben zahlen. Als Gegenleistung verlangten sie mehr Mitspracherecht bei allen Fragen, die das Ordensland betrafen, und vor allem Entscheidungsfreiheit in ihren eigenen Belangen wie etwa bei der Wahl der Bürgermeister, Räte, Richter und Schöffen in den Städten. Bislang beanspruchte nämlich noch der Orden die letzte Entscheidungsbefugnis bei der Besetzung dieser Ämter für sich.

Da diese Forderungen einen erheblichen Einschnitt in die Machtbefugnis des Ordens bedeutete, durfte ihre Ablehnung durch den Hochmeister kaum verwundern. Doch die Stände und Städte waren nicht mehr bereit, das widerspruchslos hinzunehmen. Im März 1440 fanden sich in Marienwerder 53 preußische Adelige sowie 19 Städte zusammen, darunter neben den drei Städten Königsbergs (Altstadt, Löbenicht, Kneiphof) auch Wehlau, Danzig, Elbing, Kulm und Thorn, um die ständischen und städtischen Privilegien, Freiheiten und Rechte notfalls gegen den Willen des Ordens mit Gewalt durchzusetzen. Während sich Hochmeister Konrad von Erlichshausen (1441-1449) um einen maßvollen Umgang mit dem Bund bemühte, lehnte sein Neffe und Nachfolger, Ludwig von Erlichshausen (1450-1467), das kategorisch ab. So überzeugte er Kaiser Friedrich III. letztlich davon, den Bund im Dezember 1453 für unrechtmäßig zu erklären und seine sofortige Auflösung zu verfügen. Davon aber ließen sich wiederum die Bündischen nicht einschüchtern. Unter Berufung auf ihr Widerstandsrecht kündigten sie am 4. Februar 1454 dem Orden den Gehorsam auf und stellten sich unter den Schutz des polnischen Königs Kasimir IV. Am 22. Februar 1454 folgte die offizielle Kriegserklärung, verbunden mit ersten kriegerischen Ausfällen gegen die Ordensburgen. Davon völlig überrascht leisteten die Kreuzherren kaum nennenswerten Widerstand. Binnen weniger Tage gelangten die meisten Burgen in die Hände der Aufständischen. Die Ordensritter wurden festgesetzt, in die Flucht geschlagen oder traten freiwillig zum Bund über. Schon Anfang März legte eine Inkorporationsurkunde die künftige Struktur des Ordenslandes unter der Lehensherrschaft des polnischen Königs fest.

Kein Frieden in Sicht

Doch es war zu früh, sich über den Sieg zu freuen. So leicht gab sich der Deutsche Orden nicht geschlagen. Die Marienburg sowie einige kleinere Städte und Burgen befanden sich weiterhin in seiner Hand, ebenso blieb die Ordensherrschaft in Livland von den Ereignissen weitgehend unberührt. Nach dem Anwerben von Söldnern vor allem aus Böhmen kam es im September 1454 zur Schlacht bei Konitz, der einzigen größeren Auseinandersetzung des Krieges. Dort erlitten die polnischen Truppen unter Kasimir IV. und die Bündischen eine herbe Niederlage. In der Folge wurde die Belagerung der Marienburg aufgegeben, und ein Teil der Städte wie z.B. die drei Königsberger Städte unterwarfen sich wieder den Kreuzherren unter der Führung von Heinrich Reuß von Plauen.

Beiden Seiten fehlten dann jedoch die Mittel, weitere kriegsentscheidende Schläge gegen den Feind zu führen und die teuren böhmischen Söldner angemessen zu entlohnen. Daraus erwuchsen neue Schwierigkeiten, wie auch die fiktive Romanhandlung in Gold und Stein anschaulich schildert. Ebenso wenig aber sahen sich beide Kriegsparteien in der Lage, eine friedliche Lösung am Verhandlungstisch zu finden. So schleppten sich die Auseinandersetzungen noch über Jahre hin. Letztlich musste der Orden die an die Söldner verpfändete Marienburg 1457 kampflos aufgeben und verlor 1460 auch die Stadt Marienburg an Polen. Neuer Sitz des Hochmeisters wurde Königsberg, während das westliche Preußen mit den aufstrebenden Handelsstädten Danzig und Elbing dem polnischen König zufiel.

Erst am 19. Oktober 1466 führten die langwierigen Friedensverhandlungen endlich zum Erfolg. Der „Zweite Vertrag von Thorn“ unterstellte den reichen preußischen Westen mit Städten wie Danzig und Elbing sowie dem Bistum Ermland der polnischen Krone, während der ärmere Osten mit den Bistümern Pomesanien und Samland beim Orden verblieb. Zudem musste der Hochmeister dem polnischen König einen Treueid schwören und künftig Heeresfolge leisten. Die Teilung in West- und Ostpreußen wirkte sich bis ins 20. Jahrhundert hinein aus.

Die Autorin

Heidi Rehn

Portrait von  Heidi Rehn

Heidi Rehn, Jahrgang 1966, wuchs im Mittelrheintal auf und kam zum Studium der Germanistik und Geschichte nach München. Seit vielen Jahren widmet sie sich hauptberuflich dem Schreiben.

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