Verlagsgruppe Droemer Knaur



Die Welt von Tanja Kinkels "Venuswurf"

Einleitung

Einige Vergleichszahlen zur Größe Roms und des Römischen Reiches

 

Zur Zeitenwende soll es etwa 300 Millionen Menschen auf unserer Erde gegeben haben. Die Schätzungen für die Bevölkerungen des Römischen Reiches im Jahre null liegen bei etwa 50 Millionen; dies entspricht 17 Prozent der damaligen Weltbevölkerung. Zum Vergleich: Die Weltbevölkerung liegt 2005 bei 6.396 Millionen, Europa hat davon mit 700 Millionen Einwohnern einen Anteil von 11 Prozent.

Nördlich der Alpen waren bei Christi Geburt Orte mit mehr als dreitausend Bewohnern nahezu unbekannt. Das so oft besungene Troja hatte wohl kaum mehr als siebentausend Einwohner. Die griechischen Stadtstaaten wie Athen, Korinth und Sparta brachten es zu ihren Blütezeiten jeweils auf weniger als fünfzigtausend Einwohner, Karthago – welches Rom lange trotzte – auf etwa hunderttausend, das mächtige Babylon auf dreihundertfünfzigtausend. Im Vergleich dazu war das Rom, über das Augustus herrschte, ein Gigant: Es gilt – nach Theben in der Pharaonischen Blütezeit – als zweite Stadt der Erde, die über eine Million Einwohner hatte. Ihm kam von der Bevölkerungsgröße nur das ägyptische Alexandria nahe.

Alexander der Große eroberte mit etwa fünfzigtausend Soldaten die damalige bekannte Welt. Augustus hatte nur knapp dreihundert Jahre später bereits ein stehendes Heer von etwa hundertfünfzigtausend römischen Legionären; hinzu kam etwa die gleiche Zahl an Hilfstruppen aus den Provinzen.

 

Währungen und Preise

Durch Überlieferungen ist uns heute noch der Betrag bekannt, den man in Rom für verschiedene Waren und Dienstleistungen ausgeben musste – was Historikern und Romanautoren gleichermaßen fehlt, sind Aufzeichnungen über den konkreten Gegenwert, der die Kaufkraft nachvollziehbar macht. Hinzu kommt, dass die Inflation damals nicht geringer war als heute und es innerhalb von dreißig Jahren gewaltige Verschiebungen sowohl bei der Preisgestaltung als auch bei der Kaufkraft geben konnte. 

Folgende Münzen und Währungseinheiten sind überliefert:

As = 4 Viertel-Asse

Sesterze = 4 Asse

Denar = 4 Sesterzen

Aureus = 25 Denare

Talent = 24.000 Sesterzen – 6.000 Denare – 240 Aurei

Unter Augustus wurde das römische Währungssystem neu organisiert. Die Münzen aus Gold, Silber, Messing und Kupfer wurden erstmals in festen Gewichts- und Wertrelationen geprägt, so dass die Berechnungen aus der Zeit des Augustus wohl die mit der größten Wahrscheinlichkeit sind:

1 As 11 g Kupfer

1 Sesterze 25 g Messing

1 Denar 4 g Silber

1 Aureus 8 g Gold

Um ein Gefühl für die Preise und Kaufkraft im alten Rom zu entwickeln, greifen Historiker und Autoren meist auf eigene Berechnungen oder unterschiedliche Werte aus  verschiedenen Forschungen zurück. Tanja Kinkel hat bei ihrer Recherche zu Venuswurf zahlreiche Modelle geprüft und für ihren Roman ein Wertesystem zusammengestellt, das dem modernen Leser das Preisgefüge im alten Rom wie folgt verdeutlichen kann.

Durchschnittliche Preise zu Zeiten des Augustus und die vergleichbare Kaufkraft in Euro:

1 Keramik-Trinkgefäß 2 Asse € 0,25

1 Schoppen Wein 2 Asse € 0,25

1 einfache Hauptmahlzeit 2 Asse € 0,25

1 Kilogramm Dinkelmehl 2 Asse € 0,25

1 Kilogramm Weizenmehl 1,25 Sesterzen € 0,62

Tagesbedarf an Lebensmitteln für eine Person in bescheidenen Verhältnissen 2 Sesterzen € 1

1 Prostituierte in einem Gasthaus für die ganze Nacht 2 Sesterzen € 1

1 Pfauenei 20 Sesterzen € 10

1 Pfau 200 Sesterzen € 100

1 Maultier 500 Sesterzen € 250

1 Rind 800 Sesterzen € 400

Monatsmiete für einen durchschnittlichen Raum 20 Sesterzen € 10

Monatsmiete für eine große Wohnung 600 Sesterzen € 300

Preis eines durchschnittlichen Stadthauses ab 150.000 Sesterzen € 75.000

Preis eines durchschnittlichen Weinguts ab 500.000 Sesterzen € 250.000

1 »normaler« Sklave 2.000 Sesterzen € 1.000

1 »hübsche« Sklavin 8.000–24.000 Sesterzen € 4.000– € 12.000

1 Meerbarbe, 4 – 5 kg 12.000 Sesterzen € 6.000

1 Tunika 15 Sesterzen € 7,50

1 kg ungefärbte Seide 100.000 Sesterzen € 50.000

Jahresverdienst eines Lehrers 800 Sesterzen € 400

Jahressold eines Centurio 14.000 Sesterzen € 7.000

Von Piraten für Caesar gefordertes Lösegeld 1.200.000 Sesterzen € 600.000

 

Essen in Rom zu Zeiten von Venuswurf

Nur wohlhabende Römer konnten sich eine eigene Küche leisten. In den üblichen Miethäusern, den Insulas (Holzbauten mit bis zu sechs Stockwerken) war offenes Feuer verboten. Die Menschen, die dort wohnten, waren daher auf Garküchen angewiesen, wenn sie warmes Essen haben wollten. Schon aus diesem Grund waren die Essgewohnheiten der Menschen unterschiedlich. Während die einfachen Bürger zweimal am Tag aßen (morgens und abends), kannten die wohlhabenderen drei Mahlzeiten: Ientaculum (Frühstück) zwischen sieben und neun Uhr, Prandium (Mittagessen) gegen zwölf Uhr und Cena (die Hauptmahlzeit des Tages) ab fünfzehn Uhr. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Oberklasse bereits alle Verpflichtungen des Tages erledigt und suchte nach Gesellschaft und Zerstreuung mit Verwandten und Freunden. Die Cena dauerte oft bis spät in die Nacht und bot, im Gegensatz zu Frühstück und Mittagessen, auch warme Speisen.

Ein üblicher Speiseplan sah in der damaligen Zeit ungefähr so aus:

Frühstück: Brot und Wasser, etwas Öl, eventuell Zwiebeln und ein Stück Käse; bei den Wohlhabenderen auch Eier, Käse und Honig, dazu Milch, Kräuterquark und Obst.

Mittag: Hauptsächlich Obst und Gemüse, man verwendete aber auch die Reste der warmen Hauptmahlzeit des Vortags, etwa kaltes Fleisch oder Fisch.

Hauptmahlzeit: Bei den Armen gab es Puls, einen Getreidebrei aus Dinkelmehl, Wasser, Salz und Fett. Etwas besser Gestellte aßen ihren Puls mit Honig, Käse und Eiern, gelegentlich kam auch Schweinefleisch oder Fisch dazu. Ganz anders sah ein Menü bei den Reichen aus – eine überlieferte Speisefolge listet Wachteleier, Schafskäse in Olivenöl, Artischocken, Huhn auf parthische Art, Zucchini auf brindisische Art, Wildschwein, Datteln aus Jericho und Pfirsich Patina auf.

Egal ob arm oder reich – Römer schworen auf Garum, um ihre Speisen zu würzen. Es war damals so bekannt und beliebt wie heute ein Universalwürzmittel wie Maggi oder Ketchup und wurde sogar als Medizin für Verdauungsbeschwerden verwendet. Wenn Sie den Geschmack nachempfinden möchten, greifen Sie zu thailändischer Fischsauce; diese kommt dem Garum heute wohl am nächsten.

Wenn Sie die besondere Würze näher am Original und (auf eigene Gefahr) selbst herstellen möchten, besorgen Sie sich zweihundert Gramm eingelegte Sardellen – wahlweise können Sie die Fische auch selbst über Nacht salzen und mehrere Monate in die Sonne stellen –, mischen Sie diese mit einem halben Liter harzigen Wein, einem guten Schuss Honig und jeder Menge Liebstöckel. Passieren Sie die Mischung durch ein Sieb. Wenn Sie dann eine hässlich-graue Flüssigkeit mit grünen Punkten vor sich haben, sind Sie sehr nah am Original. Guten Appetit!

 

Sklaven

Ohne Sklaven wäre das Römische Imperium nicht denkbar gewesen. Man darf nicht vergessen: Rom wurde von Bauern und Hirten gegründet; erst die späteren kriegerischen Erfolge und der damit einhergehende, nahezu ununterbrochene Strom von Sklaven schufen die Voraussetzung für die wirtschaftliche und damit einhergehende militärische Expansion. Caesar machte in seinen gallischen Feldzügen bis zu einer Million Kriegsgefangene; der Großteil von ihnen wurde als Sklaven verkauft. Im Rom Caesars waren wohlhabende Bürger mit über fünftausend Sklaven keine Seltenheit.

Auf dem größten Sklavenmarkt der damaligen Zeit auf der Insel Delos im östlichen Mittelmeer wurden täglich sechs- bis zehntausend Sklaven gehandelt. Um die Zeitenwende haben allein in Italien schätzungsweise drei Millionen Sklaven als rechtlose, billige Arbeitskräfte gelebt. In Rom war jeder vierte Mensch ein Sklave. Auf diese Weise entstand dort eine erste multikulturelle Gesellschaft, die stark von griechisch sprechenden Sklaven aus dem östlichen Mittelmeerraum geprägt wurde.

Die Tätigkeitsbereiche für Sklaven waren weit gefächert: Sie dienten als Landarbeiter, Dienstboten aller Art, Ammen, Gaukler, Tänzerinnen, Huren und Gladiatoren – aber auch als Bibliothekare, Ärzte und Lehrer.

Grundsätzlich muss man zwischen Haussklaven und Feldsklaven unterscheiden. Haussklaven dienten nicht nur dazu, ihrem Besitzer das Leben zu erleichtern, sondern auch, um den Reichtum ihrer Eigentümer nach außen zu vermitteln. Der Reichtum und die Vermögensklasse waren das alleinige und entscheidende Kriterium für jegliches Ansehen, die Besetzung von öffentlichen Ämtern daher zunächst eine Frage des Vermögens, nicht der Eignung. Die finanzielle Voraussetzung, in einen anderen Stand zu wechseln – beispielsweise in den Ritterstand oder den Senatorenrang –, wurde alle fünf Jahre durch einen Schätzer überprüft.

Haussklaven hatten oft nur einen sehr begrenzten Aufgabenbereich – so ist überliefert, dass es Sklaven gab, die lediglich dazu bestimmt waren, ihre Besitzer bei deren seltenen Spaziergängen auf Unebenheiten im Straßenbelag aufmerksam zu machen. Solchen Sklaven ging es oft besser als freien, aber verarmten Bauern und Handwerkern, die den immer neuen jungen, kräftigen und billigen Arbeitssklaven auf die Dauer nichts entgegensetzen konnten.

Feldsklaven wurden, anders als Haussklaven, geschunden, ihre Arbeitskraft auf brutalste Art und Weise bis zu ihrem gewöhnlich sehr frühen Tode ausgenutzt. Ohne sie wäre die Versorgung der immensen römischen Stadtbevölkerung mit Lebensmitteln und anderen Verbrauchsgütern kaum sicherzustellen gewesen. Ihr Dasein auf den Feldern – oder auch in Minen, Steinbrüchen, Ziegeleien oder beim Straßenbau – diente ausschließlich der Gewinnmaximierung ihrer Inhaber und stand fortlaufend unter massivem Druck der Aufseher, welche Widerstand oder Flucht grundsätzlich mit dem Tode bestraften. 

Feldsklaven hatten in der Regel keine Möglichkeit, ihre Freiheit zu erlangen – etwas, auf das Haussklaven durchaus hoffen konnten. Diese hatten beispielsweise die Möglichkeit, Geld anzusparen, um sich – natürlich nur mit dem Einverständnis ihrer Besitzer – bei diesen freizukaufen. Auch war es nicht ungewöhnlich, wenn verdienten Sklaven zur Belohnung die Freiheit geschenkt wurde. Vollwertiger römischer Bürger, also jemand, der für Ämter wählbar war, konnte aber erst der Sohn eines freigelassenen Sklaven werden. 

 

Römische Feiertage

Dem Leser von Venuswurf wird es auffallen: Feste fanden in Rom nahezu ununterbrochen statt. Religiöse Feiertage, Wettkämpfe und politische Veranstaltungen hielten sich dabei die Waage. Als wichtigste Feiertage galten die Saturnalien, Bacchanalien, Lupercalien und die Bona-Dea-Rituale. Bei der zunehmenden Verbreitung des Christentums wurden viele dieser »heidnischen« Feste in veränderter Form in die neue Religion übernommen.

Bacchanalien 15. und 16. März. Feierlichkeiten zu Ehren von Bacchus, dem Gott des Weins. Diese Feste steigerten sich zu ausgelassenen, zügellosen Orgien, die im Jahre 186 nach Christus verboten wurden.

Bona Dea 1. Mai und 4. Dezember. Bona Dea (»die gute Göttin«, auch Fauna genannt) war die Göttin der Fruchtbarkeit, Heilung, Jungfräulichkeit und der Frauen. Ihr zu Ehren wurden am 4. Dezember von Frauen geheime Riten abgehalten; selbst Abbildungen von Männern oder männlichen Tieren waren am Ort der Riten verboten. Am 1. Mai fand ein öffentliches Fest zu Ehren der Bona Dea statt – und auch hier waren keine Männer zugelassen.

Lemuria 9., 11. und 13. Mai. Fest zu Ehren der Geister der Toten, die einen gewaltsamen oder verfrühten Tod erlitten.

Liberalia 17. März. Feier der alten Fruchtbarkeitsgötter Liber und Libera. Mit Efeu bekränzte alte Frauen verkauften den Römern an diesem Tag die Liba genannten Honigkuchen, welche sie im Namen ihrer Kunden auf einem kleinen, tragbaren Herd dem göttlichen Paar opferten.

Lupercalien 15. bis 23. Februar. Fest zu Ehren der Liebesgöttin Juno Februata. Bei den Lupercalien trafen sich die Unverheirateten zu turbulenten Festen – der Ursprung des heute noch bekannten Valentinstags.

Nonae Caprotinae 7. Juli. An diesem Tag schnitten Frauen und ihre an diesem Fest gleichberechtigten Sklavinnen Zweige von den Feigenbäumen ab und verwendeten den austretenden Saft, die Feigenmilch, als Opfergabe für die Göttin Juno.

Robigus 25. April. An diesem Tag wurde der Gottheit Robigus/Robigo mit Opfern gehuldigt, um das Getreide vor dem von Bauern gefürchteten Rostbrand, einer Bakterieninfektion, zu schützen.

Saturnalien 17. Dezember (später zwischen dem 17. und 23. Dezember). Ein Fest zu Ehren des Gottes Saturn. An diesem Tag wurden alle Standesunterschiede aufgehoben, teilweise die Rollen zwischen Sklaven und Herren umgekehrt. Vergleichbar mit unserem Karneval.

 

Die Lex Julia

Im Jahr 19 vor Christus ließ sich Augustus vom Senat die cura morum übertragen, die Sittenaufsicht. In der Rückbesinnung auf alte Werte und Moralvorstellungen sah er eine Möglichkeit, die geistigen Verheerungen der Bürgerkriege zu heilen. Im Jahr darauf ließ er eine allgemeine Pflicht zur Ehe einführen. Augustus selbst hatte in den Jahren seines Aufstiegs nicht eben ein Muster altrömischer Tugenden abgegeben – die erzwungene Scheidung seiner dritten Frau Livia von ihrem früheren Mann war dafür nur ein Beispiel. Würde und Autorität des »ersten Bürgers« erforderten es nun aber natürlich, dass Augustus und seine Familie mit gutem Beispiel vorangingen. Dies führte zum Zerwürfnis mit seiner Tochter Julia; sie wurde nach den neuen Gesetzen der Lex Julia de adulteris verurteilt und verbannt. Durch die Lex Julia wurde es – unter anderem zur Stärkung rein römischer Familien – Junggesellen verboten, Vermächtnisse anzunehmen; verheiratete, kinderlose Männer mussten einen erheblichen Teil ihrer Einkünfte als Steuern abführen; in einer späteren Ergänzung wurden Familien mit mehr als drei Kindern die Steuern weitgehend erlassen. Der Geschlechtsverkehr mit einer unverheirateten Römerin wurde mit Geldstrafe oder Verbannung geahndet, Ehebruch (mit) einer verheirateten Frau mit Vermögenseinzug, körperlicher Züchtigung und/oder Verbannung. Ein Mann, der seine Frau beim Ehebruch ertappte, durfte den Ehebrecher töten, solange sich dieser noch in seinem Haus aufhielt; seine Ehefrau musste er zwar verschonen, aber verstoßen, da er sonst selbst der Zuhälterei angeklagt werden konnte. Der Geschlechtsverkehr mit einer Sklavin – ob nun in beiderseitigem Einverständnis oder nicht – blieb übrigens straffrei, es sei denn, der Wert der Sklavin wurde dadurch gemindert. 

 

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