Verlagsgruppe Droemer Knaur



Ein Gespräch mit Tanja Kinkel über „Venuswurf“

„Mich inspirieren Figuren, die es nicht leicht haben.“

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Liebe Tanja Kinkel, was hat Sie daran gereizt, einen Roman zu schreiben, der im Rom des ersten Jahrzehnts nach Christus angesiedelt ist?

Seit frühester Kindheit beschäftige ich mich mit Geschichte, von den ersten Weltreichen bis ins 20. Jahrhundert, und das spiegelt sich in meinen Romanen wider. Die römische Geschichte war dabei immer mein ganz besonderes Steckenpferd. Hinzu kam mein wieder erwachtes Interesse an Ovid.

So wie Ovid sind auch andere Figuren, denen wir in Venuswurf begegnen, Größen der Weltgeschichte – beispielsweise Kaiser Augustus. Basieren auch die anderen Protagonisten – zum Beispiel die Zwerge Andromeda und Conopas, die Lebedame Terentilla – auf historischen Personen?

Viele von ihnen hat es tatsächlich gegeben. Durch eine Bemerkung in Naturalis historia, der Naturgeschichte des römischen Gelehrten Plinius, ist die Existenz von Andromeda und Conopas verbürgt, auch wenn nicht mehr von ihnen überliefert ist als ihre Größe und ihre Eigentümerin. Auch Arellius, der Maler, wird von Plinius erwähnt, ebenso der Grund, warum er in Ungnade fiel. Ähnlich sieht es mit Terentilla aus; Sueton, dessen Werk für moderne Historiker nach wie vor zu den wichtigsten Quellen über die römische Kaiserzeit gehört, nennt sie als eine der Mätressen von Augustus in jüngeren Jahren. Diese wenigen Daten lassen natürlich viel Raum für einen spannenden Roman. 

Ist das der Grund, warum Sie keine berühmte Persönlichkeit zur Hauptfigur Ihres Venuswurfs gemacht haben?

Über Herrscher wie Caesar, schillernde Figuren wie Nero oder Caligula und berühmte Frauen wie Cleopatra gibt es bereits unzählige Bücher, gute und miserable, erzählt aus ihrer eigenen Perspektive oder aus der Sicht von Zeitgenossen. Es gibt aber nur wenige Romane über die, welche das römische Weltreich und seine Geschichte erst ermöglichten: die Sklaven. Ohne den Erlös aus dem Verkauf ganzer Volksstämme und ihre gnadenlose Ausbeutung in den Mienen, der Landwirtschaft und beim Bau der Straßen und Städte wäre die späte römische Republik nicht denkbar gewesen. 

Ein Grundprinzip, das immer wieder die Suche nach meinen Romanfiguren wesentlich beeinflusst, ist Cherchez la femme: die Suche nach der Frau als treibender Handlungskraft. Starke Frauen, Frauen die nicht durch ihren Körper, sondern mit ihrer Intelligenz Geschichte gemacht und beeinflusst haben, sei es im Kleinen oder Großen, sind dann natürlich meine erste Wahl.

In Venuswurf steht nun eine Figur im Mittelpunkt, die in der damaligen Zeit keinerlei Rechte hatte: Andromeda ist eine Frau und eine Sklavin und noch dazu eine Zwergin. Es ging mir nicht zuletzt darum, zu zeigen, dass jemand, der kämpft, auch bei dieser miserablen Ausgangsposition, nicht untergehen muss – sondern nur der, welcher nicht kämpft.

Gleich zu Beginn des Romans trifft die Zwergin auf Ovid, der ihr den Namen Andromeda gibt. Warum haben Sie dem Dichter eine so wichtige Rolle in Ihrem Roman gegeben?

Ovids Metamorphosen sind die Sagensammlung, die seit ihrem Erscheinen vor fast 2.000 Jahren auf einmalige Weise in die römische Mythologie einführt; bei uns in Deutschland sind vor allem die Nacherzählungen von Gustav Schwab bekannt, die Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden. Als ich vor ein paar Jahren eine englische Variante las, Ted Hughes’ Tales from Ovid, wurde ich wieder daran erinnert und fing an, mich zum ersten Mal seit meiner Schulzeit erneut mit Ovid und seinem Werk zu beschäftigen. Die Amores, also die Liebeskunst, die Heroides, die Briefe aus dem Exil – seine poetische Bandbreite ist großartig. 

Bis heute ist ungeklärt, ob und wie Ovid in den Sturz der Augustus-Enkelin Julia verwickelt war (die ich, um Verwechslungen mit ihrer gleichnamigen Mutter zu vermeiden, in Venuswurf Julilla nenne). Fest steht nur, dass er im Jahre 8 nach Christus von Augustus verbannt wurde und sein Leben am schwarzen Meer beenden musste – ein schmerzliches Paradox für den urbansten und römischsten aller römischen Dichter. Was mag damals wirklich geschehen sein? Genau dieses Geheimnis war die erste Inspiration für meinen Roman. Darum lasse ich Andromeda in Venuswurf mehrere Elemente der Metamorphosen durchleben, und gleichzeitig ist sie es, die bei ihrer ersten Begegnung mit dem Dichter den Grundgedanken für die Metamorphosen in Ovid weckt, für Verwandlungen. Ovids Metamorphosen und seine Liebeskunst ziehen sich daher auch wie ein roter Faden durch den Roman.

In Venuswurf wird immer wieder die Literatur der augusteischen Zeit erwähnt. 

Die augusteische Zeit war sehr fruchtbar für die römische Literatur, aber auch von einem klaren Programm durchzogen: die Größe Roms und des neuen Herrschers sollten in den Mittelpunkt gestellt werden, das immer stärkere nationale Selbstbewusstsein. Kritik wurde, wenn überhaupt, nur sehr, sehr vorsichtig und indirekt geübt, so dass sich die Literaturwissenschaftler noch heute streiten, wie sie nun eigentlich gemeint ist. Damals wurde übrigens auch ein Motto geprägt, dass immer noch wahr ist: aut prodesse volunt, aut delectare poetae – Dichter wollen entweder nützen oder erfreuen. 

Sehen Sie das auch so?

Ich bin kein Entweder/Oder-Mensch bin; ich ziehe Sowohl/Als-auch vor. 

Stärker noch als Ovids Schicksal liefert die Familientragödie des julisch-claudischen Kaiserhauses den Hintergrund für Venuswurf. Was interessiert Sie daran?

Sie verbindet zwei meiner Hauptinteressen – verkorkste Familienbeziehungen und die Auswirkungen von Machtkämpfen auf Individuen. Und im Gegensatz zu – um nur ein Beispiel zu nennen – den Brüdern Agamemnon und Menelaos, die wir aus Homers Ilias kennen, gab es die julisch-claudische Dynastie wirklich. 

In allen meinen Romanen geht es um Macht – und Augustus ist mit seinen unzähligen Denkmälern einer der ersten Herrscher, der die Macht der Bilder gezielt für seine politischen Ziele eingesetzt hat. Heute würde man ihn, in Anlehnung an J.F. Kennedy, den ersten Medienkaiser nennen. Beschäftigt man sich näher mit Augustus, so fällt auf, dass bei vielen seiner Statuen ein kleines Kind zu seinen Füßen abgebildet wurde. Die Historie sagt wenig über dieses Kind – aber viel darüber, dass Augustus das Kind seiner Enkelin im Interesse des Staates umbringen ließ. Ich wollte in Venuswurf schildern, wie es dazu kommen konnte.

Was hat es mit dem Titel Ihres Romans auf sich, Venuswurf?

Der Titel spielt auf den höchsten Wurf an, den man beim römischen Würfelspiel erreichen konnte: den Venuswurf. Sie müssen wissen, dass die Römer begeisterte Würfler waren, Augustus allen voran. Auf den Venuswurf zu hoffen, ist das antike Äquivalent dafür, alles auf eine Karte zu setzen – was in meinem Roman sowohl Andromeda als auch Julilla tun müssen. 

Welche Figur aus Venuswurf ist Ihnen ähnlicher: Andromeda, Julilla – oder Livia, die als „Schicksalsgöttin“ über die Geschicke der Menschen bestimmen kann?

Als Autorin bin ich in gewisser Weise Livia und herrsche über Geburt und Tod der Figuren – aber diese Position kann und will ich nur in einem Buch einnehmen. Die Frage nach möglichen Ähnlichkeiten wird oft gestellt, aber ich muss Sie enttäuschen: In keinem meiner Romane gibt es so etwas wie ein Alter Ego von mir. Figuren faszinieren mich, gerade weil sie sich von mir unterscheiden. 

Aber trotzdem: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, einen Tag im Leben einer Ihrer Figuren zu verbringen – welche wäre es, und warum?

Hm … Dann wäre ich gerne der Buchhändler und Verleger Brutus, und zwar an dem Tag, als Ovid seine Metamorphosen bei ihm abliefert. Brutus ist ein freier Bürger, kein Sklave (ich würde nicht einmal für einen Tag eine Sklavin sein wollen). Er hat eine private Tragödie zu verkraften, den Verlust seiner Tochter, aber insgesamt ein glückliches Leben, das der großen Politik fernbleibt, und doch kennt er einige der faszinierendsten Schriftsteller seiner Zeit und kann mit ihnen über ihre Bücher debattieren. 

Venuswurf bietet ein Füllhorn an Details über die römische Lebensweise sowohl in der Ober- als auch der Unterschicht. Wie lange haben Sie diese Hintergründe recherchiert? 

Meine Recherche für Venuswurf hat begonnen, als ich vor fünfundzwanzig Jahren zum ersten Mal ein Buch über die römische Geschichte gelesen habe – und seitdem habe ich geforscht, wo immer ich den Spuren Roms begegnet bin.

Jeder Leser von historischen Romanen hat natürlich ein Recht darauf, dass Autoren ordentlich recherchieren. Und es sind die Details, auf die es ankommt. Ich finde es wichtig, dass etwa der Weg von Rom nach Baiae – dem St. Tropez der damaligen Zeit – richtig wiedergegeben wird und der Leser erfährt, dass man von der Terrasse eines Hauses dort den Vesuv sehen kann. Sicher kann man mir bei meinen Büchern manchmal Detailverliebtheit vorwerfen. Mir erscheinen diese vielen kleinen Informationen aber sehr wichtig, um die Zeit zu neuem Leben zu erwecken. Dazu gehört eben auch das Wissen, dass damals in Rom nur drei Wochen pro Jahr Gladiatorenkämpfe stattfanden, oder dass der gebräuchlichste germanische Name Thusnelda war. Oder dass unter den Treppen in den Häusern der Subura gewöhnlich der Bottich für die Fäkalien stand. 

Venuswurf hat an vielen Stellen eine regelrecht filmische Qualität – der Leser kann gar nicht anders, als Szenen eines Monumentalfilms vor sich zu sehen. Wie deutlich haben Sie solche „Filmbilder“ vor Augen?

Filmische Techniken sind bei uns Kindern des Filmzeitalters nahezu unvermeidlich. Ich habe aber darauf verzichtet, Altbekanntes noch einmal zu verwenden, auch wenn es natürlich oft verführerisch war. Jeder kennt den Film Ben Hur, also konnte ich ein so wesentliches Element wie die Pferderennen im Circus Maximus nicht mehr schildern. Ich hoffe aber, dass meine Art, dieses Weltwunder zu beschreiben – es ist noch immer die größte Sportstätte, die jemals errichtet wurde –, ebenfalls spannend und informativ ist.

Läuft man als Autor auch Gefahr, sich zu stark von einem anderen Roman beeinflussen zu lassen?

Wenn man an Sklaven und Rom denkt, kommt man unmittelbar zu Spartacus. Meine Beschreibung von Conopas in der Arena musste daher völlig anders sein als das, was Howard Fast 1952 in seinem Roman veröffentlicht hat. Ich bin aber sicher, dass ich mit meiner Darstellung eines Gladiators und seiner Kampfmethoden etwas gefunden habe, was meiner Figur und dem Hintergrund meines Buches gerecht wird. 

Wie konkret sehen Sie die Figuren vor sich – gibt es reale Vorbilder, beispielsweise Schauspieler?

Wenn ich schreibe, habe ich keine konkreten Gesichter vor Augen. Natürlich sind einige Figuren, über die ich in Venuswurf erzähle, bereits mehrfach dargestellt worden – Augustus beispielsweise als junger Octavian von Roddy McDowell in Cleopatra (der Liz-Taylor-Version) und als älterer Herrscher von Brian Blessed in der Fernsehverfilmung von Ich, Claudius. Mein eigenes, inneres Bild von ihm gleicht keinem der beiden Darsteller; wenn überhaupt, dann ähnelt mein Augustus Al Pacino als Michael Corleone in der Paten-Trilogie. 

Allerdings ist es für mich unmöglich, bei Livia nicht an die exzellente Sian Philipps aus Ich, Claudius zu denken; das war, wie Katharine Hepburns Eleonore von Aquitanien in Ein Löwe im Winter, eine Jahrhundertdarstellung, an der man nicht vorbei kommt. 

Ist es also Sian Philipps zu verdanken, dass man in diesem Buch manchmal das Gefühl hat, mehr über Livia zu erfahren als über Augustus?

Nein. Ich folge damit vielmehr einer Aussage aus dem Rom dieser Zeit: Augustus regierte die Welt, Livia den Augustus.

 

Was inspiriert Sie beim Schreiben?

Es sind natürlich zuerst einmal konkrete Fakten und Figuren – Fragmente, um die sich dann bald meine eigene Phantasie rankt. Darüber hinaus gibt es übergreifende Themen – bei meinem Roman Mondlaub war das zum Beispiel die Frage, wie es ist, zwischen der moslemischen und der christlichen Welt zu stehen. Für Unter dem Zwillingstern interessierte es mich, welche verschiedenen Wege man in den Dreißigern und Vierzigern des 20. Jahrhunderts als Deutscher einschlagen konnte. 

In Ihrem Thriller Götterdämmerung stellen Sie die sehr aktuelle Frage, ob sich die Wissenschaft zum Wohl der Menschheit über die Rechte des Menschen hinwegsetzen darf. In Venuswurf beschäftigen Sie sich unter anderem mit der Frage, wie Macht und Machtausübung den Menschen verändert. Warum stellen Sie die Frage diesmal in einem historischen Kontext, nicht in einem weiteren Gegenwartsroman?

Die Geschichte um Macht, wie ich sie in Venuswurf erzähle, hätte abgewandelt auch in der Jetztzeit spielen können. Aber genau, wie ich Götterdämmerung nicht in die Vergangenheit versetzen wollte – etwa, indem ich aus einer modernen Virenkrankheit die Pest mache – wollte ich weder Andromeda, noch Julilla oder Ovid ein modernes Alter Ego verpassen. 

Eine weitere Frage, die Sie in Ihren Romanen immer wieder beschäftigt, ist die Rolle der Frauen. In Venuswurf sagt Julilla: „Eine Frau, die nur so gut sein will wie ein Mann, hat keinen Ehrgeiz“ – glauben Sie, dass dies heute immer noch zutreffend ist? 

Heute noch mehr als damals. Eine Frau musste immer besser sein als ein Mann, um überhaupt eine Chance zu haben. Allerdings möchte ich Frauen auch nicht idealisieren. In Venuswurf fragt Andromeda Myrtis, ob sie kein Mitleid habe. Myrtis antwortet darauf: „Wenn dich zehn Legionäre, die in dein Dorf eingefallen sind, hintereinander vergewaltigen und dann immer noch eine riesige Schlange ansteht, dann wünschst du dir selbst die eigene Schwester an deine Stelle.“ Genau wie Winston Smith in Orwells 1984, der mit dem Satz „Tut es Julia an, nicht mir, tut es Julia an“ zerbricht. Natürlich sprechen wir hier von Romanfiguren. Aber gerade der hohe Druck macht aus Frauen keine besseren Menschen, als Männer es sind – er lässt sie die gleichen Deformationen durchlaufen. 

Das klingt ein wenig realistischer, als man es in einem Roman erwarten würde.

Mir ist es immer wichtig, in meinen historischen Romanen die Situation der Frauen in den jeweiligen Epochen zu zeigen. Wenn ich Venuswurf kurz nach Christi Geburt ansiedele, kann es keine wirklich „freien“ Frauen geben, die über sich und ihren Körper bestimmen. Bedenken Sie: Der überlieferte gängige Preis für eine Frau im Bordell betrug, umgerechnet auf die heutige Kaufkraft, nur fünfzig Cent, was alles über die Stellung der Frau damals sagt. Der Mann hatte in dieser Zeit alle Rechte, und diese wurden in Rom lediglich vom Recht des Vaters noch übertroffen. So wird Andromeda folgerichtig von ihrem Vater selbst in die Sklaverei verkauft, Julia und Julilla werden von Augustus nach seinen Machtinteressen verheiratet, was in Bezug auf ihren Körper kaum Unterschiede ausmachte. Das heißt nicht, dass Frauen nicht trotzdem versucht hätten, je nach gesellschaftlicher Stellung, Einfluss zu nehmen oder sich wenigstens eine sichere Existenz zu schaffen, aber sie taten es eben im Rahmen der Möglichkeiten, die ihnen damals offen standen. Eine Frau in der Antike hatte mehr Hindernisse zu überwinden, als man es sich als moderner Mensch vorstellen kann.

Sie haben mich vorhin gefragt, was mich inspiriert. Nun, lassen Sie mich diese Frage noch einmal aufnehmen: Mich inspirieren Figuren, die es nicht leicht haben. Spannung entsteht auch für den Autor dadurch, dass man seinen Protagonisten möglichst viele Hindernisse in den Weg legt, die es zu überwinden gilt. 

Julilla ist eine sehr ambivalente Frau, sowohl Täterin als auch Opfer. In welcher Rolle sehen Sie sie mehr – und wie sympathisch ist sie Ihnen?

Als Mensch hat sie alles Recht, um ihr Leben und das ihrer Familie zu kämpfen. Der Kampf um die Macht ohne Rücksicht auf Verluste ist für mich nie sympathisch, aber unter den gegebenen Umständen wohl unvermeidlich. Mit der Entscheidung, nicht selbst Opfer sein zu wollen, nimmt Julilla auch in Kauf, andere zu Opfern zu machen, und das macht sie im Grunde zu einer tragischen Gestalt. 

„Manchmal muss man zerstören, um etwas Neues zu schaffen. Manchmal muss man Opfer bringen.“ Nicht nur Julilla ist bereit, für ihre ehrgeizigen Pläne Menschen zu opfern, auch Andromeda muss, um dies zu verhindern, auf die gleiche Art handeln. Ist das Ihrer Meinung nach moralisch vertretbar? 

Mit dieser Argumentation werden und wurden bis heute echte und vorgegebene Befreiungskriege geführt. Ich bin froh, diese Entscheidungen nicht treffen und verantworten zu müssen, aber vermeidbar sind sie wohl nicht.

Ihre Protagonistin Andromeda muss lernen, wie es ist, manipuliert zu werden – und selbst zu manipulieren. Ist Manipulation Ihrer Meinung nach eine Kunst, der man Bewunderung zollen muss – oder nichts anderes als Machtmissbrauch?

Wir sagen heute so oft: Der Klügere gibt nach! Ich glaube nicht daran, sonst würden die Dummen ja immer das Sagen haben. Manipulation ist, wenn sie nicht ausschließlich von Eigennutz geprägt ist, sicher unverzichtbar. 

In Venuswurf fallen vor allen Dingen die Frauenfiguren auf – und zwar nicht nur die Hauptfiguren Andromeda und Julilla, sondern auch Livia, die scharfzüngige Optata, die schillernde Terentilla. Sie verleihen diesen Figuren in ihren wenigen Szenen eine Tiefe und Vielseitigkeit, die fasziniert. Und fast könnte man den Eindruck haben, sie liegen Ihnen mehr am Herzen als die männlichen Nebenfiguren wie beispielsweise Lycus und Aemilius Paulus …

In diesem Roman sind Frauen die Hauptpersonen. Ich habe andere Bücher geschrieben, in denen Männer diese Rollen übernehmen – denken Sie an Die Puppenspieler und Götterdämmerung. Das Schöne beim Romanschreiben ist ja, dass man nicht auf ein bestimmtes Schema festgelegt ist, sondern sich je nach Buch mal auf den einen, und mal auf den anderen Teil der Menschheit konzentrieren kann. 

Wesentlich wichtiger als der Unterschied zwischen Männern und Frauen ist in Venuswurf der zwischen Sklaven und Freien. Welchen geringen Wert Sklaven zu dieser Zeit hatten, beschreibe ich unter anderem damit, dass sie von freien Bürgern nicht als Menschen, sondern nur als Sache zur Kenntnis genommen wurden,  genau wie ein Bild oder Geschirr. So gab es auch kein Schamgefühl ihnen gegenüber. Dadurch waren sie bei einer Anklage gegen ihre Besitzer ideale Zeugen, zumal man sie – anders als freie Bürger –  foltern durfte. Gleichzeitig war gewöhnlich mehr als eine Aussage notwendig, um der Anklage Gewicht zu verleihen: Dies hatte eine Vielzahl von Folterungen und den Tod unendlich vieler Sklaven zur Folge. 

In Venuswurf lernen wir aber auch eine ganz andere Haltung gegenüber der Sklaverei kennen – Andromeda ist zu Beginn geradezu glücklich, in die Unfreiheit verkauft zu werden. 

Weil es für sie eine Chance bedeutet, aus ihrem Dorf herauszukommen, in dem es keine Zukunft für sie gibt. Es war mir wichtig zu zeigen, dass Freiheit etwas Wunderbares ist – dass man sie sich aber auch leisten können muss. Ich sehe darin eine Parallele zur Gegenwart. Auch heute ist es notwendig, die Zusammenhänge zu sehen: Wir können nicht einfach Arbeitssklaven in der Dritten Welt befreien, sondern müssen das System ändern, in dem sie leben. Sie müssen in die Lage versetzt werden, nicht nur frei, sondern auch selbstständig zu sein. Wenn sie wirtschaftlich abhängig bleiben – und sei es auch von Menschen, die ihnen helfen wollen – bleiben sie in der Rolle der Unterdrückten.

Stichwort „Dritte Welt“: Sie haben den Verein Brot und Bücher gegründet – was sind seine Ziele?

Wenn Sie Venuswurf aufmerksam lesen, merken Sie: Ein Überleben in Freiheit ist schon damals ohne Bildung, ohne Lesen und Schreiben kaum möglich gewesen. Das gilt heute immer noch, und darauf konzentriert sich Brot und Bücher: auf die Hilfe zur Selbsthilfe. Wir finanzieren natürlich auch Brunnen, Medizinstationen, Lehrerhonorare und Lebensmittel, aber immer in Verbindung mit Bildung, also beispielsweise in Form von Schulspeisen für „unsere“ Kinder. Einige tausend waren das schon. Wir haben in Indien bisher drei Schulen für je zweihundertfünfzig Kinder und in Tansania eine Schule für fünfhundert Kinder gebaut. Gerade entsteht ein Waisenhaus für Tsunamiopfer in Indien und eine weitere Schule an der Grenze zu Bangladesh. In Deutschland helfen wir in einem Kinderdorf fünfzig vorwiegend traumatisierten Kindern. Auch denen haben wir eine kleine Schule bauen können, und jetzt kümmern wir uns darum, sie in Arbeit und Brot zu bringen. Wer uns unterstützen möchte, kann sich im Internet über Brot und Bücher informieren: www.brotundbuecher.de

In diesem Zusammenhang: Wie wichtig ist Ihnen der Kontakt zu Ihren Lesern? Wie besteht die Möglichkeit, mit Ihnen in Kontakt zu kommen?

Für meine Leser habe ich die Homepage www.tanja-kinkel.de eingerichtet. Dort kann sich jeder mit mir in Verbindung setzen, und wo angebracht, melde ich mich auch, über die Homepage oder direkt bei den Lesern. 

Mit der letzten Frage möchte ich noch einmal zu Andromeda zurückkehren. Beschäftigen Sie sich auch nach dem Schreiben eines Romans weiterhin mit ihren Figuren? Was würden Sie Andromeda nach den Ereignissen, die Sie in Venuswurf beschrieben haben, wünschen?

Ganz lassen mich meine Figuren nie los, aber wenn ich die Geschichte nicht für abgeschlossen hielte, würde ich den Roman nicht an dieser Stelle beenden. Was ich Andromeda wünsche, ist ein langes Leben als Freigelassene, möglichst fern von der kaiserlichen Familie und ihren blutigen Verwicklungen. 

 

Liebe Frau Kinkel: Vielen Dank für dieses Gespräch!

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