Verlagsgruppe Droemer Knaur



Was ist eigentlich ein Regio-Autor?

24.05.2012

Judith Merchant schreibt übers Schreiben!

Was ist eigentlich ein Regio-Autor? oder: Von Heinrich Heine, Nixen und Tankerunglücken

Ob ich eigentlich eine Regio-Autorin sei, werde ich immer wieder von Lesern und Journalisten gefragt. Ich seufze dann, denn ich weiß es selber nicht. Nicht von mir und nicht von anderen.

Was ich weiß: Die Gegend, in der ich lebe – das Rheinland – ist meine mit Sicherheit wichtigste Inspirationsquelle. Ich schreibe über meine Region. Ganz bestimmt. Regional schreiben – das bedeutet für mich aber nicht: Wie weit ist es zur nächsten Kirchturmspitze und wie heißt die Straße, die von der Post zum Bäcker führt. Sondern vor allem: Ein intensives Leben mit den Sagen, Geschichten und Gedichten, die um meine Lieblingsorte kreisen.

Wie Heines Loreleygedicht. Zum Beispiel. Ein wunderschönes Gedicht! Schön ist auch die Sage dahinter: von einer Nixe, die an der gefährlichen Rheinenge lauert, ihr goldenes Haar kämmt und die Schiffer, die ihrem wundersamen Gesang lauschen, so betört, dass sie erst in Verwirrung und dann in die tödlichen Felsenriffe stürzen.

Eine schöne Geschichte, möchte man seufzen. Wobei viele Geschichten ja eines Tages wahr werden. So dachte ich zumindest im Januar vergangenen Jahres, als ich von dem Unglück am Loreleyfelsen las. Ein Säuretanker zerschellte an genau den gefährlichen Klippen, von denen Heines Gedicht handelt. Zwei Besatzungsmitglieder verschwanden scheinbar spurlos im Rhein, giftige Schwefelsäure lief aus. „Warum haben die nicht besser aufgepasst?“, fragte mein fünfjähriger Sohn unbeeindruckt. „Weiß doch jeder, dass die Loreley gefährlich ist. Wegen dem ganzen Kämmen und so.“ Den Unterschied zwischen Fels und Nixe machte er gar nicht erst. Und ich überlegte, wie oft es im Leben geschieht, dass man an etwas zerschellt, von dem man vorher weiß, dass es gefährlich ist.

Klippen im Leben vorsichtig umschiffen ist erste Pflicht - sonst gibt es Tote!

Das war eine der ersten Gedanken in dem Notizbuch, in dem ich meine Ideen sammle. Die Suche nach den vermissten Besatzungsmitgliedern und die Bergung des Schiffswracks dauerte lange, und die Flut der Berichte riss nicht ab. Während dieser Zeit lud für sich für mich die Loreley noch einmal neu auf und die Zeitungsartikel und Radiobeiträge sickerten in Heines Loreleygedicht, mischten sich und trafen dann irgendwo auf meinen Kommissar Jan Seidel und seine Großmutter Edith Herzberger - die beiden warteten sowieso gerade auf einen neuen Fall. Ich fing an zu schreiben.

Jetzt ist der Roman fertig. Ich habe kein Tankerunglück daraus gemacht. Es geht nicht um Gift. Es geht nicht um Schiffe. Es geht noch nicht einmal um St. Goarshausen. Aber es geht trotzdem ein wenig um die Loreley. Und meine Region. Und eine Leiche. Und darum, dass man manche Klippen im Leben sehr, sehr vorsichtig umschiffen muss. Denn sonst gibt es Tote.

Die Autorin

Judith Merchant

Portrait von  Judith Merchant

Judith Merchant studierte Literaturwissenschaft und unterrichtet heute Creative Writing an der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Für ihre Kurzgeschichten wurde sie zweimal mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet.

zur Autorin

Das Buch

Loreley singt nicht mehr

Friedrich Ani – Süden

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