Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Markus Heitz im Interview über sein Schreiben

Kinder des Judas

Lieber Herr Heitz, es ist schon lange bekannt, dass die Vampire Ihre Lieblinge sind – aber was hat Sie dann dazu inspiriert, Romane über sie zu schreiben?

"Ich fand es erstaunlich, dass es schon so viele Bücher über Vampire gab, und damit meine ich weder aktuelle Romane, noch den allgemein bekannten Klassiker von Bram Stoker. Joseph Sheridan Le Fanu, Tolstoi und viele andere „alte“ Autoren haben sich bereits mit Vampiren beschäftigt, und ich fragte mich schlicht: Woher kommt der Glaube an die Existenz dieser Blutsauger?
Je mehr ich nachforschte, je mehr historische Dokumente und Sammlungen ich ausgrub, umso facettenreicher, abwechslungsreicher und vielgestaltiger wurden die Vampire. Und dennoch gelingt es ihnen dabei, mysteriös zu bleiben und mit der Fülle von widersprüchlichen Informationen eine Wolke aus Verwirrung um sich zu erschaffen."

Das klingt fast, als würden Sie an die Existenz von Vampiren glauben ...

"Ich behaupte nicht, dass es Vampire gibt! Aber die Menschen damals glaubten fest daran, weshalb man in Aufzeichnungen aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit immer wieder Vampire findet. Klasse Spezies – wenn es sie echt geben würde."

In den letzten Jahren gibt es immer mehr Romane, in denen der Vampir keine blutgierige Bestie mehr ist, sondern vor allem ein galanter und potenter Verführer. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung – und planen Sie, auch etwas in dieser Art zu schreiben?

"Könnte man eine Rückkehr der Romantisierung nennen, nicht wahr? Eine Verharmlosung der Bestie, des Monstrums, vor dem die Menschen sich lange Zeit lang gefürchtet haben. Obacht! Es sieht ja fast nach einer geschickt eingesetzten Propagandamasche aus, um Vampire als nette, missverstandene Wesen darzustellen, die sich nach der Liebe und der Wärme der Lebenden sehnen. Dazu kann ich nur sagen: Fallt nicht darauf herein! Vampire wollen nur eines, und das ist in den wenigsten Fällen Kuschelsex, sondern Blut. Viel Blut. Menschenblut!"

Haben Sie einen Lieblingsvampirfilm, den Sie empfehlen würden?

"In der Tat finde ich die Dracula-Verfilmung von Coppola gut, aber auch den Klassiker Nosferatu mit Max Schreck, passend dazu auch Shadow of the Vampire. Nicht zu vergessen den ersten Teil von Underworld. Und dann gibt es da noch The Hunger und Interview with the Vampire. Das sollte als abendfüllende Empfehlungen mal genügen."

Wenn Sie überlegen, wie Sie sich vom ersten Roman bis heute entwickelt haben - war da jemals auch der Wunsch, mal über etwas so ganz anderes zu schreiben? Oder ist das Schreiben eines Romans ohne Blut der Alptraum, der Sie mitunter im Schlaf einholt?

"Oh, ich WERDE sicherlich -wenn der Tod mit mir keine anderen Pläne hat- Romane ohne Blut schreiben, und dazu auch noch humoristische! Die stehen fest auf meiner Liste. Es gab da Begebenheiten, die einfach zu lustig waren, um sie nicht zu Papier zu bringen. Und ein klassischer Krimi, das muss eines Tages auch noch sein. Aber ansonsten fühle ich mich in dem düsteren Genre sehr wohl. So viele Möglichkeiten, Rätsel und Wesen, die in Dunkelheit und Licht warten."

Was gibt es eigentlich, vor dem Sie persönlich sich fürchten? Mal abgesehen davon, dass Sie Blut nicht gut sehen können ...

"Free-Jazz, dem ich nicht entkommen kann; irgendwo nackt auf der Straße zu liegen und von Free-Jazz geweckt zu werden; als Free-Jazzer wiedergeboren zu werden.
DAS Schlimmste: die ultimative Idee für einen Roman gehabt zu haben und ihn nicht zu Ende geschrieben bekommen!
Aber ansonsten ist es der Klassiker von Krankheit und Siechtum. Davor hat aber jeder Mensch Angst, denke ich."

"Kinder des Judas", "Judassohn", Ende 2010 dann die "Judastöchter" - erzählen Sie uns etwas über Ihren eigenen Familienclan, Herr Heitz?

"Sie meinen, meine Romane wären autobiographisch? Wow, das wäre doch mal eine Enthüllungsstory, was? Aber nein, meine Familie ist reichlich normal und "un-judashaft". Um so mehr Spaß macht es, sich eine etwas andere Familie auszudenken, bei der die Abstammung problematisch-faszinierend ist. Alle um mich herum sind nett, lieb und kein bisschen bösartig."

Assamtee als Schreibdroge dürfte auch bei diesem Roman zum Einsatz gekommen sein. Was gibt es noch, was Sie beim "Judassohn" zum Schreiben brauchten, welche Musik lief beispielsweise im Hintergrund?

"Ja, der Assam war wieder mit dabei. Von irgendwas müssen die Zähne ja gelb werden, wenn ich schon nicht rauche. Ansonsten laufen verschiedenste Soundtracks, klassische Scheiben und Lieder aus dem Gothic-Bereich, von Elektro bis Mittelalter ... also, ECHTEM Mittelalter oder neu interpretiert, wie Qntal oder Helium Vola."




Woher kommt die Inspiration für die Geschichten in Ihren Büchern?

"Das kann sehr unterschiedlich sein.
Mal reicht es, wenn man in ein Gespräch verwickelt ist und dabei stößt man auf interessante Begebenheiten, und schon macht sich der Autor einen Vermerk im Hinterkopf. Dann ist es der Wunsch, mehr über eine Sache herauszufinden, wie bei den Vampiren. Ich wollte schlicht wissen, woher unser heutiges Vampirbild stammt. Oder ich bin auf Lesereise unterwegs, beobachte irgendetwas oder irgendwen und SCHON ergeben sich Gedanken: Warum ist das passiert? Wieso trägt er diese Brille und was würde wohl in meiner "Welt" dahinterstecken?
Generell: Inspiration lauert überall."

Warum haben Sie ausgerechnet Leipzig als Ort für Ihren neuen Vampirroman "Kinder des Judas" ausgesucht?

";Leipzig habe ich erst richtig durch die Buchmesse kennen gelernt und durch das WGT, das Wave Gothic Treffen. Es gibt sehr schöne Eckchen in der Stadt, und warum sollte ich diese nicht mal zeigen? Mir gefällt Leipzig sehr gut. Wenn es jetzt noch am Meer liegen würde, könnte man glatt hinziehen."

Seit wann interessieren Sie sich für Vampire und Werwölfe? Woher kommt das Faible für dieses Genre?

"Man liest sich als Jugendlicher durch alle Genres, folglich stand da auch mal Grusel und Horror auf dem Programm. Es gefiel mir recht gut, gerade Vampire hatten es mir angetan. Und ich stellte mir die Frage, woher eigentlich das Vampirbild kommt. Unser Vampirbild. Denn seit Bram Stokers Dracula sind die Blutsauger ziemlich in Mode geblieben. Als ich das herausgefunden hatte, wusste ich, dass ich das unbedingt in einen Roman packen muss!"

Gibt es einen Mythos an den Sie glauben?

"Den vom guten Menschen. Irgendwo muss es ihn geben."

Viele Ihrer Fans kommen aus der Gothic Szene. Sind Sie auch gerne mal mit dabei? Was fasziniert Sie so an dieser Szene?

"Ich bin sozusagen ein Halb-Gothic. Das heißt, dass ich vor allem die Musik und die Nachdenklichkeit über Vergänglichkeit aus der Szene sehr gut finde. Ein wenig über das eigene Leben, das Dasein und das Danach nachzudenken, hat noch keinem geschadet. Man findet mich öfter auf Festivals, wie dem MeraLuna und dem WGT, aber auch auf Konzerten von Bands oder in Clubs."

Es gibt ja viele Methoden einen Vampir zu töten. Aber welche Methode ist am wirksamsten?

"Es gibt nur EINE WIRKLICH wirksame, und das ist: zuerst köpfen, danach verbrennen. Alles andere führt nicht zwangsläufig zum Erfolg."

Vampire können ja verschiedene Gestalten und Persönlichkeiten annehmen. Wenn Sie es sich aussuchen könnten, welche Gestalt oder Persönlichkeit würden Sie annehmen wollen? Warum?

"Am besten gefiele mir das Gestaltenwandeln. Einmal als Merkel daherkommen und mal ordentlich den Bundestag in einer Nachtsitzung aufmischen, das wäre lustig! Steuersenkungen beschließen, die Diäten kürzen oder einfach mal alle Wahlversprechen umsetzen. Ach ja, was Vampire so alles machen könnten...."


Herr Heitz, herzlichen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für Sie und Ihre literarische Familie!

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