Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Lincoln Child im Interview

Eine Autorenpartnerschaft ist ja sicher nicht so einfach – über was streiten Sie sich mit Douglas Preston am meisten?

Um ehrlich zu sein, wir streiten nicht mehr so viel. Ich denke, wir sind am Anfang unserer Karriere sensibler mit der gegenseitigen Kritik und in der Bearbeitung unseres Materials umgegangen. Aber wir waren auch mehr auf unsere eigenen Ideen fixiert und haben ziemlich viel diskutiert. Am meisten darüber, welchen Verlauf die Geschichte nehmen sollte. Doug wollte beispielsweise, dass die Entwicklung in eine bestimmte Richtung geht oder dass eine Figur etwas Bestimmtes tut, während ich etwas anderes wollte. Aber je mehr wir im Laufe der Jahre miteinander gearbeitet haben und je mehr Bücher jeder für sich geschrieben hat, umso mehr haben wir gelernt, dem Geschmack des anderen zu vertrauen und uns auf dessen Einschätzung und Fähigkeiten zu verlassen. Und ich glaube, unsere Partnerschaft besteht jetzt wirklich aus Vertrauen und Respekt. Das hat die Streitereien in den letzten Jahren reduziert.

Mal ganz objektiv betrachtet – wer hat die meiste Arbeit?

Ich bin nicht sicher, ob Sie meinen, wer von uns härter arbeitet oder wer von uns mit der schwierigeren Arbeit betraut wurde. Die Antwort liegt sicher irgendwo dazwischen. Ich würde sagen, Doug hat eigentlich die meiste Arbeit, weil er wahrscheinlich mehr Kapitel schreibt als ich. Vermutlich schreibt er 60 % oder 65 % der Kapitel. Wobei ich glaube, es fällt ihm leichter als mir. Mein Job ist schwieriger in dem Sinne, als dass ich härter daran arbeiten muss, die Kapitel aufzubereiten. Weil ich aber als Autor so etwas wie ein Besessener bin, sind meine Kapitel, wenn sie einmal geschrieben sind, etwas ausgereifter. Vorausgesetzt, sie entwickeln sich von Anfang an in die richtige Richtung, muss man nicht mehr Zeile für Zeile daran herumfeilen, wie etwa bei Dougs Kapiteln. Somit hat jeder von uns, auf seine Weise, den härteren Job.

Von all Ihren gemeinsamen Bestsellern – welcher ist Ihr Lieblingsthriller und warum?

Diese Frage wird mir häufig gestellt, und meine unverfängliche Antwort ist: Wenn ich von all meinen „Kindern“ eines nennen müsste, wäre es wahrscheinlich Formula – Tunnel des Grauens Die Geschichte spielt in New York und hat wirklich eine ganze Menge New Yorker beeindruckt. Das war der Startschuss für unsere Karriere und die des Agenten Pendergast. Ich liebe die Geschichte, weil sie sozusagen eine altertümlich-gruselige Atmosphäre an sich hat. Sie spielt nicht nur im heutigen New York City, sondern auch Mitte des 19. Jahrhunderts in dem Bezirk Five Points, einem entsetzlichen Elendsviertel. Es gefällt mir wirklich gut, wie uns das gelungen ist. Ich glaube, der Bösewicht, der Chirurg, ist ein exzellenter Schurke. Es gibt viele Hintergrundinformationen zu Pendergasts Familie und Doktor Leng. Das gefällt mir, genauso wie die Figur der Constanze, die ich persönlich sehr mag. Sie wird nur in einem Satz vorgestellt, dafür aber umso mehr in diesem Buch charakterisiert. Aus all diesen Gründen liegt mir Formula – Tunnel des Grauens wirklich sehr am Herzen.

Was den Auflagenerfolg und die Anerkennung anbelangt, haben Sie vermutlich alles geschafft, was ein Schriftsteller sich wünschen kann. Gibt es Projekte, von denen Sie noch träumen?

Nun, ich hätte nie gedacht, dass ich es auf Platz 4 der New-York-Times-Bestsellerliste schaffen würde. Überhaupt jemals auf die Bestsellerliste der New York Times! Als unser erstes Buch Relict im Taschenbuch Platz 14 erreicht hatte, war meine erste Reaktion: „Wow, das ist fantastisch!“ Und als sich die erste Aufregung gelegt hatte: „Mann, jetzt muss ich Platz 10 erreichen.“ Und wenn Sie Platz 10 haben, wollen Sie in den einstelligen Bereich und dann in die Top 5. Also, rein theoretisch: Würde es mir gefallen, die Nummer 1 zu werden? Natürlich würde es das! Wissen Sie, es gibt enorme Verpflichtungen, die mit der Nr. 1 der Bestseller verbunden sind. Realistisch betrachtet – werde ich das jemals erreichen? Man soll niemals nie sagen, aber es ist nicht einfach! Ich würde es mir wünschen, aber ich kann mir wirklich nicht vorstellen, höher als Platz 4 zu klettern. Mit Sicherheit würde ich sehr hart dafür arbeiten. Aber ich hoffe nicht darauf, weil ich nicht enttäuscht werden möchte. Und natürlich gibt es andere Projekte, die ich gerne verwirklichen möchte, mit denen ich schon angefangen habe. Lieblingsprojekte, die kommerziell nicht erfolgreich sein müssen. Wissen Sie, ich habe große Freude daran, Bücher mit Doug zu schreiben. Doug und ich, im Augenblick vor allem ich, wollen in gewisser Weise die Bücher schreiben, die wir auch gerne lesen würden. Wir wollen nicht zynisch sein und Bücher schreiben, von denen wir glauben, dass sie sich gut verkaufen. Wir schreiben Bücher, bei denen wir Spaß an der Recherche haben, Spaß am Schreiben und am Lesen. Ich glaube, unsere Leser honorieren das. Die Folge davon ist eine harte, aber dankbare Arbeit. Mit einer zweiten Solokarriere, die Doug und ich ebenso verfolgen, haben wir eine Alternative für Projekte oder Krimis, die der eine schreiben möchte und für die der andere kein Interesse zeigt.

Lincoln, als Schüler haben Sie Science-Fiction- und Fantasy-Romane geschrieben – dürfen Ihre Fans irgendwann mal etwas aus dieser Richtung erwarten?

Ich denke, im Sinne einer reinen Science-Fiction- oder Fantasy-Geschichte eher nicht. Daran habe ich kein Interesse. Ich bin ein großer Fan von Tolkien und genieße es, Science-Fiction-Filme zu sehen – solange sie ein gewisses Maß an Spannung besitzen. Aber ich glaube, ich möchte für keines der beiden Genres schreiben – außer, ich wäre in der Lage, einen ausgesprochen neuen, interessanten und wirklich revolutionären Stoff dafür zu finden. Beide Stilistiken haben mich stark beeinflusst. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es noch viel mehr in beiden Genres zu sagen gibt, erst recht nicht von mir.

Aber, wissen Sie, eine ganz neue Richtung zu suchen, ist wie einen neuen Weg zum Schreiben zu finden – auf jeden Fall in diesen beiden genannten Genres. Wie Harry Potter im Fantasy – wenngleich es auch Bezug auf bewährtes Vergangenes nahm. Oder ein Film wie Alien, der Science-Fiction eine ganz neue Richtung vorgab, obwohl er auch auf Bewährtes zurückgriff, aber es auf eine erfrischend neue Art angewendet hat. Es gibt Teile unserer gemeinsamen und unserer Solo-Bücher, die einen kleinen Trend in die Science-Fiction zeigen. Ich meine damit, dass die Computer öfter ein oder zwei Jahre in die Zukunft versetzt wurden, wie in meinem Buch Death Match oder in meinem kürzlich veröffentlichten Buch Deep Storm, das ich nicht zitieren kann, ohne zu viel zu verraten. Doch die Überraschung am Ende hat eine deutliche Science-Fiction-Variante. Trotzdem spielt es unverkennbar im Rationalen, in der Moderne, ähnlich wie Michael Crichtons Bücher Andromeda oder Jurassic Park Elemente enthielten, die man der Science Fiction zuordnen kann. Zum Beispiel die Dinosaurier und das Klonen von Dinosauriern mit ihrer DNA. Andererseits fügte er dem mit dem riesigen Naturpark noch ein solides Element hinzu, weil es ihn noch nicht so berührte, wie er selbst es sich vorstellte. Auf die gleiche Weise füge ich Science-Fiction oder wenigstens einen Hauch davon in unsere Geschichten ein, damit sie auch für mich als Autor interessanter werden.

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