Verlagsgruppe Droemer Knaur



Interview mit Katherine Scholes

Geboren in Tansania, gezogen nach Tasmanien - dazwischen hat Katherine Scholes viel von der Welt gesehen!

Beschreiben Sie sich mit drei Worten!
Freundlich. Neugierig. Romantisch.
Wenn Sie Frühstück, Mittag- und Abendessen an drei unterschiedlichen Orten auf der Welt einnehmen könnten – wohin würden Sie reisen?
Zum Frühstück ins New Africa Hotel in Dar es Salaam (wo der alte Mann Klavier spielt, und es auf der Speisekarte tansanische Samosas gibt). Zum Mittagessen gäbe es ein Picknick mit Bergblick und Oliven, Salami, Käse, gutem Brot und Wein. Und zum Abendessen auf jeden Fall einen Ausflug nach Indien – zum Beispiel Udaipur, mit Blick über den See. Aber erst nach einem Abstecher zum „Sundowner“ trinken, Gin Tonic oder ein Margarita, irgendwo in den Tropen.
Was müsste ein perfekter Tag für Sie enthalten?
Schwimmen im Ozean, mit dem Hund spazieren gehen, ein gutes Buch lesen, mit Freunden quatschen – und die Nachricht erhalten, dass mein Verlag mein neuestes Manuskript liebt!
Welche Berufe wären für Sie eine Alternative zur Schriftstellerei gewesen? Wollten Sie schon immer Autorin werden?
Inzwischen schreibe ich hauptberuflich, aber früher war ich Produzentin von TV Dokumentationen. Ich vermisse das Abenteuer Filmemachen, und die Zeit mit dem Team, aber ich entschädige mich dafür mit Recherchereisen für meine Romane (die sehr viel weniger stressig sind). Ich wusste bis Anfang zwanzig noch nicht, dass ich Autorin werden wollte. Ich hatte zwar als Kind schon immer Tagebuch, Gedichte und Geschichten geschrieben, aber ich hatte vor, wie meine Mutter eine Künstlerlaufbahn einzuschlagen. Dann heiratete ich einen Filmemacher, und all unsere Freunde schienen Drehbücher zu schreiben. Da, dachte ich, könnte ich ja genauso gut mitmachen. Und erst dann realisierte ich, dass Schreiben das ist, was ich am besten tue.
Wie kommen Sie auf die Ideen für Ihre Romane?
Ich fange mit einem Ort an, der mich interessiert – einem Ort, zu dem ich eine starke Verbindung fühle. Ich verbringe Zeit dort, sauge die Atmosphäre auf, schreibe viele Notizen, mache Bilder, spreche mit Leuten usw. Wenn ich dann nach Hause zurückkehre, verbringe ich mehrere Monate damit, Informationen über den Ort zu sammeln – zeitgenössische und geschichtliche. Ich nehme alles Unerwartete oder Extreme zur Kenntnis. Langsam bilden sich Ideen heraus – Charaktere, Ereignisse, Themen. Ich fühle mich dann wie eine Detektivin, die versucht, ein Rätsel zu lösen. Was wird das für ein Roman? Was sind das für Charaktere, und warum tauchen sie in dieser Geschichte auf? Es ist eine stressige Phase: Ich habe immer Angst, ich werde es nie herausfinden! Für „Das Herz einer Löwin“ bin ich nach Tansania gereist, mit meinen Eltern und meinem Bruder. Es war meine erste Reise dorthin, seit ich das Land als Kind verlassen hatte. Wir fuhren in ein Gebiet hoch im Norden, tief im Land der Massai. Als ich den aktiven Vulkan sah, der als Ol Doinyo Lengai (der Berg Gottes) bekannt ist, wusste ich, ich habe „den Ort“ für meinen neuen Roman gefunden.
Wie autobiographisch sind Ihre Romane(zum Beispiel wenn Sie über das Missionarsleben schreiben, oder darüber, wie es sich als weißes Kind in einem Land mit mehrheitlich schwarzer Bevölkerung lebt)?
Es ist mir normalerweise nicht von Beginn an klar, aber während sich die Ideen für ein Buch in mir entwickeln, fällt mir auf, dass ich ein Thema oder eine Ungereimtheit aus meiner Vergangenheit oder meinem jetzigen Leben aufgreife. Meine Afrikanische Kindheit ist zentraler Bestandteil meiner Persönlichkeit, und „Das Herz einer Löwin“ ist bereits mein dritter Roman, der in Tansania spielt. In jedem dieser Afrika-Bücher gibt es autobiographische Elemente aber im Roman ist alles extremer und dramatischer. Das Thema medizinische Forschung in „Das Herz einer Löwin“ wurde durch die Arbeit meines Vaters als Arzt in Afrika inspiriert. Und merkwürdigerweise hat sich mein Interesse an Löwen aus der Erfahrung heraus entwickelt, einen kleinen Welpen in die Familie aufzunehmen. Ich war fasziniert von seinem frühen instinktgesteuerten Verhalten und davon, wie er uns alle als Mitglieder seines Rudels betrachtete.
Haben Sie noch Familie in Tansania? Fühlen Sie sich dort heimisch, und sind Sie noch oft zu Besuch?
Wir haben keine Verwandten in Tansania, aber jede Menge adoptierte Familienmitglieder! Insbesondere die Familien zwei tansanischer Männer, mit denen mein Vater in den Fünfzigern zusammenarbeitete, heißen uns immer als Teil ihres Stammes willkommen. Ich war in den letzten fünf Jahren zwei Mal zurück in unserem Dorf, das war wunderbar. Das letzte Mal hatte ich meinen 16-jährigen Sohn dabei und es war großartig zu sehen, wie sich die Verbindung unserer Familie mit Land und Leuten in die nächste Generation fortgesetzt hat.
Haben Tasmanien und Tansania noch mehr gemeinsam, außer 90% ihres Namens?
Es ist schon lustig, dass ich in Tasmanien gelandet bin und in Tansania geboren wurde – viele Leute denken nämlich, das sei ein und dasselbe. In vielen Dingen könnten die Länder kaum unterschiedlicher sein. Der Teil von Tansania, in dem ich geboren wurde, ist weit weg vom Meer, flach und staubig. Tasmanien ist eine ziemlich kleine Insel mit vielen Bergen, und ich lebe direkt an der Küste. Und doch fühlen sich beide Orte nach Zuhause an. Was sie gemeinsam haben ist die starke Präsenz der Landschaft im alltäglichen Leben.
Da Sie auf der anderen Seite der Erde leben: was vermissen Sie am meisten an Tansania?
Ich vermisse die einladende Art der Menschen, die Geräusche von Gesang und Trommeln, die bunten Vögel. Ich vermisse auch das Gefühl von Spiritualität als Kern eines Lebens, das nicht von der Zeit, sondern von Beziehungen bestimmt wird.
Mögen die Leute in Tansania Ihre Bücher?
Die meisten unserer Freunde im Dorf lesen keine Bücher, und schon gar nicht auf Englisch, also habe ich keine Exemplare meiner Romane mit hingenommen. Ich habe generell nicht viele Rückmeldungen von tansanischen Lesern bekommen, da meine Romane dort nicht erhältlich sind. (Ich hoffe, das bald zu ändern.) Allerdings werden sie viel in Missions- und Fürsorge-Kreisen gelesen. Ein abgelegenes Krankenhaus verlangt von ausländischen Freiwilligen, dass sie „Die Regenkönigin“ lesen bevor sie kommen, um ihnen zu helfen, das Leben in Afrika zu verstehen.
Was ist Ihrer Meinung nach die Anziehungskraft für Leser überall? Was macht Afrika zu so einem Fantasieort?
Afrika bietet uns etwas Wildes, Exotisches und Extremes, das in starkem Kontrast zur Ordnung und Vorhersagbarkeit unseres modernen, städtischen Lebens in Europa oder Australien steht. Es gibt da dieses Gefühl, dass der Alltag getränkt ist mit Spiritualität, und nicht von Logik und Rationalität eingeengt wird. Wenn wir nach Afrika fahren (entweder in echt, oder durch einen Buchcharakter) fühlen wir uns als Teil dieser anderen Welt. Diese Erfahrung hilft uns, unser eigenes Leben mit neuen Augen zu sehen.
Haben Sie einen Lieblingsschriftsteller? Wenn ja: Wen und warum?
Es ist zu schwer, einen auszuwählen. Es gibt einige alte Favoriten wie Scott Fitzgerald („Zärtlich ist die Nacht“), Somerset Maugham („Der bunte Schleier“), Paul Bowles („Himmel über der Wüste“). Ich lese immer Anita Shreves Romane gleich nach dem Erscheinen. Generell will ich eine starke Verbindung zum Schauplatz eines Buches spüren, und mich mit den Charakteren eng verbunden fühlen. Aber ab und zu, zur Abwechslung, verschlinge ich auch einen Chick-Lit-Roman, in dem nichts von zu großer Bedeutung ist.
Welches Buch würden Sie jedem empfehlen?
„Shantaram” – es hat meinen Blick auf Indien unumkehrbar verändert …
Welche Person aus einem Roman, einem Film oder dem öffentlichen Leben würden Sie gerne treffen? Und was würden Sie zu ihr sagen?
Karen Blixen aus „Nirgendwo in Afrika“. Ich würde sehr gerne eine Nacht bei ihr auf ihrer Kaffeeplantage verbringen. Wenn ich mich mutig genug fühlen würde, würde ich ihr eventuell vorschlagen, sie solle sich einen unterstützenderen Liebhaber suchen …
Bei welchem historischen Ereignis wären Sie gerne dabei gewesen?
Beim Fall der Berliner Mauer.
Falls Sie die berühmten drei Wünsche frei hätten – was wären sie?
Ich wäre gerne einer dieser wohlhabenden Menschen, die ihre Zeit damit verbringen, ihr Geld an wertvolle Projekte abzugeben. Außerdem wäre ich gerne in der Lage, weiterhin regelmäßig zu reisen, um neue Orte zu sehen und zu alten Favoriten zurückzukehren. Mein dritter Wunsch wäre, dass wann immer ich nach Hause käme, stets all meine Familie und Freunde vor Ort wären, um mich zu begrüßen.
Haben Sie eine Lebensphilosophie, und wenn ja, welche?
Vor Jahren habe ich gehört, wie der Dalai Lama Menschen riet, gut, freundlich und glücklich zu sein. Das scheint mir erstrebenswert. Ich versuche außerdem, im Moment zu leben, und mich nicht zu sehr auf die Zukunft oder die Vergangenheit zu konzentrieren.
Gibt es schon Pläne für ein neues Projekt?
Mein nächster Roman spielt wieder in Tansania – 1948, als die Briten mitten im Busch eine neue Stadt gebaut haben. Sie sollte Menschen beherbergen, die an einem riesigen Landwirtschaftsprojekt beteiligt waren. Das Vorhaben sollte helfen, die Welt zu ernähren, doch es ist spektakulär gescheitert, und die Siedlung Londoni wurde nach nur fünf Jahren aufgegeben. Als ich letztes Jahr dort war konnte man noch die Überreste des Schwimmbads und ein paar der Gebäude sehen. Meine Protagonistin, Kitty, ist die (fiktive) Frau eines der Verantwortungsträger des Projektes. Sie fliegt von England aus nach Londoni, um bei ihm zu sein. Die beiden hoffen, so ihrer Vergangenheit zu entfliehen, sie haben Träume und Pläne. Aber das hier ist Afrika, und man kann sich Nichts sicher sein.

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