Verlagsgruppe Droemer Knaur



Michel Ruge und "sein" St. Pauli

Der "Bordsteinkönig" über seine Kindheit auf dem Kiez

Das hier ist ein Autorentext. Obacht!
Autorentext. Was soll das eigentlich? Gibt doch 'ne Leseprobe. Na gut.
Thema? St.Pauli und die Kinder!
Ich bin nämlich dort aufgewachsen. Inmitten von Bordellen, Hafen und romantischen Straßengeschichten.

Schön war‘s!

Ich liebe Frauen, hab ich das schon erwähnt? Das war schon damals so.

Als kleiner Butsche, deswegen bin ich jede freie Minute raus auf die Straße und hab den Mädels zugeschaut beim Seilspringen und Kastenspringen. Kastenspringen? Mir fällt  kein anderer Name mehr ein, die Mädels malten mit Kreide Kästchen auf den Boden und hüpften dann darin rum.

Und jetzt? Kein Kästchen-  oder Seilspringen mehr auf St. Pauli. Aber auch eigentlich nirgendwo sonst.

Ist Ihnen das mal aufgefallen? Die Kinder spielen gar nicht mehr auf der Straße. Ich kenne auch gar keine Kinder in meinem Haus oder in meiner Nachbarschaft. Wie auch? Man sieht sie ja nicht mehr. Heutzutage sieht man sie nur noch auf Spielplätzen. 30 Kinder und 150 Erwachsene, die die Kinder bewachen. Nicht, dass die Kriminalität in dem Verhältnis gewachsen wäre, das ist sie nämlich nicht, aber die Angst, die ist gewachsen.

Also keine Kinder mehr auf der Straße.
Die Väter. Wo sind die hin? Früher haben sie gesoffen und geschrien, sich in die Arme genommen in der Kneipe, wenn das Kind geboren wurde. Heute sitzen sie im Kreissaal neben der Mutter und atmen mit. Und wenn es da ist, das Kind, dann mutieren die Männer zur Übermutter.

Früher hat man sich auf St. Pauli ins Zahnfleisch gelangt, wenn  mal ein falsches Wort gefallen ist. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Meist hat die Frau was Falsches gesagt.

Heute sagen die Männer meist was Falsches und dann gibt‘s von der Frau was an‘n Latz (wie der Hamburger sagt). Mehr seelisch.

Das Zahnfleisch verheilt schneller.

Im Zuge der Gentrifizierung verschwanden die Kinder. Und heute leben Menschen auf dem Kiez, die sich politisch über die Gentrifizierung mokieren, obwohl sie die Speerspitze der Gentrifizierung waren.


Ich war gern ein Straßenkind. Der Wind am Hafen. Die Mädels, die Baustellen, die unentdeckten wilden Plätze, wo wir dachten, die ersten Menschen jemals zu sein, direkt neben einer großen Straße. Wenn ich das schreibe, werde ich ein bisschen wehmütig.

Heute ist alles viel „lieber“. Die Kinder spielen behütet Fernsehen. Fernsehen hat uns früher tagsüber nie interessiert. Oder sie spielen intelligente Spiele am Computer.

Intelligente Spiele ...

Ist es nicht intelligenter zu wissen, wie sich Wasser unter dem Eis anfühlt, wie es schmeckt, wenn‘s direkt aus der Elbe kommt? Wie ich mich in einer realen Gruppe, nicht einer bei Facebook, einfügen kann und nicht zum Mobbingopfer werde, sondern zum Anführer?

Wie ich in den Gesichtern lesen kann und mich verliebe. Heute wird gechattet (mach ich auch). Aber der Geruch der Mädchen, wunder wunderschön und besser als der staubige Elektrogeruch. Ich hatte auch immer  verkrustete Knie. Aber ich habe das Aufstehen gelernt und das Hinfallen.

Heute sitzen die Kinder den ganzen Tag. Ich kippelte auf den Stühlen, sitzen konnte man das nicht nennen. Ein unbelehrbarer Wirrkopf.

Aber mitunter entwachsen aus einem Wirrkopf die unglaublichsten Geschichten.
Diese ist meine.

Küsschen!

Michel  

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