Verlagsgruppe Droemer Knaur



Interview mit Iny Lorentz zu "Die Pilgerin"

Iny Lorentz

Ihr Buch Die Pilgerin erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die im Mittelalter nach Santiago de Compostela pilgert. Der Jakobsweg erlebte ja in letzter Zeit, z.B. durch Prominente wie Hape Kerkeling, einen wahren Boom – was hat Sie an diesem Thema so besonders fasziniert?

Die Bereitschaft und die Begeisterung, mit der die Menschen in der damaligen Zeit die Mühen und Gefahren einer solch beschwerlichen Pilgerreise auf sich genommen haben, hat uns schon lange sehr beeindruckt , aber auch der Austausch an Wissen und Kultur, der mit den Pilgerströmen einher ging und der die Entwicklung Europas nachhaltig beeinflusst hat.

Dass sich hinter dem Markennamen Iny Lorenz ein Ehepaar verbirgt, ist kein Geheimnis – wer von Ihnen beiden kam auf die Idee zu Die Pilgerin, Iny oder Elmar?

Manche Ideen kommen uns gleichzeitig und unabhängig voneinander, wie z.B. bei der Kastratin und der Löwin. Dann wieder verbinden wir einzelne Ideen zu einer Geschichte, so wie es bei der Wanderhure der Fall war. Bei der Pilgerin hatten wir beide schon lange den Wunsch, einen Roman über eine Pilgerfahrt zu schreiben. Die Idee gehörte mehrere Jahre zu unserem Fundus an Kurzexposés und wurde im Lauf der Zeit mit den Überlegungen zum persönlichen Schicksal unserer Heldin und den Problemen einer kleinen Reichsstadt ergänzt.

Erzählen Sie uns von der Recherche – waren Sie selbst auf dem Jakobsweg unterwegs?

Wir haben den Jakobsweg zu einem großen Teil mit dem Auto abgefahren und uns etliche der Stellen, die im Roman vorkommen, genauer angesehen. Darüber hinaus haben wir uns in den zwei Jahren, in denen wir Die Pilgerin geplant und geschrieben haben, jedes Buch über den Jakobsweg, Santiago da Compostela und das mittelalterliche Pilgerwesen im allgemeinen besorgt, das wir bekommen konnten.

Pilgern ist heute lange nicht mehr so gefährlich wie damals – doch beschwerlich ist es natürlich immer noch. Weswegen nehmen Pilgerfahrten heute auch in Europa wieder zu? Ist das eine Mode-Erscheinung?

Sicher ist die Pilgerschaft heute nicht mehr das gleiche wie in der Zeit, in der unser Roman spielt, denn auch der Glaube der Menschen hat sich gewandelt. Unserem Eindruck nach machen sich die Pilger jetzt aus anderen Gründen auf die Reise. Ihnen geht es mehr um Selbstfindung und eine Nähe zu Gott, die sie auf diesen Weg finden wollen. In früheren Zeiten war eher ein Gelübte oder ein Vorzeichen der Auslöser.

Die Hauptdarsteller Ihrer Romane sind stets Frauen in Zeiten, in denen die Emanzipation keine Rolle spielt. Sie müssen oft in die männliche Rolle schlüpfen, um überleben zu können. Was finden sie an Frauenschicksalen so spannend?

Frauen waren stets größeren Einschränkungen unterworfen als Männer, und ein von der Norm abweichendes Schicksal zu beschreiben, stellt für uns eine tolle Herausforderung dar. Bei männlichen Protagonisten gibt es nicht so viele Spannungsfelder und vieles wäre einfacher zu beschreiben. Einen Roman über ein Frauenschicksal müssen wir uns viel härter erarbeiten, und das macht uns auch mehr Spaß. 

In Ihrem Bestseller „Das Vermächtnis der Wanderhure“ geht es zuweilen ziemlich deftig zu – ist die Pilgerin denn keuscher oder machen wir uns falsche Vorstellungen von Pilgerfahrten im Mittelalter?

Für uns sind Abenteuer und Erotik ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Romane. Die Zeiten waren für heutige Verhältnisse unvorstellbar hart, auch wenn die Menschen, die in sie hinein geboren wurden, dies wahrscheinlich nicht so empfanden. Die Erotik war – trotz der Verfeinerung durch die Minnesänger – viel derber als die meisten es sich heute vorstellen können. Man lebte in jenen Zeiten seine Gefühlen und Begierden stärker aus. Davon zeugen Sühnekapellen, Kirchen und Klöster, die ihr Entstehen dem schlechten Lebenswandel der Stifter verdanken, die in späteren Jahren um ihre unsterblichen Seelen zu fürchten begannen.
Die Erotik in der Pilgerin ist also sicher eine andere als in der Wanderhure, eine Pilgerfahrt diente ja zur Reinigung der Seele. Trotzdem gab es auf den langen Wegen immer wieder Anfechtungen – und nicht wenige erliegen diesen ...

Im Laufe der Geschichte besuchen Ihre Leser wichtige Stationen des Jakobswegs – könnte man auf den Spuren der Pilgerin auch heute nach Santiago de Compostela kommen? Wie nah bleiben Sie in Ihrem Roman an der historischen Wahrheit, und gibt es für Ihre Figuren und Schauplätze reale Vorbilder?

Der Weg der Pilgerin folgt bis auf winzige Abweichungen den in jener Zeit gebräuchlichen Pilgerwegen nach Santiago, die auch heute noch existieren. Ulm und Einsiedeln waren Sammelpunkte der Santiagopilger und in Frankreich benutzte die Pilgergruppe mit Tilla mit der Via Podiensis, sprich der Strecke über Le Puy einen der meistbegangenen Jakobswege in Frankreich. Die meisten Kirchen und Plätze, an denen unsere Pilger vorbei kommen, sind daher real. Ebenso real war der hundertjährige Krieg und der Kampf um den Thron Kastiliens. Das Vorbild der Stadt Tremmlingen war die Stadt Donauwörth, die ebenso wie unser Städtchen mehrfach den Begehrlichkeiten der bayerischen Herzöge ausgesetzt war. Der einzige Grund, weshalb wir nicht Donauwörth als Heimat unserer Pilgerin gewählt haben, lag in ihrem familiären Umfeld und dem Kampf um "ihre" Stadt.

Viele Autoren bewohnen abgelegene Domizile, um an ihren Werken zu schreiben. Wo schreiben Sie und wie schaffen Sie sich die richtige Atmosphäre um Ihre historischen Figuren zum Leben zu erwecken?

Eine gewisse Abgeschiedenheit beim Schreiben ist auch für uns unverzichtbar. Jeder von uns besitzt sein eigenes Arbeitszimmer und wir vermeiden es nach Möglichkeit, uns gegenseitig zu stören. Die Atmosphäre in unseren Romanen entsteht durch ein intensives Eintauchen in die entsprechende Zeit, in die Landschaft und die jeweilige Kultur, sei es durch Recherchereisen, Sachbücher, Bildbände oder Filme auf Video oder DVD.

 

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