Verlagsgruppe Droemer Knaur



Interview mit Renate Ahrens

"Für mich beginnt eine Geschichte immer mit einer Figur"

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Frau Ahrens, Sie sind in Ihrem Leben viel gereist und haben in vielen unterschiedlichen Ländern gelebt. Wie kam es dazu und was reizt Sie am Pendeln zwischen Ländern, Sprachen und Kulturen?

Renate Ahrens: Andere Kulturen, andere Sprachen, andere Wertesysteme kennenzulernen, bedeutet, aus der bekannten, vertrauten Umgebung hinauszutreten und sich anderen Einflüssen auszusetzen. Dadurch verändert sich der Blick; es öffnen sich Fenster zu neuen Welten. Ich bin ein neugieriger Mensch; es reizt mich, diese Welten zu entdecken. Manches an Problemen relativiert sich, manches an Gewohntem weiß ich besser zu schätzen, weil ich es im Ausland vermisse. Es ist ein Spannungsverhältnis, das mir manchmal viel abverlangt, aber ich möchte es nicht missen.

Heute leben Sie abwechselnd in Dublin und Hamburg. Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Ahrens: Ich bin in beiden Städten zu Hause. Als mein Mann und ich 1986 nach Irland auswanderten, konnte ich mir nicht vorstellen, eines Tages auch in Deutschland wieder einen Wohnsitz zu haben. Aber dann bekam ich irgendwann Sehnsucht nach der deutschen Sprache ... Es ist ein großes Glück für mich, in beiden Ländern leben zu können.

Haben Sie eine Lieblingsstadt, einen Lieblingsort?

Ahrens: Rom ist seit fast vierzig Jahren meine Lieblingsstadt. Warum - das habe ich erst begriffen, als mein Mann und ich dort ein Jahr gelebt haben. Es geht bei dieser Vorliebe nicht um Sehenswürdigkeiten, Rom hat auch sehr hässliche Ecken und ist eine chaotische, anstrengende Stadt. Was mich berührt, ist die Tatsache, dass Vergangenheit und Gegenwart sich im Stadtbild auf ungeordnete, ungeschönte Weise mischen, wie ich es so extrem sonst nirgendwo erlebt habe. Die Überreste verschiedener Epochen liegen offen nebeneinander und wirken an vielen Stellen wie Wunden oder Narben. Für mich gibt es hier einen Bezug zur menschlichen Psyche, in der sich ständig gegenwärtiges Erleben mit Erinnerung mischt. Rom ist so etwas wie meine innere Stadt.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen? Beruf oder Berufung?

Ahrens: Als Jugendliche habe ich Tagebuch geführt und später festgestellt, dass sich in diese Tagebuchaufzeichnungen auch Geschichten mischten, die ich so nicht erlebt, sondern mir ausgedacht hatte. Als junge Erwachsene habe ich Gedichte und Kurzprosa geschrieben, aber nicht mit der Vorstellung, diese Texte jemals zu veröffentlichen oder gar aus dem Schreiben einen Beruf zu machen. Mein Studium der englischen und französischen Literatur hatte zunächst zur Folge, dass ich gar nicht mehr geschrieben habe. Mir fehlte angesichts der hochliterarischen Texte, die ich zu analysieren hatte, der Mut, etwas Eigenes zu Papier zu bringen. Aber meinen Traum vom Schreiben gab ich nicht auf, auch nicht in den Jahren, in denen ich als Lehrerin gearbeitet habe. Die Übersiedlung nach Dublin war ein wichtiger Einschnitt in meinem Leben. Ich wusste, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um zu prüfen, inwieweit sich der Traum realisieren lässt. Ich habe viel ausprobiert: Hörspiele, Prosa, Lyrik, Texte fürs Theater und irgendwann eine erste Geschichte für Kinder. Es folgten Beiträge für den Kinderfunk und Drehbücher fürs Kinderfernsehen. Nach drei, vier Jahren merkte ich, wie sehr ich mich danach sehnte, mehr Raum für die Charakterisierung meiner Figuren zu haben. Ich wollte einen längeren Erzählbogen entwickeln, als dies in kurzen Geschichten oder Drehbüchern möglich ist. Und so begann ich, über mein erstes Kinderbuch (Katzenleiter Nr. 3) und meinen ersten Roman (Der Wintergarten) nachzudenken.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus? Haben Sie bestimmte Rituale, die Sie beim Schreiben einhalten?

Ahrens: Ich sitze in der Regel morgens ab 9.30 Uhr an meinem Schreibtisch, beantworte Mails und beginne gegen 10 Uhr mit der Arbeit an meinem aktuellen Romanprojekt. Zunächst lese und überarbeite ich, was ich am Tag zuvor geschrieben habe. Dann denke ich über die nächsten Szenen nach, mache mir Notizen in meinem Szenenplan und fange an zu schreiben. Ab 14 Uhr gibt es eine längere Pause, in der ich lese, walke, Rad fahre, am Meer spazieren gehe oder Freunde treffe. Von 16.30 Uhr bis etwa 20 Uhr schreibe ich wieder; dies ist meine produktivste Zeit. Danach kochen mein Mann und ich zusammen. Später telefoniere ich, beantworte Mails, sehe Nachrichten, lese, höre Musik.

Und wie sieht ein typischer Tag in Ihrem Leben aus, wenn Sie nicht schreiben?

Ahrens: An solchen Tagen sind mein Mann und ich meistens erst einmal mit der Bewältigung des Alltags beschäftigt. Wenn das hinter uns liegt, lese ich, walke oder wandere mit meinem Mann. Wir laden Freunde zum Essen ein oder gehen ins Kino, Theater, Konzert.

Was lesen Sie selbst gern? Haben Sie Lieblingsautoren oder Vorbilder?

Ahrens: Ich lese gern Romane, in denen verschiedene Zeitebenen miteinander verwoben werden und sich die Geschichte einer Figur nach und nach wie ein Mosaik erschließt. Uwe Johnsons Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl ist für mich ein herausragendes Werk. - In den Romanen der beiden kanadischen Autoren Margaret Atwood und Michael Ondaatje gelingt die Verflechtung von Gegenwärtigem und Vergangenem ebenfalls sehr gut. - Vorbilder bezüglich der Themen Identität und Familie sind amerikanische Erzähler wie Jonathan Franzen und Richard Ford, die in ihren Geschichten komplexe Psychogramme von Familien entwickeln.

In Ihren beiden Romanen Fremde Schwestern und Ferne Tochter stammen die Protagonistinnen aus zerrütteten Familien und haben traumatische Erfahrungen hinter sich. Ist Ihnen das Thema Familie ein besonderes Anliegen?

Ahrens: Meine Romane erzählen von Menschen, deren Leben aus den Fugen gerät. Sie sehen sich plötzlich mit einer Grunderfahrung menschlicher Existenz konfrontiert, auf die sie nicht vorbereitet waren, sei es der Tod, die Liebe oder die Übernahme von Verantwortung für ein Kind. Was passiert, wenn eine alte Ordnung endet und sich eine neue etabliert, deren Regeln man nicht kennt? Mich interessiert die Schnittstelle, an der meine Protagonisten zurück- und vorausblicken und Lebensentwürfe einander gegenüberstehen. Wenn sie sich fragen, wer sie sind, fragen sie immer auch, woher sie kommen und wie sie werden konnten, was sie sind. Die Frage nach der Identität ist somit unmittelbar an die Frage nach der eigenen Familie geknüpft. Welche Beziehungsmuster haben sie erlernt? Wie offen, wie verlogen, wie verschwiegen ist die Familie, aus der sie stammen? Am Ende steht die Frage, ob sie scheitern oder sich behaupten in ihrer veränderten Welt.

Tragen Ihre Romane autobiografische Züge?

Ahrens: In jedem Buch steckt ein Stück von mir.

Ihre Romane erzählen berührende Lebensgeschichten mit viel Gefühl und Tiefgang, die den Leser bewegen und zum Nachdenken anregen. Woher kommt Ihre Fähigkeit, zwischenmenschliche Beziehungen so eindringlich und eindrucksvoll zu beschreiben?

Ahrens: Bei jedem neuen Roman versuche ich, zunächst meine Hauptfigur kennenzulernen, mich in ihr Leben hineinzuschreiben, um herauszufinden, wie sie sich verhält, wie sie denkt, wie sie fühlt, wie sie spricht. Für mich beginnt eine Geschichte immer mit einer Figur und nicht mit der Handlung. Es sind die Gefühle, die Gedanken, die Hoffnungen, die Träume und die Ängste einer Figur, die mich zu einer Geschichte führen.

Können Sie uns etwas über Ihr nächstes Buchprojekt verraten? Woran arbeiten Sie gerade?

Ahrens: In meinem nächsten Roman geht es um eine Vater-Tochter-Beziehung. Auch hier gibt es wieder einen Blick in die Vergangenheit, die die Protagonistin einholt und verändert.

 

Die Fragen stellte Alexandra Plath für www.droemer-knaur.de

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