Verlagsgruppe Droemer Knaur



Heimspiel

10.09.2012
Irgendwann im Frühling, vor vielen, vielen Jahren, bin ich ein letztes Mal in meine Schule gegangen und habe gesagt: „Ich komme nie mehr wieder.“

Meine Mitschüler haben mit ihren Lateinbüchern, Grammatikheften und Algebrablöcken vor meiner Nase herumgewedelt und gesagt: „Hey, Lilly, du musst doch erst noch dein Abitur machen! Dazu sind wir hier! Und wir haben es fast geschafft!“

Aber ich hätte lieber jeden einzelnen Pflasterstein in Berlin mit meiner krakeligen Handschrift versehen, als jemals wieder eine Klausur zu schreiben oder mich über ein Zeugnis zu definieren, auf dem steht, dass ich immer noch leicht gestört sei und es leider nicht zustande gebracht hätte, wieder zurück zu meiner ehemaligen Verfassungsbereitschaft zu finden.

Ja. Fassungslosigkeit macht sich breit.

Wenn man aus der vorgefertigten Fassung fällt.

Und anfängt seltsame Sätze zu verfassen.

„Du kannst jetzt nicht einfach gehen“, hat ein Lehrer zu mir gesagt.

„Du solltest bleiben“, hat eine Lehrerin kopfschüttelnd hinzugefügt.

„Du bist gar nicht mehr hier“, hat Ana geflüstert - so laut, dass sie alles andere übertönt hat.

Also habe ich auf das Abitur verzichtet.

Und auf die Abschlusszahlen.

Meiner unberechenbaren Zeit.

Irgendwann im Winter, vor wenigen, wenigen Stunden, bin ich zum ersten Mal nach Jahren in meine ehemalige Schule gegangen und habe festgestellt, dass sie unwesentlich kleiner geworden ist und zeitgleich wesentlich größer. Komischerweise sind einige der alten Lehrer jünger geworden, und einige von den Neuen wussten sogar, wie man eine SMS schreibt und satzinduktive Konversationen ohne eingeschobenes Akkusativobjekt oder die intransitive Offensichtlichkeit der Intervention führt.

Aber vielleicht lag es auch an mir.

Vielleicht bin ich ein paar Zentimeter gewachsen.

Vielleicht hat mein Gehirn ein paar neue Synapsen verknüpft.

Oder vielleicht waren es einfach nur meine Worte, die einen Raum gefunden haben, um weiter zu klingen, als ich denken kann, und um tiefer zu fallen, als der überschattete Asphaltboden, auf dem ich herumstolpere, wann immer ich verschwinde.

Ja. Es war schön, wieder an diesem Ort zu sein.
Meine erste Lesung an einer Schule - ein Heimspiel.

Also vielen Dank an alle Schüler und Lehrer, die mir zugehört haben ... ihr habt mich von dem blauen Außenseiter-Alien zurück in einen Menschen verwandelt und mir den wertvollsten Schulabschluss aller Zeiten geschenkt.

Eure Lilly

Die Autorin

Lilly Lindner

Portrait von  Lilly Lindner

Lilly Lindner wurde 1985 in Berlin geboren. Bereits mit fünfzehn begann sie autobiographische Texte und Romane zu schreiben.

zur Autorin

Das Buch

Bevor ich falle

Friedrich Ani – Süden

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