Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Katherine Boo im Interview

Einleitung

Ein Gespräch zwischen der Autorin Katherine Boo und ihrer Lektorin Kate Medina

Seit zwei Jahrzehnten schreiben Sie - u.a. für den New Yorker - über die Chancengleichheit und Auswege, in Amerika der Armut zu entfliehen. Was hat Sie dazu bewegt, die gleichen Fragen in Indien zu stellen?

Mein Mann kommt aus Indien und seitdem wir uns 2001 kennengelernt haben, beobachte ich, wie sich sein Land im Zuge des Wirtschaftsbooms wandelt. Einige Veränderungen sind unübersehbar, wie die luxuriösen Eigentumswohnungen in Wolkenkratzern, die einen tollen Ausblick auf andere himmelhohen Luxuswohnungen bieten. Aber ich konnte nicht recht erkennen, ob sich auch in den Armenvierteln etwas verändert hat. Generell finde ich, dass über Armut, Aufstiegschancen und globale Entwicklung zu viel theoretisiert und zu wenig berichtet wird. Und ich habe den Eindruck sowohl in Indien wie in den USA, dass einige der Experten, die über die Lebensbedingungen der einkommensschwachen Bevölkerung schreiben, selbst wenig Zeit mit diesen Menschen verbracht haben.

Was hat Sie dazu veranlasst, den Fokus auf Mumbai zu legen?

Zum einen habe ich in der Stadt die meiste Zeit verbracht. Zum anderen empfand ich das in Filmen und Büchern transportierte Bild Mumbais als recht einseitig. In Anbetracht der zahlreichen opulenten Schilderungen von wilden Festen, größenwahnsinnigen Gangstern und gefühlvollen Prostituierten fehlte mir ein Stück Alltagswahrheit. Ich wollte mehr wissen über das häusliche Leben von Frauen und Mädchen, über improvisierte Erwerbstätigkeiten in einer Zeitarbeiterstadt, über Bildungsmöglichkeiten für Arme – und andere Themen dieser Art. Offiziell wird gesagt, dass das Wirtschaftswachstum den Benachteiligten noch nie dagewesene Möglichkeiten eröffne. Aber ich sehnte mich nach einem tieferen Verständnis darüber, wie diese Chancen vor Ort wirklich von den Menschen erfahren und umgesetzt wurden. Im Laufe der Jahre konnte ich nur noch seufzen, wenn ich Beschreibungen der angeblich gewürzgeschwängerten Luft Mumbais las – vom Duft nach Kardamom und Safran, der über der ganzen Stadt schweben soll. Sicher, warum eigentlich nicht? Aber für mich ist der charakteristische Geruch von Mumbai der gleiche wie in vielen anderen Entwicklungsstädten: Es ist der Geruch nach Schweiß – von Menschen, die darum kämpfen, eine Nische in der globalen Wirtschaft zu finden. Natürlich werden die Sinne eines Schriftstellers vor allem von dem Ungewöhnlichen, dem Abnormalen angezogen. Aber legt man das Hauptaugenmerk auf das Exotische, kann man leicht das Gesamtbild aus den Augen verlieren.

Apropos ungewöhnlich: Sie sind in Annawadi aufgefallen wie ein bunter Hund. Wie haben Sie das Vertrauen der Menschen gewinnen und eine Nähe zu ihnen aufbauen können, die es Ihnen erlaubte, sie mit solch inniger Vertrautheit und Präzision zu beschreiben?

Vertraue niemals einer Person, die dir erzählt, warum andere Menschen ihr vertrauen! Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie die Annawadier mich hinter meinem Rücken taxiert haben. Ich war einfach nur erleichtert, dass wir uns nach einiger Zeit aneinander gewöhnt haben. Viele Leute waren bereit, meine Anwesenheit zu dulden, solange ich sie nicht behinderte, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber am Anfang war ich natürlich eine zu große Attraktion, als dass ich meine Aufzeichnungen auf das von mir bevorzugte unauffällige Beobachten und Zuhören hätte beschränken können. Wenn ich durch die Slums am Flughafen ging, folgten mir Menschentrauben, einige von ihnen schienen besorgt und riefen "Hyatt! Intercontinental!" Sie dachten, ich hätte mich auf dem Weg vom internationalen Flughafen zu einem der Luxushotels verlaufen.

Wann spürten Sie, dass die Aufmerksamkeit nachließ und Sie mit Ihren Aufzeichnungen unbeobachtet beginnen konnten? Gab es einen bestimmten Moment, ab dem die Menschen sich in Ihrer Anwesenheit wohl fühlten?

Ich wusste, dass meine Anwesenheit nichts Besonderes mehr war, als Jungs aus Annawadi sich eines Nachts darüber lustig machten, dass ein paar Kinder aus anderen Slums ganz aufgeregt waren, weil sie mich in Abduls Lagerraum sitzen sahen. Die Jungs aus Annawadi waren bereits so daran gewohnt, einen Journalisten um sich zu haben, der alles was sie sagten, aufnahm und aufschrieb, dass sie sich nicht länger vorstellen konnten, warum das für andere Kinder eine Attraktion war.

Was hat Sie an den Geschichten, die Sie in Ihr Buch aufgenommen haben, besonders berührt? Nach welchen Kriterien haben Sie eine Auswahl getroffen? Und wie haben Sie die Menschen ausgesucht, über die Sie schreiben?

Am Anfang eines Projekts beobachte ich so viele Menschen wie nur möglich – ich folge ihnen überall hin, ich tue, was sie tun, egal ob sie stehlen, in einem Kindergarten unterrichten oder einen Haushalt führen. Je größer der Pool an Menschen, die ich kennenlerne, desto besser lerne ich, zwischen ungewöhnlichen und allgemeinen Erfahrungen zu unterscheiden. Als Autor bin ich nicht auf der Suche nach den großartigsten Geschichten oder den ehrenhaftesten und talentiertesten Menschen. Vielmehr suche ich nach Geschichten, die über eine gewisse Resonanz verfügen - Geschichten, die die Struktur einer Gesellschaft offen legen. Am Anfang ist es schwierig vorherzusagen, welche individuellen Erlebnisse Monate oder Jahre später diese Strukturen ans Licht bringen werden. Als ich beispielsweise begann, mich mit Abdul herumzutreiben, ahnte ich nicht, dass mich seine Geschichte zu Fragen der Kriminalität oder Gerechtigkeit führen würde. Ich war einfach fasziniert, dass die Auswüchse dieser Stadt und die steigende globale Nachfrage für verwertbare Reststoffe dazu beitrugen, diese stigmatisierte Arbeit profitabel zu machen. Das hatte ich nicht gewusst; darüber hatte ich nichts gelesen. Außerdem beeindruckten mich Abduls Wachsamkeit und seine Schweigsamkeit. Nicht nur in meiner Arbeit als Reporter muss ich feststellen, dass das Kennenlernen von Menschen, deren Bekanntschaft sich wirklich auszahlt, meist ein hartes Stück Arbeit ist.

Wollten die Annawadier auch etwas über Sie wissen?

Ihre Neugier richtete sich in erster Linie auf meinen indischen Mann. Bevor sie ihn kennenlernten, tuschelten sie darüber, dass er mich nicht lieben könne, da er mir erlaubte, mich nachts alleine in einem Slum herumzutreiben.

Hat Ihre Anwesenheit jemals Einfluss auf die Geschehnisse genommen, die Sie beschreiben? Oder die Menschen, über die Sie berichten?

Die Anwesenheit eines Reporters übt immer einen gewissen Einfluss aus. Mein Bemühen, die Menschen aus Annawadi besser zu verstehen, führte bei einigen wahrscheinlich zu vermehrter Selbstbeobachtung. Jedoch ist es schwierig, genau zu sagen, welche Ereignisse durch meine Anwesenheit beeinflusst wurden. Es gibt ja keine Kontrollgruppe.

Sie haben tausende offizielle Dokumente genutzt, um Ihre aufgenommenen und schriftlichen Notizen zu ergänzen. Welchen Einfluss hatten diese Dokumente auf Ihre Schilderungen?

Zum einen haben mir diese Unterlagen natürlich dabei geholfen, bestimmte Ereignisse zu beschreiben, zum anderen haben sie meine Arbeit aber auch generell unterstützt. Nachdem ich beispielsweise herausgefunden hatte, dass es bei mehreren Todesfällen von Armen aus Annawadi zu falschen Angaben der Todesursache gekommen war, begann ich, umfassender nachzuforschen. Ich verglich die Todesfälle, die ich in verschiedenen Slums dokumentieren konnte, mit den offiziellen Aufzeichnungen, welche ich durch das indische Gesetz Indian Right to Information Act einsehen konnte. Dem Leser wird dies bei der Lektüre ebenso wenig auffallen wie meine allgemeine Recherchebesessenheit, doch dank der Aktenarbeit konnte ich bestimmte Passagen des Buches mit größerer Überzeugungskraft schreiben.

Gibt es Ton- oder Videoaufnahmen, auf die Sie während des Schreibens immer wieder zurückgegriffen haben?

Einige Aufnahmen, die ich häufig hervorgeholt habe, stammen aus einer Nacht kurz nach den Terroranschlägen in Mumbai, als Abdul unerwartet darüber zu reden begann, welche Art von Leben zählt. Der Junge, an den Abdul seinen leidenschaftlichen Vortrag richtet, interessiert sich nicht im Geringsten dafür und um ihn herum tobt die gewöhnliche nächtliche Geräuschkulisse von Annawadi – Streitereien zwischen bekifften Dieben, das Schluchzen einer Frau, die gerade versucht hat, sich aufzuhängen, die Orgelmusik einer tamilischen Seifenoper und viele zähe Verhandlungen über Müll, dessen Preis gefallen war. In dieses Umfeld platzte Abdul überraschend mit seiner Rede hinein. Aber ich glaube, das Umfeld bringt solche Erkenntnisse hervor und verleiht ihnen besondere Sprengkraft.

In Ihrem Buch gibt es ein bemerkenswertes Nebeneinander von Momenten der Hoffnung und Erkenntnis sowie Momenten der Verzweiflung. Welcher Moment war besonders schmerzhaft mitzuerleben?

Viele Momente – Momente des Verlustes und der Hoffnung. Wenn ich mit Freunden über meine Erlebnisse in Annawadi spreche, die mir besonders nachgehen, fragen sie manchmal: "Warum hast du darüber nichts geschrieben?" Aber ich hatte mir fest vorgenommen, dieses Buch nicht zu einer Ansammlung der schlimmsten und schmerzlichsten Erlebnisse, die je in Annawadi geschehen sind, zu machen. Ein solches Buch wäre Annawadi und seinem Alltagsleben nicht gerecht geworden. Das Leben in Annawadi ist viel mehr; es dreht sich auch um das Ringewerfen auf Fahnenstangen, die Plauderstunden der jungen Mädchen auf öffentlichen Toiletten und Eltern, die ihre Kinder umsorgen und sich an ihnen erfreuen. Und es gibt Sunil und Sonu, "der Zwinkerer", die sich mit unbändiger Fantasie dem Müllsammeln widmeten und ihren Platz in der Welt suchten. Sunil und Sonu haben ein sehr hartes Leben, aber wenn der Leser nach der Lektüre nur den Eindruck hat, es handle sich eben um sozioökonomisch bemitleidenswerte Typen, habe ich als Schriftstellerin versagt. Die beiden sind coole, interessante Kinder und ich möchte, dass der Leser das auch so empfindet. Wir können so viel wir möchten darüber reden, wie Korruption und Gleichgültigkeit die Aufstiegsmöglichkeiten von Menschen verhindern, aber solange wir uns nicht wirklich von der Intelligenz der Unterdrückten überzeugen, werden wir nicht begreifen, welches Potential uns verloren geht.

Gab es Momente während Ihrer Zeit in Annawadi, in denen Sie sich besonders einsam und verlassen fühlten? Wurden Sie jemals bedroht?

Sicherlich. Zum Beispiel bei der grausamen Räumung, die ich im 16. Kapitel beschreibe. Aber in Annawadi habe ich mich niemals so gefürchtet wie auf dem Polizeirevier in Sahar. Auch wenn meine Erlebnisse auf dem Revier eher einer Spazierfahrt glichen im Vergleich zu den Erfahrungen einiger Annawadier, musste ich an der eigenen Haut erfahren, wie es sich anfühlt, zum Schweigen gebracht zu werden und der Gnade von Beamten ausgeliefert zu sein, deren private Interessen in großer Diskrepanz zu ihren öffentlichen stehen. Lehrreiche Erfahrungen, auf die ich aber gerne verzichtet hätte.

Über diese "lehrreichen Erfahrungen" schreiben Sie nicht in Ihrem Buch. Warum?

Als Leser fällt mir häufig auf, dass der Ich-Charakter schnell zum Hauptcharakter mutiert – dass der Autor nicht wirklich der Versuchung widerstehen kann, sich beim Leser einzuschmeicheln. Und das, so glaube ich, mindert die Fähigkeit des Lesers, sich auf andere Charaktere einzulassen, die weitaus interessanter sind als der Autor und deren Leben komplett anders ist. Das heißt aber nicht, dass Erzählungen ohne Ich-Person der Inbegriff von Allwissenheit und Objektivität sind. Es erübrigt sich wohl zu erwähnen, dass der Journalismus kein makelloser Spiegel der Wirklichkeit ist, dass das erzählende Sachbuch ein selektives Genre ist und dass ich beim Verfassen dieses Buches ethisch keinen archimedischen Punkt eingenommen habe. Meine Auswahl zeigt sich auf jeder Seite und ich freue mich darauf, mit Lesern zu diskutieren, ob meine Entscheidungen gerechtfertigt sind. Ich habe mich bereits vor langer Zeit dazu entschieden, nicht zu jenem Typus Sachbuchautor gehören zu wollen, der ständig nur über sich selbst redet. Nachdem man die letzten Seiten von Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben gelesen hat, möchte ich nicht, dass man daran denkt, wie ich neben Abdul in diesem kleinen Müllwagen sitze. Vielmehr möchte ich, dass man an Abdul denkt.

Repräsentieren Abdul, Manju, Sunil, Asha und die anderen Personen, über die Sie schreiben, das arme Indien oder andere einkommensschwache Menschen in der Welt?

Jahrelang habe ich nach "dem" perfekten Repräsentanten gesucht und doch immer wieder nur Individuen getroffen. Aber jeden Tag entdecke ich Verbindungen und Gemeinsamkeiten zwischen den Individuen - Eigenschaften, die geographische, kulturelle oder religiöse Eigenheiten sowie Klassen- und Kastenunterschiede überschreiten. Ich entdecke auch viel von mir selbst in den Menschen, über die ich schreibe, egal ob es Fatimas Wut ist, dass ihr Leben durch einen körperlichen Makel bestimmt wird oder Ashas Rationalisierung oder Abduls Angst, alles zu verlieren, die weitaus größer ist als seine Angst, nicht das zu bekommen, was er will. Es ist mir ein großes Anliegen, diese Individuen in ihrer Komplexität darzustellen – sie nicht zu Repräsentanten der armen Bevölkerung zu machen –, so dass die Leser gefühlsmäßig einen anderen Zugang zu ihnen finden, eine Verbindung, die Mitleid weit übersteigt. Es könnte passieren, dass man sich bei der Lektüre plötzlich die Frage stellt: Was würde ich unter diesen Umständen tun, wäre ich Asha, Sunil oder Meena? Das frage ich mich jedenfalls immer wieder selber.

Hoffen Sie, dass die Leser dieses Gefühl der Verbundenheit und des Mitempfindens während der Lektüre entwickeln?

Ich freue mich immer riesig, wenn Leser diese Verbindungen spüren und in die Zwangslagen der Menschen, über die ich schreibe, mit hineingezogen werden. Denn in Zeiten von hohen Sicherheitsmauern und -schranken passiert es leicht, dass man diese Menschen überhaupt nicht wahrnimmt. Aber neben den Geschichten interessieren mich auch die Strukturen und wenn ich an meinen Reportagen arbeite, stelle ich mir manchmal selber ein Reihe von Fragen, die von dem Philosophen John Rawls inspiriert sind: Wie würde ich eine Gesellschaft aufbauen, wenn ich nicht wüsste, wo ich in der Hierarchie eingeordnet werde – wenn ich nicht wüsste, ob ich wohlhabend und mächtig oder arm und schutzlos bin? Was für ein System würde ich wählen, das gerecht ist? Ich wäre begeistert, wenn einige Leser von Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben dazu kämen, sich ähnliche Fragen zu stellen. Letztendlich bin ich allerdings kein Utopist. Die meisten Leute, über die ich schreibe, haben überhaupt keine Zeit, darüber nachzudenken, wie sie eine ideale Gesellschaft gestalten würden. Sie versuchen einfach nur zu überleben und in einer offenkundig ungerechten Gesellschaft vorwärts zu kommen. Auch wenn wir nicht alle Zeit der Welt haben, um perfekte Zustände zu schaffen, so können wir doch schrittweise bedeutende Verbesserungen erzielen. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist aber, dass wir klar erkennen, wo die Fehler und das Unrecht liegen.

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