Verlagsgruppe Droemer Knaur



Heidi Rehn über ihre Faszination für eine besondere Stadt!

10.05.2012

Königsberg - eine Stadt aus drei Städten voller Geschichte(n)!

Einig in der Uneinigkeit

Königsberg im Mittelalter
Königsberg in (Ost-)Preußen – diese Stadt übt eine ganz eigene Faszination auf mich aus. Dabei besitze ich nur Wurzeln „zweiter Hand“ dorthin, angeheiratet über meine Schwieger-Großmutter, die in Elbing geboren wurde und in Königsberg aufwuchs. Ihre Erzählungen über die wundervolle Weite der Landschaft, den ganz besonderen Geruch der nahen Ostsee und die vielschichtigen Wolkengebirge am preußisch-blauen Himmel haben mich auf Anhieb in Bann gezogen. Bis heute lasse ich mich bei Besuchen nur zu gern von der ganz eigenen Atmosphäre der Gegend und dem besonderen Witz ihrer Bewohner verzaubern. Gerade auch die überaus wechselvolle Geschichte der Stadt und jener Gegend zwischen samländischer Küste, Frischem Haff und Kurischer Nehrung haben es mir angetan. Davon erzählen insbesondere meine Romane „Gold und Stein“ sowie „Bernsteinerbe“, der abschließende Band meiner Trilogie um „Die Wundärztin“ Magdalena und ihre Tochter Carlotta.

Drei Städte um eine Burg
Königsberg als einheitliche Stadt existiert offiziell allerdings erst ab 1724. Bis dahin sind es eigentlich drei Städte, die unter Königsberg zu verstehen sind: Altstadt, Löbenicht und Kneiphof. Diese drei Städte konnten unterschiedlicher nicht sein, weshalb es oft zu heftiger Konkurrenz, Rivalitäten, ja bisweilen sogar zu offenen Kämpfen zwischen den Bürgerschaften gekommen ist. Das hängt vor allem mit der Entstehungsgeschichte der jeweiligen drei Städte zusammen, die letztlich die Struktur der Bevölkerungszusammensetzung und damit auch das Verhältnis der Städte untereinander über Jahrhunderte geprägt hat. Das Einzige aber, worin sich die Bürger der unterschiedlichen Städte nahezu immer einig waren, ist der Widerstand gegen jedwede Befehlsgewalt von außen, seien es anfangs die Kreuzherren oder später die preußischen Kurfürsten. Stets beharrten die Königsberger auf einer Sonderstellung und damit auch auf Sonderrechten. Das scheint sich bei den Kaliningradern heute nahtlos fortzusetzen, die wiederum selbstbewusst auf einer Sonderstellung innerhalb der Russischen Föderation beharren und sich viel lieber als Teil Westeuropas denn als Exklave Russlands sehen.

Die älteste der Königsberger Städte ist die Altstadt. Sie geht auf eine erste Siedlung rund um die vom Deutschen Orden auf prussischen Resten gegründete Ordensburg zurück und erhielt 1286 das Stadtrecht. Da Lübecker Kaufleute schon vor der Ankunft der Kreuzherren die Stelle kurz vor Mündung des Pregels ins Frische Haff als Handelsort nutzten, siedelten sich in der Altstadt zunächst überwiegend Kaufleute an. Wenige Jahre später errichteten östlich davon weitere Zuwanderer ihre Behausungen. Bei ihnen handelte es sich vor allem um Weber und andere Handwerker, was für viele Jahrhunderte den wesentlichen Unterschied zur kaufmännisch geprägten Bevölkerung der Altstadt ausmachte. Schon im Jahr 1300 erhob man diese Siedlung ebenfalls zur Stadt und gab ihr den Namen Löbenicht, der auf das prussische Dorf Lipnick zurückgeht. Die dritte und damit jüngste der Königsberger Städte ist der Kneiphof, malerisch gelegen auf der Insel zwischen den beiden Pregelarmen und aufgrund des beschränkten Platzes von Anbeginn an vor allem Wohnort für Kaufleute und Verwaltungsleute sowie – dank des Domkapitels – für Gelehrte. Anlass für die Inselbesiedelung war das Ansinnen des Domkapitels, jenseits der Ordensburg Königsberg eine eigene Kathedralkirche zu erbauen. 1327 erhielt die Siedlung die Handfeste, wodurch sie eine eigene Stadt wurde, und der Bau des trutzigen Doms wurde in einem gewaltigen Kraftakt binnen fünfzig Jahren vollendet.

Gerade der Dombau gewährt Einblick in den besonderen Charakter der Kneiphofer Bürgerschaft: Nach dem Muster von Frauenburg und Marienwerder wollte der damalige Bischof eine wehrfähige Kirchenburg errichten, um sich unabhängig von den Kreuzherren gegen Angreifer verteidigen zu können. Das aber stieß auf heftigen Widerstand der Deutschordensleute, die darin nicht von ungefähr eine Gefährdung ihrer Machtstellung gleich vor den eigenen Mauern witterten und daraufhin den Bürgern beim Bau genauer auf die Finger sahen. Bis heute ist an der Ostwand des Hauptschiffs der vorgesehene Wehrgang mit seinen Schießscharten zu sehen.

Selbstbewusste Bürgerschaften
Ebenso schnell, wie der Dombau vollendet wurde, erhielten die drei Königsberger Städte im Verlauf des 14. Jahrhunderts auch jeweils eine feste Ummauerung zum Schutz gegen äußere Feinde. Sowohl im von Handwerkern geprägten Löbenicht als auch in den Handelsstädten Altstadt und Kneiphof war ausreichend Geld für eine solch kostspielige Anlage vorhanden. Ebenso wichen die ursprünglich einfach gehaltenen Behausungen mehr und mehr teureren Steinhäusern und die innere Stadtgestaltung nahm prächtige Züge an. Nach wie vor allerdings galten die Altstadt und der Kneiphof eher als Wohnorte der Kaufleute, Gelehrten und Verwaltungsleute, während im Löbenicht zunehmend die Mälzer und Brauer an Einfluss gewannen.

Weitere An- und Umbauten vergrößerten im Verlauf der nächsten Jahrzehnte die Ordensburg Königsberg, so dass sie Anfang des 15. Jahrhunderts als zweitstärkster Konvent nach der Marienburg galt und Sitz eines Komturs wurde. Dennoch ließen sich die Königsberger Städte nicht von den Kreuzherren einschüchtern. Als sich 1440 in Marienwerder 53 Adelige sowie 19 Städte zum Preußischen Bund zusammenschlossen, der sich vor allem gegen die stetig steigenden Zahlungen an den Deutschen Orden wendete, fanden sich darunter Altstadt, Löbenicht und Kneiphof einträchtig nebeneinander als Gründungsmitglieder. Im Verlauf des Dreizehnjährigen Krieges fielen zwar Altstadt und Löbenicht relativ schnell wieder von diesem Bündnis ab, während sich der Kneiphof erst nach einer wochenlangen Belagerung im Jahr 1455 der Übermacht der Kreuzherren beugte, dennoch handelten sie besondere Bedingungen aus, bevor sie die Kreuzherren zurück auf ihre Burg ließen (Diese Ereignisse bilden den historischen Hintergrund des ersten Teils meiner Königsbergsaga mit dem Titel „Gold und Stein“). Nach der Aufgabe der Marienburg 1457 wurde Königsberg alleiniger Sitz der Hochmeister des Deutschen Ordens, was auch der weiteren Entwicklung der drei Städte am Fuß der Festung sehr zugute kam.

Großen Nutzen zogen die Städte ebenso daraus, dass unter dem letzten Hochmeister der Kreuzherren und zugleich erstem weltlichen Herzog in Preußen, Albrecht von Brandenburg-Ansbach (1490-1568), die Ordensburg in ein Residenzschloss umgebaut wurde (Diese Epoche bildet den Hintergrund für die 2013 erscheinende Fortsetzung der Königsbergsaga). Da Albrecht zudem ein großer Freund der Wissenschaften war, gründete er 1544 die erste Universität, die Albertina, die auf dem Kneiphof ihr Domizil fand. Als großer Verehrer Luthers und dank seiner guten Beziehungen nach Wittenberg berief er bald schon führende Köpfe der Reformation an die Albertina. Auch im weiteren Verlauf der Jahrhunderte blieb sie ihrem besonderen Ruf treu und erwarb sich nicht nur dank Immanuel Kant weit über Preußens Grenzen hinaus großes Ansehen.

Ein letztes Aufbäumen
So rasch es im säkularisierten Preußen in sämtlichen Bereichen – Wirtschaft, Kultur, Bildung und Wissenschaften – aufwärts ging, eins blieb weiterhin bestehen: die Rivalität der drei Städte untereinander. Als Sitz der Albertina wurde der Kneiphof immer stärker zur Stadt der Gelehrten und Künstler. Als im Jahr 1623 außerdem die Börse gleich neben der Grünen Brücke entstand, stärkte das auch den Stand der Kaufleute in dieser Stadt. Die direkt am Fuß des Schlossberges gelegene Altstadt dagegen bot weiterhin neben Kaufleuten vor allem Beamten und Hofbediensteten Zuflucht, während der Löbenicht sich immer stärker durch seine (Mälz-)Brauer und selbstbewussten Handwerksmeister auszeichnete. Die verschieden stark ausgeprägten Schichten spiegelten sich auch in der Zusammensetzung der jeweiligen Räte wider, weshalb sich die Altstadt und der Kneiphof oftmals dem Löbenicht überlegen fühlten. Der Kneiphof aber erhob sich auch gern noch über die Altstadt, war er doch Sitz der hehren Künste und Wissenschaften.

All diesem Konkurrenzdenken zum Trotz zeigten sich die Städte im Verlauf des 17. Jahrhunderts noch einmal ganz besonders einig: Als Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688), der „Große Kurfürst“, zusätzliche Steuern verlangte, um sein stehendes Heer auszubauen, stieß dieses Ansinnen auf den geeinten Widerstand der drei Städte. Natürlich ging es bei diesem Streit weniger um die neue Steuer als darum, dass Friedrich Wilhelm seine Machtposition im Sinn des Absolutismus ausbauen und langfristig die Sonderrechte der Altstadt, des Kneiphofs und des Löbenichts abschaffen wollte. Unter der Führung des Kneiphofer Schöppenmeisters Hieronymus Roth kam es im Sommer 1662 zum offenen Aufbegehren (In „Bernsteinerbe“ spielen diese historischen Ereignisse eine ganz besondere Rolle). Friedrich Wilhelms Statthalter, Fürst Radziwil, schlug dann jedoch einen Keil in die Bürgerschaften und bewegte erst die Altstädter, dann die Löbenichter zum Einlenken. Nur die Kneiphofer blieben abermals standhaft, bis die kurfürstlichen Truppen in die Stadt einmarschierten und Roth verhafteten. Nach zähen Verhandlungen huldigten die Bürger aller drei Städte im Oktober 1663 schließlich doch untertänigst dem Großen Kurfürsten. Friedrich Wilhelm besiegelte damit nicht nur seinen eigenen, absolutistischen Machtanspruch, sondern legte ebenso den Grundstein für die Amtszeit seines Sohnes, Friedrich III., der sich 1701 als Friedrich I. in Königsberg eigenhändig zum ersten König in Preußen krönte. Das aufstrebende Berlin verhinderte jedoch die weitere Karriere von Königsberg. Zwar blieb es bis ins 19. Jahrhundert hinein Krönungsstadt der preußischen Könige, verlor aber als Regierungssitz seine Bedeutung an Berlin.

Die Autorin

Heidi Rehn

Portrait von  Heidi Rehn

Heidi Rehn, Jahrgang 1966, wuchs im Mittelrheintal auf und kam zum Studium der Germanistik und Geschichte nach München. Seit vielen Jahren widmet sie sich hauptberuflich dem Schreiben.

zur Autorin

Das Buch

Bernsteinerbe

Friedrich Ani – Süden

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